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Bosse im Interview

Bosse im Interview

Beim Nova Rock kann man die Band Bosse (Homepage) demnächst live erleben, wir haben den Solokünstler dahinter vorher zur Frage-Antwort-Runde gebeten. Was Axel Bosse mit Wien und Istanbul verbindet und warum seine Tochter auch mal die Schule schwänzen darf, hat er uns dabei verraten.

Hallo Axel! Du bist jetzt bis September auf Tour, mit einer kleinen Pause dazwischen. Wie schwer ist es für dich von Frau und Tochter weg zu sein? Dürfen die auch mal mit?
Bosse:
Hallo! Wir waren jetzt 24 Daten am Stück weg und sie waren immer wieder ein paar Tage da. In den letzten Jahren haben wir in der Band gezeugt wie die Verrückten, also buchen wir einigermaßen kinderfreundlich. Wir spielen drei bis vier Konzerte und haben dann zwei Tage off. Meine Familie ist Rock ’n‘ Roll erprobt, die kommen gern mal mit! Manchmal schwänzt meine Tochter dafür auch die Schule … Der Sommer ist easy; ich bin Montag bis Donnerstag zu Hause, spiel Freitag/Samstag/Sonntag und komm Sonntagnacht oder Montagfrüh wieder. Ich find’s eigentlich luxuriös, außer die zwei/drei Monate, wo wir echt hart auf Tour sind. Meine Tochter hat noch nie eine Träne verheult, wenn ich mal gefahren bin. Die findet das gut und freut sich, wenn ich wieder komm.

Bevor wir auf dein neues Album zu sprechen kommen, lass uns in der Zeit zurück gehen. Du warst bereits früh – mit 17 – bei einem Major-Label unter Vertrag. Was ist heute anders als damals?
Bosse: Mit 17 ist man sehr jung und findet alles ziemlich scharf. Mir war alles egal, ich hab den Vertrag unterschrieben. Ich weiß nicht, ob jemals einer reingeguckt hat! Wir dachten; ‚Plattenvertrag geil – wir ziehen nach Berlin, dann können wir ein bisschen rumfahren‘. Mehr war das nicht. Damals waren die End-90er, da haben die Plattenfirmen richtig einen auf dicke Hose gemacht. In Berlin hab ich in Friedrichshain gewohnt und wurde täglich vom Chauffeur abgeholt und hab ein Adidas-Shirt gekriegt oder so! Heute ist das anders. Ich hab das Gefühl, dass die alle ein bisschen entspannter sind, nachdem die 80ste Boyband gescheitert ist. In meiner Plattenfirma sind alle sehr nett, auch die anderen Bands. (Sportfreunde Stiller, Element of Crime, Tocotronic). Das sind Leute, die gute Sachen rausbringen wollen und so ist auch unser Verhältnis. Früher hatte ich gar keines!

Axel Bosse im Interview 2013.

Axel Bosse – © Yavuz Odabas

Du hast die Schule abgebrochen und keine Ausbildung gemacht. Hätte es nicht mit der Musik geklappt, was würdest du heute wohl tun?
Bosse: Ich hab ziemlich früh, vor allem nach meiner ersten Amateurkarriere, Backliner gemacht oder Merchandise verkauft. Damals war ich viel mit Farin Urlaub unterwegs, mit Underwater Circus oder Such a Surge. Als Merchandiser hab ich Festivals bestückt, deswegen war ich auch schon tausend Mal auf’m Nova! Ich war überall, nur nicht auf der Bühne, sondern besoffen daneben. Das waren für mich die besten Urlaubstage – gute Bands gucken und nette Leute kennenlernen! Denn Merchandiser auf ’nem Festival sein ist super! Du steigst halb besoffen aus dem Bus aus, junge Damen verkaufen für dich, danach geht’s weiter im Bus. Ich hätte das sicher weiter gemacht. Am Ende wär ich Tourmanager geworden und so bei der Musik geblieben, ohne sie selbst zu machen. Oder ich hätte studiert und wäre Anwalt geworden, so wie das in meiner Familie häufig der Fall ist. Ich wollte auch immer Anwalt werden, oder Lehrer für Sport oder Deutsch!

