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Fotos im Interview

Fotos im Interview

Wenige Stunden vor dem Fotos-Auftritt im WUK am 16. Mai, haben wir uns Sänger Tom geschnappt und ein paar Fragen gestellt. Es ging über eine Tour durch Asien, Angst, Eigentümlichkeiten und vieles mehr. Aber lest doch selbst rein…

Habt ihr Erinnerungen an euer erstes Konzert, was hat sich seitdem verändert?
Das ist schon sehr lange her, fast sieben Jahre, und ich glaube es war auf so einem schwimmenden… wie nennt man das? Im Hamburger Hafen, da sind so… schwimmende Stege, und auf einem von denen haben wir kurz nach unserer Gründung gespielt. Dann kam Deniz als Gitarrist dazu, zwischenzeitlich hatten wir Arne dabei als zweites Schlagzeug, Keyboard und Percussion. Natürlich hat sich auch das Set sehr verändert, und auf Dauer spielt man einfach besser, also die Übung macht schon den Meister. Wobei, manchmal haut man auch wieder total daneben, das ist einfach nicht zu vermeiden.

Eure letzte große Tour hat euch quer durch Asien gebracht. Wie war das?
Ja, es ging durch Indonesien, Indien, Sri Lanka und Bangladesch. Wir wurden gefragt, ob wir an einer Zusammenarbeit mit Schulen Interesse haben, ausgehend vom Goethe Institut. Die Texte unserer aktuellen Platte Porzellan wurden für den Deutschunterricht als Lehrmaterial benutzt, und das Konzert war dann quasi die praktische Erfahrung. Es durfte jeder kommen und der Eintritt war frei, weil viele sich dort ein Konzert gar nicht leisten können. Da ergaben sich immer sehr schöne Situationen mit 500 bis 2000 Kids und tolle Reaktionen von den Zuschauern.

 

 

Wenn die Texte nicht von jedem verstanden werden, wieso springt der Funke trotzdem über?
Das ist nie ein Problem gewesen, tatsächlich merkt man, dass Musik als Sprache funktioniert, egal ob wir in China, Mexiko oder Weißrussland waren. Das ist, glaube ich, nur in den USA, England und Frankreich so, weil die sehr (zögert) nationalistisch mit ihrem Musikmarkt sind, das sind geschlossene Systeme und die wollen da wenig Anderes haben. Selbst wenn wir Englisch singen würden, wären wir dort eine deutsche Band. Aber in allen anderen Ländern, in denen wir bis jetzt waren, ist es so, dass man dort auch kein Englisch spricht.

Könnten diese anderen Märkte für euch ein zweites Zuhause werden?
In diesen Ländern gibt es keinen Musikmarkt in dem Sinne. Musik wird in erster Linie gebrannt und Konzerte dort sind schwer zu finanzieren. Insofern gibt es da wohl wenig Zukunft. Auch wenn wir inzwischen zum Beispiel in Indonesien sehr viele Fans haben, ist noch einmal hinzureisen einfach zu teuer, und die Kids haben kein Geld um auf die Konzerte zu kommen. Deswegen ist man jetzt erst mal hier, in Deutschland, Österreich und der Schweiz, unterwegs, was auch sehr schön ist.

Jetzt zu eurem aktuellen Album Porzellan. Man behauptet, euer Sound hätte sich verändert und ihr klingt ernster, erwachsener als zuvor. Sind FOTOS erwachsen geworden?
Es ist in einer sehr ernsten Phase entstanden, sehr ernst! (schmunzelt) Mir ging’s in der Zeit nicht so gut, es war eine Neudefinition nötig, und wir haben uns nach vier Jahren non-stop-touren und Alben aufnehmen eine kleine Auszeit genommen. In der Zeit ist in meinem Leben ziemlich viel durcheinander geraten. Natürlich wollten wir uns auch klanglich austoben und keine Limitierung haben, wie vorher durch das Major-Label. Wenn man deutsches Radio hört, dann merkt man, dass es geschmacklich ein sehr abgesteckter Raum ist, mit sehr langweiliger Musik. Klar muss man die Konsequenzen tragen, wenn man sich austoben will. Als Pop-Band hatten wir viele von den vermeintlich „kunstorientierten Musikkennern“ nicht überzeugen können, jetzt sind wir in deren Metier vorgestoßen und hoffen, dass sie sich angeregt fühlen, genau hinzuhören.

Wie kommen die neuen Songs beim Livepublikum an?
Sehr gut, obwohl wir anfangs ein wenig Sorge hatten. Wir haben wegen der extremen Verzerrungen auch lange an der Live-Umsetzung gearbeitet, waren dann aber überrascht, wie schnell es im Vergleich zum letzten Album ging. Tatsächlich ist das Publikum ein bisschen älter geworden. Das ist schön, weil das Publikum jetzt noch gemischter ist und in erster Linie aus Leuten besteht, die sich für Musik interessieren, und nicht nur für vier extrem gutaussehende junge Männer (lacht).

