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Slipknot – Ozzfest Japan

Slipknot – Ozzfest Japan

„Japan!“, Clown ließ keine Zweifel aufkommen, als ich ihm nach der Slipknot Show in London 2004 die Frage nach dem eindrucksvollsten Publikum stellte. Enthusiastisch berichtete er vom Chaos und der ungeheuren Energie, welche die Japaner freizusetzen vermögen.

Umso größer ist meine Anspannung heute, knapp zehn Jahre danach. Slipknot ist Kult im Land der aufgehenden Sonne. Davon zeugt auch der Fakt, dass der komplette Merchandise bereits um 13.00 ausverkauft ist, zudem erscheinen dutzende Fans mit Masken und Overalls verkleidet. Allerdings zeigen sich die Japaner eher wenig kreativ und originell, denn der Großteil setzt auf kommerziell vertriebene Replica Masken der Bands.

Slipknot Fans

Slipknot Fans

Take me down to the paradise city, where the grass is green and the girls are pretty

Myles Kennedy und Slash sind auf der Nebenbühne bereits bei der Zugabe angekommen und nach dem Guns and Roses Klassiker wird es still.

Gebannt starrt die Menge nun auf den weißen Vorhang, der die Bühne abschirmt, welche Slipknot in Kürze zerlegen sollten. Bereits 15 Minuten später schallt ein Country Song durch die Halle und sorgt für eine eigentümliche Atmosphäre, Get behind me satan and push von Billy Joe Spears. In der Ära ihres selbst betitelten Debuts (1999/2000) hat die Band den Song bereits als Intro vieler ihrer Shows verwendet. Die Leute scheinen die Textzeilen als Befehl wahrzunehmen, die Masse drängt nach vorne, die Ordnung wird durcheinander geworfen. Nervosität macht sich breit. Slipknot formiert sich bereits auf der Bühne. Die Silhouetten der Musiker sind nun hinter dem Vorhang erkennbar. Die Luft ist elektrisiert.

Es ist die erste Show der Band im neuen Jahr und die Spannung ist groß. Werden rare Songs ausgepackt? Wie wurde der Bühnen Aufbau gestaltet? Gibt es neue Masken oder Overalls zu sehen? Soviel war vorab bekannt: Slipknot liegen auf Eis. Corey hat sich einverstanden erklärt, neben seiner Stone Sour Welttournee fünf Slipknot Shows einzustreuen, davon eine in Japan und vier auf europäischen Festivals (Download, Graspop, Roskilde und Metaltown). Clown hat in Interviews betont, dass der Trauer Prozess für den im Mai 2010 verstorbenen Bassisten Paul Gray nach der letzten Slipknot Show 2012 (am Knotfest in Minneapolis) offiziell beendet sei und für die Band eine neue Ära beginnen wird. Das Jahr 2014 soll dann ganz im Zeichen von Slipknot stehen und auch ein mächtiges, neues Album wurde angekündigt.

Zurück zum Hier und Jetzt, nach Tokio, Japan. Einmal noch betört Billy Joey Spears den Teufel, als sich Get behind me Satan dann in einer Dauerschleife wiederholt, hat DJ Sid bereits seine Finger im Spiel. Dann ist es einen unheilvollen Moment lang ruhig, als plötzlich und unerwartet ein rasierklingenscharfes Gitarrenriff den Saal durchschneidet. Treibende Percussion Rhythmen setzen ein. Es ist ein Monster, es ist Disasterpiece. Ungeduldig zappelnde Leiber, in Erwartung des Knalls und dieser kommt ohrenbetäubend: Der Vorhang fällt. „Nobody stop me“ brüllt Corey, der Boden bebt!

Sämtliche Seismografen Japans sollten vorgewarnt sein, denn sonst müsste nun eine Katastrophen Warnung ausrufen. Alles ist in Bewegung: Fliegende Körper, wohin das Auge blickt. Die im Alltag so höflichen und zurückhaltenden Japaner verwandeln sich in eine Amok laufende, pulsierende Masse. Ohne Umschweife vom Country Song zum Nackenbrecher, ein überfallsartiger und sehr effektvoller Einstieg.

Das erste Mal seit 2000 tragen die Musiker wieder einheitlich weiße Overalls, auf ihren Rücken prangt das blutrote Logo einer Ziege. Diese Widerkäuer sind stets sehr präsent im Slipknot Kosmos, so ziert die Ziege auch das Album Cover des Meisterwerks Iowa. Ziegenhalter wissen, dass diese Tiere ständig überlegen, wie sie Zäune überwinden, Türen öffnen und generell ausbrechen können. Der Kunst Direktor der Band, Clown, unterscheidet die Menschen simpel ausgedrückt in zwei Klassen, die der Schafe und die der Ziegen. Die Schafe hinterfragen nicht und folgen der Herde blind, die Ziegen führen und ziehen ihr eigenes Ding durch. Das ist es, was er den Fans vermitteln möchte, sei individuell, mach dein Ding.

Nachdem Slipknot nun das erste Mal eine Show mit Disasterpiece eröffnet haben, wird hart und kompromisslos weitergeknüppelt: Liberate sorgt für ein gleichbleibend hohes Aggressions-Level.

