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Thees Uhlmann im Interview

Thees Uhlmann im Interview

Am 14.7. fand das Grand Hotel Van Cleef Festival statt. Neben Young Rebel Set, Beat! Beat! Beat! traten auch The Hidden Cameras, Thees Uhlmann & Band und Kettcar auf. Einen Tag darauf trafen wir Thees Uhlmann, dessen Album am 26.8. erscheinen wird.


Also, gestern Abend…

Der shit war ja wohl massive, oder was?!

Zweifelsohne! Als alles schon vorbei war, hat die Menge Die Schönheit der Chance gesungen. Wie ging es dir dabei, denn das ist ja ein TOMTE-Lied, kein THEES UHLMANN-Lied.
Trotzdem, es ist halt mein Song! Den hab ich geschrieben, den hab ich mir ausgedacht! Ein sechzehnjähriger aus Nordniedersachsen hat sich das ausgedacht. Wenn du Kunst machst, wenn du Musik machst … du kannst eine Million verdienen, du kannst im Stadion spielen, aber es wird nicht besser als das! Eine Million ist geil, ein volles Stadion ist auch geil, aber es wird nicht besser als das! Wisst ihr, was ich meine, ungefähr?
Es war einfach wunderschön. Eine der schönsten Sachen im Leben. Und Tobias Kuhn meinte gestern nach dem Konzert: „Ey Mann, Thees, weißt du was, du sahst so glücklich aus auf der Bühne!“ Echt super!

Hast du einen besonderen Bezug zu Wien?
Also was ich nie vergessen werde ist, dass wir in Wien wirklich unsere ersten großen Konzerte gespielt haben, ein paar Jahre bevor das in Deutschland angefangen hat. Mit groß meine ich halt so 40, 50 Leute. Wien war immer wahnsinnig freundlich zu uns! Und das vergisst man nicht.

Bist du öfters hier?
Ab und zu. Mein Stammfotograf ist ja Ingo Pertramer, der hat jedes Foto von mir gemacht in den letzten neun Jahren. Er sagt immer, ich bin der bestdokumentierte Rocktyp nach U2, die ja schon seit glaub ich 20 Jahren mit Anton Corbijn ihre Fotos machen. Und danach komm ich.

Hast du Lieblingsplätze in Wien?
Da würd ich sagen … bei Foto-Ingo auf dem Sofa, weil das ist eine ganz tolle Wohnung und ganz tolle Familie. Und da mit den Kindern so abzuhängen auf dem Sofa, und zu sehen, wie sie immer älter werden. Dass der Sohn vor drei Jahren noch so: „Hallo Thees, wollen wir mit Autos spielen?“ und jetzt so „Na, auch schon wieder hier? Ich geh jetzt skaten.“ Natürlich, geile Stadt, aber es ist mehr so der Ort selbst als die Sachen rund herum und darin.

Lass uns am Anfang beginnen: Wie hast du deine Jugend verbracht?
Irgendwann waren wir so wahnsinnige Rock und Heavymetal Fans, mit 14, und bis nach Hamburg und Bremen dauert es jeweils anderthalb Stunden. A ist man da nicht hingekommen, B durfte man dort überhaupt nicht hin. Wir waren so eine Gruppe von 40 Leuten, die Heavymetal gehört haben, ganz klassisch. Da gab‘s ein Jugendzentrum, so 30 km entfernt, da haben wir Heavymetal-Abende gemacht. Da gab‘s nur einen einfachen Ghettoblaster, den haben wir so laut aufgedreht wie‘s irgendwie ging und dann haben wir so gemosht und Pogo getanzt. Das muss unglaublich absurd ausgesehen haben. Von 19:00 bis 23:00 Uhr haben wir gemosht, dann haben meine Eltern mich und meinen Kumpel Stemmi wieder abgeholt und wir standen beide so mit hängenden Köpfen am Treffpunkt, weil der Kopf einfach so vernichtet war vom Moshen. Und am nächsten Tag so aufgewacht: „Ah, ich hab Muskelkater vom Moshen!“
Und ich bin unglaublich viel Fahrrad gefahren. Zu Diskos und wieder zurück. Wir sind ja auch so 20 km gefahren, um einen Kumpel zu besuchen. Hingefahren und dann wieder zurückgefahren abends.

So ein bisschen Schamoni-Dorfpunks-mäßig hört sich das an!
Ja, das war schon sehr, sehr so. Bei uns aber noch stumpfer und dörflicher, weil die Möglichkeit Punk zu werden, gab‘s damals gar nicht. Es gab nur Leute, die sich für Musik interessiert haben und Leute, die sich nicht für Musik interessiert haben.

