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Gentleman im Interview

Gentleman im Interview

Am 19.04.2013 erscheint das neue Gentleman-Album ˮNew Day Dawn“. Wir haben den sympathischen Musiker in Wien zum Interview getroffen. Ohne Maske oder Attitüde sprach Tillmann Otto alias Gentleman über seine Liebe zur Musik und dem Land aus dem sie stammt. Es war ein Gespräch über gesellschaftlichen Aufbruch und Umbruch. Und der Kölner erklärte uns, dass auch Reggae Musiker ordentlich headbangen können. Das wird er bei seinem Österreich-Konzert auf dem Nova Rock Festival unter Beweis stellen.

Hallo! Schön dich hier in Wien zu haben! Im Jahr 2010 hast du dein letztes Album ˮDiversity“ rausgebracht. Dann ist es ruhig um dich geworden – bis jetzt. Was hast du denn die letzten drei Jahre so gemacht?
Wir haben viel getourt, waren vor allem in Amerika und Südamerika unterwegs. Gleichzeitig habe ich bei mir zu Hause ein Studio aufgebaut, wo auch das neue Album entstanden ist. Und schwupp waren drei Jahre vorbei. (lacht) Es dauert eben so ein bisschen, bis man ein Album fertig gemacht hat.

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Gut Ding braucht Weile. Das neue Album trägt den schönen Titel ˮNew Day Dawn“. In welcher Hinsicht ist es ein Neubeginn?
Gar nicht ein Neubeginn, der notwendig war, sondern mit jedem Morgen fängst du halt bei null an. Es ist auch ein bisschen so ein Aufruf mehr im Moment zu sein und die Gegenwart zu schätzen. Wir sind im Jahr 2013 und sind immer noch da. Obwohl es immer noch viel zu viel soziale Kälte gibt – auch auf politischer Ebene – gibt es auch Strömungen, die mir Hoffnungen machen. Und ich glaube einfach, dass wir in einer neuen Episode stecken. Ich habe schon das Gefühl, dass die ganze Welt im Umbruch ist. Es ist nicht nur ein Gefühl, ich beobachte das.

Du warst ja im April 2012 in Ägypten und hast die Revolution hautnah miterlebt. Du hast jeweils ein Konzert in Kairo und Alessandria gespielt. Wie war das für dich?
Wir sind mit unserem kleinen Tourbus beim Tahrir-Platz vorbei gekommen und man konnte wirklich diese Revolution riechen. Das war, bevor die Muslimbruderschaft an die Macht kam. Ich hab mich mit vielen jungen Leuten unterhalten. Es war einfach unglaublich inspirierend und beeindruckend zu sehen, was Menschen bewirken können, wenn sie irgendwann die Schnauze voll haben. Demokratie braucht aber einfach Zeit und oft kommt nach so einer Revolution eine Ernüchterung. Nach dem Frühling kommen eben der Herbst und dann der Winter. Und trotzdem glaube ich daran, dass das langfristig in eine Richtung führt, die für alle besser ist. Wir müssen einfach geduldig sein, auch wenn es manchmal schwerfällt. Umgekehrt kann aber Ungeduld wiederum zu Veränderung führen. Das ist, was ich als Zeitzeuge immer wieder wahrnehme.

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Du hast einmal gesagt, dass Musik nicht nur Entertainment ist. Man kann etwas damit bewirken. Was willst du mit deiner Musik bewirken?
In erster Linie ist Musik natürlich Entertainment. Du kannst den tiefgründigsten Text der Welt haben – wenn du keine Melodie dazu hast, dann hört dir einfach keiner zu. Aber alleine, dass wir hier über den Aufbruch und nicht über belanglosen Kram sprechen, das verändert schon. Denn du schreibst darüber und die Leute lesen das dann. Und ich finde darum geht’s ja, dass wir Sachen teilen. Wir sind nicht alleine und das ist es, was einen Zeitgeist ausmacht. Und ohne Musik geht’s einfach nicht. Jede Revolution hat immer ihren Soundtrack, in den 68ern war‘s zum Beispiel Jimi Hendrix. Musik ist für mich dieser unaufdringliche Weg, Dinge zu verändern. Den Button auszulösen, um Leute zum Nachdenken zu bewegen. Oder einfach nur zu helfen, besser klarzukommen in dem Grau.