I´ve felt the hate rise up and me…

Mit Wait and Bleed geht es ohne Stocken in die nächste Runde und es stellt sich die Frage ob das Publikum die beeindruckende Intensität und Energie über das ganze Konzert halten wird können.

Slipknot live am Ozzfest

Slipknot live am Ozzfest

Dann wendet sich Corey erstmals in knappen Worten ans Publikum:

Do you want some more? Do you want some fucking more?!

Schon geht es mit Get This weiter, ein kurzer, räudiger und harter Bastard mit einem klaren Statement:

Local bands (suck these nuts)
U.S. bands (suck these nuts)
Worldwide bands (suck these nuts)
All you bands can suck these fucking nuts!

Den Bühnenhintergrund ziert das klassische alte Slipknot Logo und auch ansonsten liegt der Fokus auf dem Wesentlichen, keine Drumriser für Clown und Joey, keine aufwendige LED Produktion. Einige vereinzelte Slipknot Tribal S Logos sind sichtbar, ansonsten keinerlei Firlefanz – die Optik erinnert an die Anfangstage der Band.

Anschließend gibt es eine kurze Verschnaufpause, Corey bedankt sich beim Publikum, fragt ob sie Slipknot vermisst haben. Klare Sache, schließlich liegt die letzte Show bereits fünf Jahre zurück. Dann wird der erste Hit ausgepackt, der Grammy Gewinner Before I Forget. Beim Refrain kommen erstmals Flammen ins Spiel, diese sind jedoch nicht sonderlich spektakulär. Somit bleibt der Eindruck von einer bodenständigen Show, ohne große Effekte aber umso mehr Einsatz und Energie.

Slipknot live am Ozzfest

Slipknot live am Ozzfest

Mit Eyeless kommt postwendend die aggressive Härte ins Spiel zurück. Der Sound ist laut, druckvoll und dennoch sehr klar.

Weiter geht es mit The Blister Exists:

Can you feel this? I am dying to feel this! Can you feel this?

Chris und Clown tauchen während des Songs erstmals mit ihren umgeschnallten „Marching Snares“ auf und sorgen neben dem optischen Highlight für rhythmischen Wirbel.

In manchen Songs wirken die beiden Percussionisten etwas unterfordert, bis auf vereinzelte Mitgröhl oder Percussion Parts, haben sie dann in musikalischer Hinsicht nichts weiter zu tun und beschränken sich darauf das Publikum mit obszönen Gesten zu unterhalten und zusätzlich anzustacheln.

Das Bühnen Layout verändert sich, nun ist der „All Hope Is Gone“ Backdrop zu sehen.

We´ve been coming here for a very long time and the japanese fans are some of the greatest, most amazing fans on the face of this earth

erklärt Corey vor Dead Memories, bevor er die Leute fragt ob sie mitsingen möchten. Die Stimmung sackt nun erstmals auf ein eher moderates Niveau ab, anschließend geht es mit Sulfur weiter. Schade, dass sich Slipknot live nicht auch mal an andere Songs der All Hope Is Gone Platte heranwagen, es verstecken sich einige grandiose und noch niemals dargebotene Perlen wie Gehenna und Gematria auf diesem Album.

Mit Left Behind folgt die erste Single Auskoppelung von Iowa. Spannend wird es dann beim nächsten Song. Die Bühne wird in ein dunkelblaues Licht getaucht und ein künstliches Schneetreiben verdichtet die Atmosphäre. Zwei Minuten baut sich der psychotische Song auf, Corey´s Urschreie sind markerschütternd. Als es leise wird, flüstert Corey:

Gently my mind escapes, into relaxing mode of pleasure…

Slipknot live am Ozzfest

Slipknot live am Ozzfest

Schön, dass Slipknot Gently wieder ausgegraben haben, in der Mitte der Show sorgt er für Abwechslung und fügt sich perfekt in die Setlist.

Pulse of the Maggots, die Liebesbekundung der Band an ihre Fans, wird als nächstes zelebriert. Gegen Ende hin schreit Corey wie besessen „Say it again, say it again“ während Chris und Clown unisono „We won´t die“ brüllen.

Dann gibt es ein Iowa Doppelpack, erst das furiose Everything Ends und danach den Brecher Heretic Anthem. Clown unternimmt einen Ausflug in die Menge und wühlt im Maden Haufen. Dort regieren ungebündelte Energie und Chaos. Für die nötige Brachialität im Moshpit sorgen in Japan stationierte, massiv muskulös gebaute Navy Soldaten. Wie Berserker lassen sie die vergleichsweise kleinen und schmächtigen Japaner herumwirbeln – dennoch ist es ein faires Miteinander. Drummer Joey gilt als Ausnahmekönner seines Fachs, in den letzten Jahren fiel er jedoch immer wieder mal durch schlampiges Spiel auf, während Heretic Anthem klangen seinen Double-Bass-Attacken zum Teil sehr fahrig.