Und wer waren damals deine Idole, musikalisch sowie nicht-musikalisch?
Musikalisch gesehen war ich Fan von so Metal-Bands, ich hab beim Rasenmähen METALLICA auf dem Walkman gehört – so laut, dass ich den Rasenmäher nicht mehr gehört hab. Weil ich halt echt hässlich am pubertieren war, hab ich dann in die Punkszene reingerochen. Aber nicht so die Iro-Punk und saufen am Bahnhof, sondern so: „Hey, da machen ein paar Leute ihre eigene Zeitung, und schreiben ihre eigenen Gedanken auf und interviewen so Bands.“ Das war das Coolste auf der ganzen Welt, das hat mich sehr geflasht. Auf dem Dorf kam diese Zeitung einmal alle sechs Wochen oder alle zwei Monate. Es kam mal am Montag, mal am Donnerstag und wenn man geahnt hat, dass das Heft jetzt wieder kommen müsste, war es so: „Briefkasten, bitte, bitte, bitte!“
Sich aufgehoben fühlen in so einer Sache wie Punk, hieß dann ja auch Vegetarier sein und Politik. Da waren Artikel über abgedrehte japanische Jazztrompeter – alles durchlesen, alles reinziehen! Das waren meine Idole! Ich hab Briefe auf einer Schreibmaschine an einen Redakteur geschrieben, und dann hat der zehn Seiten zurück geschrieben. Das hat mir mehr gegeben als alle Bücher, die man auf dem Gymnasium gelesen hat. Daher kommt auch dieses „Thees Uhlmann ist so fan-nah“. Es ist für mich eine ganz normale Handlung, wenn jemand da ist, dem ich offensichtlich etwas bedeute, dass man es ernst nimmt und sich damit auseinander setzt. Weil ich daran glaube, dass das Leben die Verknüpfung der Sachen ist, die man erlebt. Und wenn es gute Sachen sind, die sich verknüpfen, dann hat man ein gutes Leben.

Wenn du sagst, dass du „echt hässlich am pubertieren“ warst, wie hat sich das, abgesehen vom Heavymetal und Punk, geäußert?
Ich war im Krieg mit der Welt! Ich hab meinen Platz auf der Welt gesucht. Dann fühlt man sich einsam, keiner versteht einen, ich meine, die Probleme sind ja immer noch die selben. Einfach nur der Irrsinn der Welt, den hab ich mir voll reingezogen: Wir schmeißen Essen weg und in der dritten Welt verhungern die. Das ist natürlich ein wahnsinnig komplexes Thema, aber mit 16 hat man keinen  Bock auf komplexe Themen. Es war auch die Zeit der ersten großen Welle von Rechtsradikalismus in Deutschland, als echt wöchentlich die Ausländerheime gebrannt haben. Da bin ich durchgedreht! Ich bin mit einem „Deutschland verrecke!“-Kapuzenpullover durch meinen Heimatort gelaufen, so zwei gekreuzte AK-47 drauf. Da gab‘s schon ordentlich Stress auf dem Dorf, aber ich wollte ja den Stress auch haben, wollte halt auch das Leben spüren.
Ich hab mich mit meinen Eltern gestritten und zwar bis der Arzt kommt. Ich hatte mit meinem Vater politische Diskussionen, stundenlang, immer nach dem Mittagessen. Aber im Endeffekt muss ich sagen: der schlaue Sack hat das nur gemacht, damit er mich schärft fürs Leben. Auf der neuen Platte von CASPER hat sein Vater das Intro für die Platte gesprochen, das ist total bewegend und er sagt da so: „Benjamin, also Casper, war immer schon talentiert, er hätte auch Arzt oder Anwalt werden können, aber es war sofort klar, dass er Musik total liebt, als er selber angefangen hat, Michael Jackson Remixes auf Kassetten aufzunehmen…“ Und ich glaube, mein Vater wusste das auch ganz genau und auch, dass es vielleicht ein bisschen schwierig wird, aber dem geb ich erst mal das Rüstzeug mit, das er da so braucht … schlauer Hund!

Und mit CASPER gibt es auf deinem Album eine Kooperation, richtig?
Genau! Ich hab auf seinem Album einen Refrain eingesungen, den ich geschrieben hab und er rappt auf meiner Platte. Und das ist echt fett!

