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Das Roskilde-Festival: Ein Festival zum Verlieben

Das Roskilde-Festival: Ein Festival zum Verlieben

Die Couch fühlt sich sehr bequem an, ganz anders als die Gedanken in meinem Kopf. “Wie geht es ihnen, wenn sie an die letzten Tage denken? Was fühlen sie dabei?“, fragt er mich. “Ich kann nicht genau sagen, was es ist, aber als ich am Festival-Gelände in Dänemark war, war einfach alles besser. Es war sogar fantastisch! Und jetzt, hat sich eine grauenhafte Leere breitgemacht. Ich ertrage keine zivilisierten Menschen, ich hasse die Abhängigkeit von U-Bahnen und vermisse mein Bier zum Frühstück!“, reflektiere ich laut. „Sie liegen mit schmutzigen Schuhen auf meiner Couch, ihr Rucksack lehnt im Eck und…ist das Ketchup auf ihrem Pulli?! Ich kann Ihnen schlecht helfen, wenn sie mir nicht sagen was sie erlebt haben“, meint der Typ mit dem Zettel und dem Stift. Da habe ich zusammengefasst:

Die Reise nach Dänemark war unkomplizierter als ich mir vorgestellt habe.

Abflug zum Roskilde Festival

Abflug!

Wien. Rein in den Flieger, rein in die U-Bahn und eineinhalb Stunden nach Abflug konnte ich dann schon  “Velkommen til København!“ lesen. Nach einem Kurzbesuch in der Stadt und der Freistadt Christiania war ich dann schon im Shuttlebus zum Festivalgelände in Roskilde (Homepage). Es wurde eine Stadt errichtet die 135.000 Festival-Einwohnern Raum für Musik, Kunst und Zusammengehörigkeit bietet, wie ich es noch nicht erlebt habe. Das Gelände ist bildlich gesprochen so groß wie 215 Fußballfelder und wird von 30.000 freiwilligen Helfern, neun Tage lang, in einen magischen Ort verwandelt.  Der gesamte Gewinn des Festivals geht an den Foreningen Roskildefonden, welcher das Geld an humanitäre, kulturelle und andere gemeinnützige Organisationen, wie AI, Ärzte ohne Grenzen und viele andere Organisationen weiterleitet.

Eröffnet wurde die Festivalstadt mit Kunst und Kulturausstellungen in verschiedensten Formen (alternative Energiebeispiele, Mode, Handwerk, Architektur, Tanz und Performance u.v.m.), am sechsten Tag wurde der Startschuss für den musikalischen Auftakt gegeben.

Das musikalische Potpourri setzt sich aus weniger bekannten, internationalen und skandinavischen Musikern aus der Elektronik-, Rock-, Pop-, Metal- und Hip-Hop-Szene, vervollständigt durch wenige bekannte Headliner.  Neun Bühnen werden bespielt und es schmerzt im Herzen, sich nicht zerteilen zu können. Es gibt so viel zu entdecken!

Mein Fokus lag auf dem ersten Tag. ELOQ (Homepage) jagte den Bass durchs Gelände und lehrte den Besuchern das Tanzen! Der aufgeschnittene Kürbis (Apollo-Stage) ist die Plattform für Elektronik, fette Beats und einem Screen mit passenden psychedelischen Bildern.

Roskilde Festival 2013

(c) Verena Oberhofer

Am Gelände und im Dorf wurde Wasser verteilt, es gab kaum Sicherheitskontrollen, man darf seine eigenen Getränke mit zur Bühne bringen (Dosen müssen geöffnet sein), man lernt sich seiner eigenen Vernunft zu bedienen, um ein reibungsloses Miteinander zu erreichen. Die Idee hinter dem Event lässt Kants uralten, immerwährenden Text neu aufleben und führt zu einem enormen Zusammengehörigkeitsgefühl:

 Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. … Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! (I.Kant)

Es funktioniert!

Es war 22:00 und begann bereits zu dämmern, als das Riffgewitter von Disasterpiece über uns hereinbrach. Die drei Trommler malträtierten die Felle und ließen mit dem massiven Druck die Menge im Wavebreaker durcheinanderwirbeln. Slipknot (Homepage) stand nun am Programm! Zum ausführlichen Konzertbericht geht’s hier lang!

Roskilde Festival

(c) Verena Oberhofer

Zeitgleich mit Slipknot spielte Mykki Blanco (Homepage) im Pavilion. Mykki Blanco reißt die homophoben Hip-Hop-Mauern nieder, tritt nach Lust und Laune als Mann oder Frau auf und spielt in ihren Videos selbst die “Bitches“. Sie ist eine Meisterin der Provokation und sprengt mit musikalischen Molotowcocktails die ideellen Fesseln der konservativen Masse! Abgesehen davon meinte Mykki Blanco schmunzelnd-ehrlich in einem Interview:

Mit schwulem Publikum kann man reich werden!

Das ganze Konzert von Mykki Blanco kann man hier sehen!

Das Wetter war perfekt, leichter Regen bei angenehmen Temperaturen. Die Securities nennen sich “Crowd Safety“ und waren auch um zwei in der Früh beim Aufräumen freundlich und gut drauf. Die Veranstalter machen sich nicht nur Gedanken um das hier und jetzt, sondern auch um nachhaltige Innovationen, die Müllentsorgung betreffend. Ein einfaches Modell von fortschrittlichem Zusammenleben mit Musik und Kunst als Bindemittel. Ich bin einfach nur begeistert!

“Frau Oberhofer, es fällt mir wie Schuppen von den Augen! Sie haben eine klassische Post-Festival-Depression. Versprechen sie mir in Zukunft nicht nur einen Tag am Roskilde-Festival zu verbringen und machen sie das Festival zu ihrem Sommer-Fixpunkt. Die Anreise ist einfach, die Stimmung offensichtlich verblüffend und die Faszination die von diesem Event ausgeht erklärt ihre Gemütsverstimmung, wenn sie zu früh abbrechen! Ich verschreibe ihnen ein Festivalticket für 2014, nur das wird die Leere wegbringen!“, meint der gute Mann. “Danke, Herr Doktor“, antworte ich mit Tränen in den Augen, öffne eine Dose Bier und klicke mich durch die versäumten Konzerte online (Homepage).

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Verena Oberhofer
‎~ pour moi, l'habitude est juste synonime de mort. ~
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