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The Dillinger Escape Plan – Szene Wien

The Dillinger Escape Plan – Szene Wien

„Guten Tag, Sie sind von einem Bus überrollt worden! Und zwar über 1000 Mal in 75 Minuten! Wie fühlen Sie sich?“ – „Großartig! Einfach nur ausgepowert, gut und verstanden!“, meint der Konzertbesucher nach der Show von The Dillinger Escape Plan in der Szene (09.10.2013).

Was ist von einer Band zu halten, die mit einem Eintrag wie diesem auf Wikipedia steht?

Greg Puciato hat während des Sets am Reading Festival 2002 mitten auf der Bühne seine Notdurft verrichtet, das Ganze in ein Sackerl gepackt und mit den Worten „Das ist ein Sack voll Scheiße! Ich zeig‘s euch deswegen, weil ihr später daran denken werdet!“ ins Publikum geworfen. Das war seine Art die Bands, die an diesem Tag noch spielen werden, anzukündigen.

Respekt dafür und danke für die Hommage an die Rebellion! Wenn man seit fast 16 Jahren mit so einer unbändigen Leidenschaft zusammen musiziert, gemeinsam Konzertsäle zerlegt und keinen Funken an Energie eingebüßt hat, steht die Frage im Raum, was zum Teufel diese Jungs antreibt. Von welchen Gedanken sind sie besessen und was schürt in ihnen eine solche Kraft? Diese Fragen kann ich nicht beantworten. Selbst mit Interview und allem Drum und Dran kann man diese Energiefrage nicht beantworten. Und das ist gut so, denn es macht keinen Sinn sich den Kopf über das Warum zu zerbrechen, besser man ist bei der Liveshow vor Ort und konfrontiert sich selbst mit Brüchen.

Die Szene ist eher spärlich gefüllt als Maybeshewill (Homepage) auf der Bühne stehen. Mitreißender Post-Rock mit verschiedenen elektronischen Elementen, angereichert durch Filmzitate und andere Dialoge. Bei Not For Want Of Trying hallt die Ankündigung für den Untergang der Zivilisation durch den Raum. Der Sound hat sich durch die halb leere Halle geschlängelt und die Leute, die vor der Bühne gestanden sind, abgeholt und angetanzt. Die Begeisterung der alten und neuen Sympathisanten ist in der Umbauphase deutlich aus diversen Wortfetzen zu hören. Ihr Sound hinterlässt das angenehm behagliche Gefühl eines Desinfektionstüchleins, bevor die Nadel der Spritze in die Venen sticht.

Ein leicht hinkender Security bringt sich auf Position beim Eingang des Fotograbens. Mit den Worten „Pass auf, die hupfen recht!“ in Richtung einer Fotografin hat er die perfekten letzten Worte erklingen lassen, bevor der Käfig geöffnet wird und The Dillinger Escape Plan (Homepage) auf die Bühne stürmen.

Die Show findet mit Prancer einen brutalen Einstieg und gibt mit Farewell, Mona Lisa einen guten Überblick über die technisch anspruchsvolle und vielseitige musikalische Leistung der fünf Männer aus New Jersey. Freejazz, Industrial Metal, Metalcore, Technical Death Metal und was noch alles dazwischen liegt, wird unter ständigen wechselnden Takten und völliger Ignoranz eines klassischen Refrain-Strophen-Aufbaus fast schon von der Bühne gedroschen. Ganz hinten hängt ein großer Dillinger-Banner und links und rechts auf der Bühne unterstreichen Visuals den schöpferischen Wahnsinn.

Der Sound ist perfekt gemischt und die Stroboskoplichter lösen bei jedem der zu Epilepsie neigt jegliche Form von Anfall aus. Bei melodischen Liedern wie Black Bubblegum, Nothing Is Funny und Milk Lizard würde sich ein gediegeneres Lichtspiel anbieten, um Kräfte für den nächsten Pit sammeln zu können. Leider wird weitergeblitzt, als habe die Lichttechnik die Kontrolle über die Lampen verloren. Wirklich schade und unpassend. Einen schon ewig nicht mehr live gehörten Zerstörer holen The Dillinger Escape Plan aus ihrer Schatzkiste: Fix Your Face! Die Setlist konzentriert sich eher auf die neueren Songs und liefert genug Stoff für durchgehende Pits.

Ben Weiman, die Manie in Person, hat in der ersten Hälfte des Sets seine Gitarre geschnappt und sich links von der Hallenwand abgehängt, während er weiterspielte, als würde er daheim so Proben. Die Manie in Person, deshalb, weil er außer seiner Gitarre, die ich als Körperteil von ihm beschreiben würde, sonst nichts unter Kontrolle hat und ihm der Wahnsinn und die Energie aus allen Poren spritzt. Im Gegenzug dazu wirkt die rechte Bandseite etwas lahm seit James Love wieder überaus tight die zweite Gitarre zupft. Aber nur im Vergleich zu einem unkontrollierten, sympathischen Besessenen.

Nach 60 Minuten und 15 Liedern kommt eine kleine Verschnaufpause bevor noch drei weitere Male im Waffenkisterl gewühlt wird. Mit einem, in meinen Augen großartigen, Cover von Aphex TwinCome To Daddy und 43% Burnt, einer Klassiker–Bombe, endet der Abend und es wird fast beunruhigend still und dunkel. Wer die Hände noch über den Tresen stecken kann, nimmt um 20 Euro auch ein greifbares Andenken in Form eines Shirts mit nach Hause.

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Verena Oberhofer
‎~ pour moi, l'habitude est juste synonime de mort. ~
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