Wie ist die Zeit verlaufen, in der klar wurde, dass durch Tomte kommerzieller Erfolg in die Gänge kommt?
Unsere erste Platte haben wir im Keller bei meinen Eltern aufgenommen, mit vier Stücken. Die kam ganz gut an, dann haben wir angefangen in der Punkszene zu touren. Wir waren sozusagen die sanfteste Band der Punkszene und die Punks meinten so: „Hey, spielt mal schneller! Spielt mal härter!“. Aber wir konnten natürlich nicht schneller spielen und wollten das auch nicht, da haben wir gesagt: „Pass mal auf, du Arschloch, wir spielen weiche Musik und das ist viel punkiger als dein scheiß Grunge.“
Und bei der zweiten Platte, da hab ich mal gedacht so „Ey, das klingt jetzt nicht mehr so wie die Band plus die Band, sondern das klingt ein bisschen nach dem, was ich mache!“
Und dann bei der dritten Platte, Hinter all diesen Fenstern – das war ja auch genau die Zeit, wo wir das Label gegründet haben, genau wo die erste KETTCAR rauskam – das kann man dann echt nur Zeitgeist nennen, oder Arsch auf Eimer, wie wir in Norddeutschland sagen. Und das war dann für eine bestimmte Zeit einfach the shit. Plötzlich war es wirklich so fett, dass man nicht mehr betteln musste: „Hey, können wir bitte hier spielen?“ sondern die so: „Bitte spielt bei uns!“, weil die wissen, dass der Laden dann voll wird.

Inwiefern unterscheidet sich der Entstehungsprozess deines Soloalbums von dem der TOMTE-Alben? Wie war es, ohne Band an einem Album zu arbeiten?
Also ich habe TOMTE fünfzehn Jahre lang auf der Gitarre komponiert und die THEES UHLMANN Platte hab ich zu 90% auf dem Klavier komponiert. Ich weiß gar nicht, warum ich das früher nie gemacht habe, aber Tobias Kuhn hat gesagt: Spiel mal Klavier! Es wahnsinnig Spaß gemacht hat, Klavier zu spielen. Ich habe in Hemmoor, wo ich herkomme, komponiert. Das war dann meistens so: Mit meiner Mutter und meiner Tochter abhängen, abends mit meiner Mutter eine Kippe rauchen, Sudoku Rätsel lösen, dann so: „Ach Mutter, ich spiel noch ein bisschen Klavier“ Und dann einfach von zehn Uhr abends bis zwei Uhr morgens Klavier spielen. Gitarre spielen – da hast du halt so die linke Hand und machst halt so und so – Klavier ist irgendwie anders. Die ersten zwanzig Male hört es sich ganz furchtbar an, aber langsam beginnt es so, eine Melodie aus deinen Fingern zu schälen. Dranbleiben, Nachdenken, Aufschreiben! Und dann funktioniert es, plötzlich hat man eine Melodie. Also, beim Gehen Laufen lernen! Das war ziemlich romantisch, ehrlich gesagt.

Hat die Tatsache, dass du Vater bist, die Art und Weise verändert, wie du Lieder schreibst oder deine Themen findest?
Nee, da würd ich jetzt wirklich einfach sagen, dass mich mein Kind eigentlich überhaupt nicht inspiriert. Ich glaube auch nicht, dass mein Kind mich großartig verändert hat und wenn, dann hat es mich total normal verändert. Weil zum Beispiel, ok, ich bin jetzt wahrscheinlich weniger in Bars, wo man sonst etwas erlebt hätte, worüber ich schreiben könnte. Jetzt bin ich halt stattdessen morgens um acht auf dem Spielplatz, aber da hängt man ja auch ab und denkt so: „Oh, stimmt, so könnte das eigentlich sein!“ Also im Endeffekt, so krachend normal wie sich das anhört, genau so ist das auch.

 

Aber natürlich, auf der neuen Platte ist ja ein Song drauf, der heißt Die Nacht war kurz, Ich stehe früh auf, was natürlich das einfach genau beschreibt. Manchmal muss man halt mit Freunden bis halb drei in der Kneipe sitzen, weil es einfach Sachen zu besprechen gibt und sowas. Meiner Tochter ist das aber egal, ob ich bis halb drei in der Kneipe war. Und dann morgens am Spielplatz meint plötzlich eine Mutter neben mir: „Und? Wie alt ist dein Kind?“ Um Gottes Willen! Wie alt ist mein Kind?! Das ist doch überhaupt nicht interessant! Ich will doch einfach nur ein bisschen verkatert hier rumsitzen! Und: „Jaja, klar, du hast einen Kuchen gebacken! Voll cool! Was? Das ist ein Schokokuchen? Mann, es ist Sand! Es ist Sand! Ok, ist Schokokuchen, alles klar, alles klar! Ok, ok, wenn mich das zu einem besseren Menschen macht, dann beißen wir jetzt in den verdammten Schokokuchen aus Sand …“

Welche sind zurzeit deine Lieblingsplatten?
The Suburbs
von ARCADE FIRE, die letzte KANYE WEST Platte und die CASPER Platte: Hugs and Kisses, XOXO.