Das mit der Musik hat zum Glück doch geklappt. Vor zwei Jahren hast du bei Stefan Raabs Bundesvision Songcontest den dritten Platz belegt. Hättest du auch Bock beim Eurovision Songcontest teilzunehmen?
Bosse: Ich fand den Bundesvision Songcontest ganz witzig. Man muss natürlich gucken, wer da mitmacht, was das am Ende bedeutet und wie ernst man das nimmt. Musik ist eben kein Wettbewerb. Natürlich geht es darum, dass wir im Fernsehen nicht viele Flächen haben, um ein Lied zumindest halb-playback zu spielen. Für mich hat das die Platte auch noch mal gut angekurbelt. Beim Eurovision Songcontest mitzumachen wäre mir aber zu stressig. Man verbringt da vier Monate für diesen einen Moment of Fame, den die gefühlte halbe Welt schaut … Ich glaub, die Leute, die meine Musik hören, würden das komisch finden, wenn ich das machen würde. Aber sie würden mir das auch nicht übel nehmen. Es wäre mir aber zu anstrengend. Mein Ziel ist nicht, am Ende bei Eurovision den 17. Platz zu machen!

Axel Bosse im Interview 2013.

Axel Bosse – © Yavuz Odabas

Du bist eigentlich Solokünstler, live spielst du mit Band und im Studio spielen Andere deine Songs ein. Bist du dann offen für Änderungen oder hast du das nicht gerne, wenn jemand während der Aufnahmen Ideen einwirft?
Bosse: Ich bin für alles offen! Aber ich bin schon so fuchsig zu Hause, dass ich so viel klar geschossen hab, dass man nicht mehr viel ändern kann. Ich bin da ziemlich perfektionistisch. Ich mein, ich fake Trompeten zu Hause! Mein Trompeter spielt sonst bei Nada Surf und Calexico und ist auch ein ultra guter Songschreiber. Wenn der kommt und mir Sachen sagt, die mich um Kilometer weiter bringen, ist der willkommen! Ich hab kein nerdiges Chefgedenke, vor allem live nicht. Nur will ich das zu Hause so weit klarkriegen, dass es für mich erst mal nichts zu rütteln gibt. Meist kommen noch Sachen oben drauf, das passiert automatisch. Also ohne die ganzen Vögel würde meine Musik anders klingen!

Wie eben angesprochen; du bist selbst ehrlich bzw. vielleicht zu kritisch mit dir selbst und sagst, du bist nicht gut genug, um deine Musik im Studio einzuspielen. Was – außer dem Song schreiben – kannst du dafür richtig gut?
Bosse: Ich kann gut Akustikgitarre spielen, das muss ich sagen! Die Akustikgitarren, die man auf dem Album hört, spiel ich und auch wie kein Anderer. Da hab ich meinen eigenen Stil. Ansonsten war es schon immer so, dass ich mich auf der Bühne ohne Angst gut lockermachen konnte! Ich hab in meinem Leben so viele Konzerte gespielt und war auf den verschiedensten Veranstaltungen. Ich hab schon ein paar Mal bei Rock am Ring gespielt, auf einem Stadtfest aber schon Dosen auf den Kopf gekriegt. Da hab ich keinen Schiss. Sonst koch ich ganz gerne. Ich bin ein ziemlich guter Koch!

Dein neues Album heißt Kraniche. Der Kranich hat viele Bedeutungen; er steht für Wachsamkeit, Klugheit, Glück, Langlebigkeit und Vorsicht – welche Bedeutung passt am Besten zum Album?
Bosse: Ich hab’s aufgrund der japanischen Mythologie ausgesucht; das sind Glück und Langlebigkeit. Wartesaal, Weit weg und Metropole, drei Videos von dem Vorgängeralbum, wurden in Tokio gedreht und auch in der Vorstadt, in Shibuya. Von da hab ich mir das einzige Souvenir mitgenommen, abgesehen von einem Taschenaschenbecher, und das war ein Buch über Kraniche. In der Bibliothek, in der wir gedreht haben, war die rechte Wandseite voll mit mythologischen Kranichbüchern. Ich war geflasht von den Logos die die hatte! Ich wusste gar nicht, was das bedeutet. Da hatte ich schon den Song Kraniche, der für mich die Mitte des Albums bedeutet. Glück und Langlebigkeit fand ich gut. Ich möchte auch die nächsten 30 Jahre Musik machen, ohne jetzt von Erfolg zu sprechen. Deswegen hat das gepasst.