„Are you ready for some more?“ fragt Corey um dann die Leute aufzufordern „I want you to put your hands together just like this…“. Etwas öd, dass er die erste Single von All Hope Is Gone seit fünf Jahren auf exakt die selbe Art einleitet. Trotz des supermelodischen Refrains, ein gewaltig groovender Song.

Der Schwerpunkt der Songauswahl liegt auf den ersten beiden Alben der Band, gesamt 13 Tracks des selbstbetitelten Debuts sowie der Iowa werden dargeboten, von der Subliminal Verses und All Hope Is Gone werden gesamt nur sieben Songs gespielt. Die wuchtigen Knüppel Songs sind es auch die die Leute völlig ausrasten lassen. Zwar ist die Stimmung auch während der melodischen Singles gut aber die brutale Essenz des Schaffenswerks von Slipknot scheint hier und heute am begehrtesten zu sein.

Ein weiterer Bühnen Backdrop wird präsentiert, diesmal ist es die Nummer des verstorbenen Bassisten, die zwei.

Tonight we would like to honor the life and the music of Paul Gray. Tokyo, would you like to help me sing a song for our brother Paul?

Klar, wollen sie, auch wenn es sich nicht so anhört. Denn zwischen den Songs ist es oft seltsam ruhig, eine Eigenheit des japanischen Publikums. Schließlich sind die Japaner als sehr höflich und zurückhaltend bekannt. Als es dann darum geht die erste Textzeile von Duality zu vervollständigen „I push my fingers into my eyes…“ bringen sie Paul den nötigen Respekt entgegen, auch wenn der Mitsing-Part weniger mitreißend als anderswo klingt. Das ist nicht verwunderlich, wenn man sich bewusst macht, dass Englisch in Japan nicht in der Schule gelehrt wird.

Corey erfreut die Leute immer wieder mit seinen einstudierten Japanisch Floskeln, nun bedankt er sich in Landessprache dafür, dass der Abend gemeinsam verbracht wird. Um dann in Englisch den vermeintlich letzten Song anzukündigen:

Are you ready to go down in history with Slipknot one more time? Than it´s time for all of us here to… Spit it Out!

In der Mitte wird der Song abgewürgt um die altbekannte, etwas abgeschmackte Jump The Fuck Up-Aktion zu vollführen. Das heißt sich befehlsmäßig niederzuknien um auf Kommando aufzuspringen.

Anschließend verlassen Slipknot die Bühne. Verschwitzt wird die erschöpfte und dennoch nach mehr lechzende Menge zurückgelassen. Doch dem Publikum dürfte klar sein, das war noch nicht alles, die ganz großen Schlachthymnen fehlen noch. Ein paar Minuten haben die Trommelfelle nun Zeit sich zu regenerieren, dann ertönt das Barcode Intro des Debut Albums. Schlagzeug Gewitter, Here comes the pain!, dann DJ Gescratche: (Sic)! Die Menge tobt. Kompromisslos geht es mit People = Shit weiter, Circle Pits allerorten. Corey´s Stimmorgan ist wie am ganzen Abend eindrucksvoll kraftvoll und dämonisch.

Clown scheint seit dem Ableben Pauls energischer zu sein und rücksichtsloser mit seinem Körper umzugehen. Beispielsweise macht er wieder seine berüchtigten „Backflips“, Überschläge mit harter Landung auf dem Rücken, mit denen er in den Anfangstagen seinen Körper arg in Mitleidenschaft gezogen hat. DJ Sid trägt heute einen mit Kunstblut verschmierten weißen Overall und eine neue Maske, deren Entwurf von Giger stammen könnte: Eine Art spacige, schwarze Gasmaske mit Insektenaugen. Heute gibt es keine waghalsigen Stage Dives von ihm zu sehen. Sampler Crag hält sich wie gewohnt durchgehend headbangend im Hintergrund, während Mick seine Matte an der Front in einer Tour rotieren lässt. Sein Gitarrenpartner Jim trägt heute Vollbart und eine modifizierte Maske, er ist agil und wechselt oft die Seiten. Bassist Donnie Steel, der seit 2011 Paul Gray am Bass ersetzt, spielt hinter der Bühne mit Blickkontakt zu Drummer Joey. Es wäre schön, wenn er im nächsten Jahr mit neuem Album gemeinsam mit den anderen acht auf der Bühne stehen würde. Bisher hat man sich als Zeichen des Respekts vor dem Gründungsmitglied und Hauptsongwriter Paul dazu entschlossen, Donnie im Hintergrund seine Basslinien spielen zu lassen.

Slipknot live am Ozzfest

Slipknot live am Ozzfest

Werteverneined findet sie Show mit Surfacing einen brachialen Ausklang:

Fuck it all, fuck this world, fuck everything that you stand for, don´t belong, don´t exist, don´t give a shit, don´t ever judge me!

Mehrere Pits werden zu einem überdimensionierten und respekteinflößenden Ganzen verbunden und die letzten Energie Reserven angezapft. Noch einmal herrscht Tumult.
Während sich die Band verabschiedet wird Til We Die von der Anlage eingespielt und eine nebulöse, melancholische Atmosphäre macht sich breit.

Dann kehrt die Stille zurück.

Zum Ozzfest Bericht geht’s hier!

Gastautor: Antihero

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