Und Literatur? Was liest du?
Ich lese keine Bücher, also wenn ich lese, dann lese ich einfach die Zeitung.

Das heißt, die Sachen, die dich inspirieren, basieren auf dem Leben?
Genau. Pures Leben. Also ich bin kein Roman-Typ, sozusagen. Ich lese Zeitung und was mich inspiriert passiert eh einfach an so komischen Ecken und Plätzen.

Jetzt zwei spezielle Fragen: Was murmelst du bei Heureka am Anfang?
Seltsam, seltsam, seltsam! Das war so bei der Platte das Motto, und es war ein zufälliger take, also sehr seltsam!

Und was hat es mit dem „umgedrehten Kreuz, flankiert von Herzen“ auf sich? Das beschäftigt uns so, dass wir gestern schon darüber diskutiert haben.
Und was kam raus?

Meine These ist: Auch für Leute, die an nichts glauben, gibt es Liebe.
Chapeau! Sehr gut! Das umgedrehte Kreuz, also das upside-down Jesus-Kreuz, ist das satanische Symbol, aber für mich hat es immer gestanden für die Abgefucktheit des Lebens. Dafür, dass das Leben manchmal heavy shit ist und dass man denkt: „Fuck!!!“ Da hab ich jetzt auch gar nicht auf mich persönlich Bezug genommen, sondern auf alle Leute, die sagen: „Hey Alter, ich hab echt ganz schön viel zu verarbeiten gehabt in den letzten Jahren, und jetzt ist das noch passiert, echt heftig. Umgedrehtes Kreuz!
Und dann hab ich früher auch viel Black Metal gehört, ich bin halt fasziniert von der Besingung der totalen Härte und das Leben ist beides. Das Herz und das umgedrehte Kreuz ist das norddeutsche Yin & Yang.

Zum Grand Hotel van Cleef: Findet das Label seine Musiker oder die Musiker das Label?
Das Label findet die Musiker. Im Endeffekt hängt es mit meiner Kreativität zusammen, dass ich natürlich die ganze Zeit Musik höre. Und bei manchen Sachen denke ich so: „Das ist gut!“ und dann so „Warum ist es gut? Thees, warum gefällt es dir? Denk nach, denk nach, jetzt nicht ablenken lassen. Warum findest du das gut? Du findest es gut weil der Typ sich besoffen anhört, er schreibt ganz schöne Texte und es ist so eine Mischung aus BRUCE SPRINGSTEEN und FOALS. Das ist gut.“ Ja, und dann schreibst du halt YOUNG REBEL SET eine E-Mail: „Hey, wir sind da so Typen und haben da eine kleine Plattenfirma, soll ich mal vorbeikommen?“

Nachdem dein Album am 26.8. veröffentlicht sein wird, wie geht es dann weiter? Wird getourt?
Ja, auf jeden Fall! Touren, touren, touren! Also, bei TOMTE hätte ich gesagt, ok, Schlachtplan A, Schlachtplan B, Schlachtplan C, das machen wir, und das machen wir … Bei THEES UHLMANN ist das auf eine wahnsinnig angenehm, freundliche Art und Weise tierisch entspannend. TOMTE war immer sehr so „knirschende Zähne“, ging auch gar nicht anders, weil man das anders gar nicht geschafft hätte. Und bei THEES UHLMANN jetzt, Tobias so: „Wir saßen lange im Studio zusammen, du hast Songs geschrieben, guck dir das mal an!“

Wie es weitergeht? Wie soll‘s denn weitergehen nach gestern Abend? Das kann doch gar nicht noch weiter gehen! … Aber vielleicht geht‘s ja doch weiter!

Vielen herzlichen Dank, Thees Uhlmann!

 

Besonders freuen wir uns darüber, ein Exemplar des noch unveröffentlichten Albums geschenkt bekommen zu haben. Hier könnt ihr das CD-Review lesen.
Das Interview wurde geführt von Lucas Gerstgrasser und Magdalena Thur und wird demnächst in der ersten Druckausgabe des Magazins Das kleine Schwarze erscheinen.
Fotos vom Grand Hotel van Cleef Festival am 14.7. am Open Air Gelände der Arena gibt’s auf flickr zu bestaunen.

 

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