Reggae ist eine sehr zeitlose Musik und trotzdem nie wirklich massentauglich bzw. Mainstream geworden, bis auf ein paar Ausnahmen. Welchen Grund siehst du darin?
Ich sehe das nicht so. Reggae ist die vielseitigste Musik, die ich kenne. Reggae ist auf der einen Seite traditionell rootslastig, wie zum Beispiel bei Bob Marley. Das sind Texte, die immer noch voll am Puls der Zeit sind und trotzdem traditionell. Die zwar superradikal sind aber trotzdem so süß und zeitlos. Wenn man sich Produktionen aus Kingston anhört, dann ist das Musik, die sehr progressiv ist. Dieser harte Dancehall Sound, der ist ja immer wieder auch im Mainstream. Ich würde mir wünschen, dass Roots mehr Mainstream stattfindet. Es gibt zwar immer wieder Ausflüge aber vielleicht hat es einfach zu viele Ecken und Kanten für Mainstream.

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Dein neues Album ist unglaublich aufrichtig, ehrlich und geht unter die Haut. Es scheint so, als würde in deinem neuen Album mehr Gentleman drin stecken, als je zu vor. Was ist dieses Mal anders gewesen?
Jedes Album hat eine eigene Entstehungsgeschichte und bei dem Album war‘s so, dass das Klavier ausschlaggebend war. Ich wollte für mein Home Studio einen Flügel haben, damit die Pianisten auch ein würdiges Instrument haben, auf dem sie spielen können. Dann stand das Ding im Wohnzimmer und ich habe natürlich selber auch drauf rumgeklimpert. Da habe ich gemerkt, ich kann Melodien, die ich im Kopf habe, umsetzen und Akkorde miteinander verbinden. Das hat mir viel Inspiration gegeben für erste Texte und Ideen von Songs. Und mit diesen Ideen bin ich dann zu meinen beiden Produzenten Ben Bazazzian, mit dem ich auch ˮAin‘t no pretty“ gemacht habe, und meinem Schlagzeuger Giuseppe Coppola. Wir haben uns zu dritt hingesetzt bei mir im Studio und die Songs ausgearbeitet. Deswegen ist jeder davon perfekt auf mich zugeschnitten. Ich wusste auch ganz genau, wo ein Song hinführt, das ist nicht immer so. Vielleicht ist das auch beim nächsten Album nicht mehr so.

ˮNew Day Dawn“ ist dein erstes Album ohne Kollaborationen. Wieso gibt’s darauf keine Features?
Die Arbeit am Album war eine besondere Zeit. Ich meine, das sag ich bei jedem Album aber es ist ja das Erste ohne Feature. Ich hatte das Gefühl, es braucht es diesmal nicht. Die Songs sind in sich geschlossen. Die Arbeitszeit war ja auch nicht so wie beim Vorgängeralbum in Etappen, sondern viel konzentrierter. Ich habe die Vocals alle in Jamaika aufgenommen, weil es da einfach direkteres Feedback gibt. Im Studio dort sind viele Menschen, die das Beste aus mir raus kitzeln was Vocals angeht. Davon gibt’s in Deutschland nicht so viele.

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Mit 18 Jahren warst du das erste Mal auf Jamaika und hast dich sofort in das Land verliebt. Jetzt bist du 38, lebst zwar in Köln aber verbringst immer noch sehr viel Zeit in Jamaika. Was fasziniert dich denn so daran?
Ach, wenn ich das wüsste. (lacht) Wenn ich es erklären könnte, dann gäbe es dieses Mystische gar nicht. Es ist einfach ein sehr intensiver Ort. Es ist das Mutterland von der Musik, die ich so liebe. Es ist ein wunderschönes Land, ich mag die Mentalität. Ich mag die Art und Weise, wie Menschen da leben. Wie sie im Moment sind und wie intuitiv sie arbeiten, auch musikalisch. Jeder Ort hat seine Licht- und Schattenseiten, das ist in Jamaika auch so. Ich glaube, es gibt kaum ein Land, das so krass von den Gegensätzen her ist. Es gibt eine unglaubliche Waffenpräsenz, Armut, politische Korruption, es versinkt in Gewalt und in Drogen. Trotzdem gibt’s diese Spiritualität und diese Schönheit.