Manche deiner Texte könnte man gesellschaftskritisch interpretieren, allen voran Mauer. Ist da was dran oder spiegelt sich darin eher persönliches Empfinden?
Das meiste, was ich schreibe ist sehr persönlich, also selbstreferentiell. Dementsprechend ist auch Mauer ein persönliches Lied. Es geht um Depression und Selbstabschottung. Letzten Endes ist es ja fast im Stil „sozialistischer Realismus“ gehalten, mit dieser Fröhlichkeit und dieser manischen, klaren Schreibweise in den Strophen. Und dann der sich ewig wiederholende Refrain, das Mauerbauen im Kreis. Ich habe viel experimentiert und suche ständig nach neuen Möglichkeiten, mir das Texten weiter spannend zu gestalten, und das ist eine Variante davon. Bei Nacht zum Beispiel sind die Binnenreime, die zahnradartig ineinander greifenden Sätze aus dem Hip Hop entlehnt.

Heißt das, dass euer Musizieren in erster Linie persönlicher Selbstausdruck ist? Welchen Stellenwert hat euer Publikum?
Das sind ja globale Fragen (lacht). Naja, natürlich entsteht die Kunst, die aus einem rauskommt, aus eigenem Antrieb. Um sich von der angesammelten kreativen Energie zu befreien, tut es einfach gut, sich da selbst zu verwirklichen. Es ist auch eine Art Selbsttherapie, wie bei vielen Musikern. Wenn daraus ein Miteinander mit dem Publikum entsteht, vor allem live, gibt das unglaublich viel Antrieb. Für uns ist es immer schön, wenn sich ein korrespondierendes Publikum ergibt.

Klingt ziemlich zufrieden … ?
Musikalisch sind wir so zufrieden wie nie zuvor, wobei wir gerade wieder einen kleinen Umbruch haben, wie immer zwischen zwei Alben. Wir haben uns jetzt mit Porzellan sehr arg selbst verwirklicht und ausgetobt, arbeiten momentan aber wieder an Stücken, die eher wie die vom ersten Album funktionieren, also klar, einfach und poppig. Wir sind jetzt gerade an einem Punkt am Ende der Reise des Sich-selbst-Ausprobieren. Wir haben drei total unterschiedliche Alben gemacht, eines poppig und radiokompatibel, eines mit klassischer Indie-Gitarrenmusik, und das dritte ist experimentell und mutig. Man lernt eben viel dazu, und ich glaube, als nächstes entsteht etwas, bei dem wir uns aus allen drei Welten das herausnehmen, was uns am besten gefällt und guttut.

 

 

Habt ihr andere bandinterne Eigentümlichkeiten?
Jeder, der mal mit einer Band unterwegs war, weiß, dass sich sofort, wenn man den Tourbus betritt, eine eigene Dynamik entwickelt, eine eigene Sprache und Humor. Dann mutiert man zu einem mehrköpfigen Monster, und das ist eigentlich ganz schön. Bei uns läuft alles immer sehr harmonisch, wir diskutieren zwar viel, streiten uns aber nie.

Wie geht‘s in Zukunft weiter, habt ihr einen Plan B?
Ach, das schöne daran ist, dass es keinen Plan B gibt. (Deniz kommt gerade vorbei). Oder Deniz, gibt‘s einen Plan B?
Deniz: Leider nicht. Ich hab keinen. (lacht)
Tom: also für Deniz und mich gibt‘s keinen Plan B. Das Schöne an der Musik ist ja, dass man sich nicht dafür entscheidet, sondern dass man es entweder ist, oder nicht. Das Scheitern gehört dazu!
Abgesehen davon hat jeder schon seine eigenen Projekte. Benedikt macht sehr viel mit Fotografie und Film, Frieder hat sein eigenes Studio. Deniz und ich arbeiten unabhängig von der Band sehr viel an Musik. Deniz wird jetzt vielleicht Moderator für eine Fashion Sendung! (scherzhaft)
Deniz: Und du wirst vielleicht Moderator für eine Musiksendung!
Tom: Vielleicht wird keiner von uns Moderator. Eher moderater!
Deniz: Wär auch besser! Achja, und wir spielen im November in Portugal.
Tom: Ja, wir freuen uns auf Portugal!

Gibt es eine Textzeile oder ein Lied, das euch gerade besonders gut beschreibt?
So wie wir uns gerade fühlen? (gähnt) Wir haben leider keinen Song, der „Müde und Erschöpft“ heißt. Aber das kommt bestimmt noch. Ich bin ja bekannt für meine nihilistischen Texte!
Deniz: Wir sind immer sehr gerne in Wien, haben auch einige gute Freunde hier und waren jetzt drei Tage da. Heute ist der letzte Tag, und dementsprechend fühlen wir uns auch. (schmunzelt)
Tom: Scheiden tut weh!

Die letzten Worte gehören dir…

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