Axel Bosse im Interview 2013.

Axel Bosse – © Yavuz Odabas

Dein Album ist ja schon eine Weile auf dem Markt. Ist dir irgendeine Reaktion dazu besonders in Erinnerung geblieben?
Bosse: Nee, wenn ich ehrlich bin, nicht. Es gibt natürlich viele Reaktionen und es ist schon interessant, wie viel es für manche bedeutet und wie wenig es für Andere bedeutet. Aber ich kann’s mir immer nur bedingt reinziehen. Es ist mir wichtiger, wenn ich auf Konzerten sehe, dass Leute Gefühle zeigen. Also wenn Typ X mit den Tattoos sich gerade eine Träne wegwischt, weil er was damit verbindet. Das ist für mich ein Gefühl, das ich haben kann. Wenn jemand auf Amazon eine Kritik schreibt, dann les ich das, aber es bleibt mir nie richtig im Kopf. Im Kopf bleiben mir die Leute, die irgendwas machen. Oder wenn jemand zu mir sagt „Das war ’n scheiß Konzert Alter, letztes Mal war’s geiler.“

Ein paar der Songs auf Kraniche hast du in Istanbul aufgenommen und auch einen Song danach benannt. Was hat dich an der Stadt am meisten fasziniert?
Bosse: Anfangs dachte ich nur, dass Berlin gegen Istanbul echt ’ne kleine Maus ist! Mäusekino kann man sagen. Ich war schon oft in Istanbul, aber wir haben diesmal direkt am Taksim-Platz gelebt, wo viel los ist, Tag und Nacht. Die Wohnung war über einer Disco, die ganze Zeit ging’s nur bum, bum, bum. Das war natürlich ein wunderbarer Einstieg! In den ersten zwei Wochen bin ich durch die Straßen gelaufen und war ständig gestresst. Das war der erste Eindruck. Der zweite Gedanke war ‚Krass, haben die hier nen Altersdurchschnitt von 22?‘. Überall nur so junge Teile! Und drittens dachte ich, ich hab in meinem Leben noch nie so viel Adrenalin, Puls und Aufbau gemerkt! Ich hatte das Gefühl, ein paar Monate da gewesen zu sein, wo gerade was passiert. An jeder Ecke macht ein neuer Laden auf. Die Cousine meiner Frau, die erst 19 ist, hat schon die zweite Agentur eröffnet! Es ist ganz anders als Hamburg und Berlin oder als Tokio und New York.

Könntest du dir auch vorstellen dauerhaft in Istanbul zu wohnen, vielleicht dort alt zu werden oder wäre dir das zu viel?
Bosse: Nee, zu viel wäre das gar nicht. Ich könnte mir das vorstellen!

Hast du denn auch eine Verbindung zu Wien bzw. auch ganz Österreich?
Bosse: Ich hab ein paar Freunde hier!
Sonst verbinde ich mit Wien das erste Mal, als ich hier mit Mando Diao im Gasometer gespielt hab. Ich kann mich noch gut an den Tag erinnern, und immer wenn jemand ‚Wien‘ sagt, muss ich daran denken: Wir haben vorher in Stuttgart gespielt und uns mit denen richtig betrunken! Ich hatte dann Promo in Wien, mein Flieger aus Stuttgart ging erst ziemlich spät und meine Band ist mit dem kleinen Sprinter früh morgens vorgefahren. Ich bin in meinem Hotelzimmer aufgewacht und hatte nichts! Meine Tasche war weg, mein Handy, mein Portemonnaie, mein Ausweis – das war alles im Auto! Diese Fahrt, diesen Flug mit dem ganzen diskutiere am Flughafen und das Trampen dorthin hab ich noch im Kopf. Trotzdem hab ich in Wien dann alle gefunden!

Ein Happy End also! Danke für das Gespräch!

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