Du wirst weltweit gehört. Sowohl in Europa, als auch in Afrika und Südamerika. Was ist das für ein Gefühl für dich?
Es ist unglaublich motivierend. Ich hab ja auch viele Zweifel und denke oft: Irgendwann finden die Leute raus, dass ich eigentlich nichts kann. Aber das ist genau das, was motiviert und wo es dann auch Sinn ergibt, was du machst. Wir suchen ja in dem was wir machen immer auch einen Sinn, wir brauchen ja diese Bestätigung. Trotzdem kommt es mir manchmal surreal vor. Wenn ich zum Beispiel einen Brief kriege, wo ein australischer Radiosender mein Lied gespielt hat. (lacht) Das ist schon ganz schön flashig manchmal.

In deiner neuen Single ˮYou Remember“ heißt es ˮYou remember when we used to write letters and we never used to send text messages.“ Du singst von einer Zeit ohne Facebook oder You Tube, in der die zwischenmenschliche Kommunikation noch im Vordergrund stand. Benutzt du denn selber Facebook?
Ja, Gentleman hat eine Facebook Seite aber Tillmann Otto keine. Das ist eine Debatte, die immer schon geführt wurde. Ist das Internet mehr ein Fluch oder ein Segen? Und die Debatte an sich wurde ja schon vor dem Internet geführt. Macht uns technologischer Fortschritt glücklicher? Es gibt keine Lösung, sondern nur Argumente dafür und dagegen. Es ist wichtig geworden diese Informationsflut zu filtern und die Möglichkeiten, die wir durch die neuen Medien – die sie ja gar nicht mehr sind – erhalten, richtig zu nutzen. In ˮYou Remember“ geht’s einfach darum, dass ich Dinge in der Vergangenheit vermisse und auch Dinge in der Gegenwart schätze. Was ich aber an der Gegenwart vermisse, ist aufgrund dieses Fortschritts und dieser Schnelligkeit. Ich vermisse so dieses Individuelle, dieses Persönliche. Die Handschrift ist ein Symbol dafür. Keiner hat zum Beispiel so eine Handschrift wie du.

Was schreibst du selbst noch mit der Hand?
Ich schreibe keine Briefe mehr, ich schreib auch Mails. Aber meine Texte schreibe ich mit der Hand. Da kann ich rumkritzeln und durchstreichen.

Du stehst jetzt seit 20 Jahren auf der Bühne. Gibt es noch etwas, das du erreichen willst, wovon du träumst?
Ich will mit mir im Einklang sein, das ist immer noch ein weiter Weg. Es gibt ganz viele Orte, die ich noch nicht gesehen hab. Es gibt immer wieder Anfragen von Ländern, wo wir noch nicht waren. Ich will gesund bleiben und will hungrig bleiben, was Musik angeht. Ich bin einfach nur dankbar, dass das jetzt schon so lange geht und die Leute mir auch nicht den Rücken gekehrt haben. Du fängst ja bei jedem Album immer neu an, mit jedem Konzert. Es ist immer wieder eine Herausforderung. Deswegen werde ich auch nicht müde. Musik machen ist einfach ein wunderschöner Weg was zu hinterlassen und zu manifestieren.

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Leider wird die Zeit jetzt knapp, denn du musst deinen Flieger zurück nach Köln erwischen. Du gehst aber bald wieder auf Tour. Freust du dich schon auf die Konzerte?
Ja, endlich geht’s wieder los! Mit dem neuen Album und mit neuen Songs, da freue ich mich schon. Wir sind auch gerade im Proberaum. Ich bin ja wieder mit der Band ˮEvolution“ unterwegs.

Ein Termin in Österreich steht schon fest: Du wirst auf dem Nova Rock spielen. Das ist ja ein Rock Festival mit viele Metal Bands…
Ach, ich kann auch headbangen! (lacht) Die Mucke die wir machen die geht schon auch sehr nach vorne. Marley hat das früher auch mal als ˮRoots Rock Reggae“ bezeichnet. Ich glaube, dass es auch erfrischend ist für die Leute da auch mal einen anderen Sound zu hören. Aber wir rocken auch ganz schön.

Wir freuen uns schon drauf! Danke für das Interview!

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