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Die Leiden des jungen Straßenmusikers – Teil 1

Die Leiden des jungen Straßenmusikers – Teil 1

Was von der einen Gemeinde als Straßenkunst bezeichnet wird, tituliert die nächste Gemeinde als Bettelmusik. Was es eigentlich ist, lässt sich leicht erklären: eine tolle Erfahrung, die jeder Musiker einmal in seinem Leben durchmachen sollte. Das besondere an der Straßenmusik ist, die Leute kommen nicht auf dein Konzert um dich oder entweder die Band danach live zu sehen. Nein. Die Leute bewegen sich von A nach B, haben gar vielleicht noch etwas Stress und rechnen nicht damit, dass sie heute noch ein Konzert sehen werden. Und wenn sie dann noch stehen bleiben, zuhören, klatschen, CDs kaufen, oder gar dem sogenannten Bettelmusiker ein paar Mark in die Gitarrentasche werfen – das ist wohl ehrliches, allein verdientes Feedback.

Das Straßenmusikuniversium ist dennoch groß und umfangreich. Da wären die einen, die sich durch lustige Verkleidungen (siehe die Pferdeköpfe beim Wiener Museumsquartier) und mittelmäßiger Beherrschung des Instruments Geld verdienen. Eine andere Art sind die Musiker, die mit ausgefallenen Instrumenten, wie zum Beispiel einer riesigen mexikanischen Marimba oder einer Schweizer Hang Drum, Aufsehen erregen. Oder gar die klassische Coverband, die Neuinterpretationen von aktuellen Pophits wiedergibt. Zählst du zu den Letzteren, kannst du dir sicher sein: Wenn du dein Instrument ein bisschen beherrscht, eine zumutbare Stimme hast und ein bisschen mit dem Hintern wackelst, dann mein Lieber, dann fliegen die Scheine.

Abgesehen von diesen, gibt es dann noch so Leute wie den jungen niederösterreichischen Singer-Songwriter Onk Lou (Homepage), der sich mit seiner Gitarre auf die Straße stellt und schlicht und einfach nur seine eigenen Lieder wiedergibt, die wohl 99,9% der vorbeirauschenden Passanten noch nie gehört haben. Und bleiben dann Leute stehen und hören sich das Ganze an – dann schließt sich der Kreis und wir sind wieder beim ehrlich verdienten Knedl und Feedback. Wir haben den Musiker dabei begleitet, wir er auf den Straßen verschiedener Städte seine Musik verbreitete. Und eines sollte jeder, der es ihm gleichtun will, wissen: Einfach auf die Straße stellen und Kohle scheffeln is‘ nich‘! Zu eurem Glück verraten wir euch, was es bei der Straßenmusik zu beachten gibt!

Mehr: Onk Lou & The Better Life Inc – Claws & Paws CD Review

Onk Lou befindet sich musikalisch irgendwo zwischen Rock, Folk, Pop, Singer-Songwriter und Sopran-Tom Waits, wohl am Besten beschrieben mit „Ok, der Junge spielt echt gut Gitarre, aber dieses Organ reißt wohl alles nieder“. Da Lukas Weiser alias Onk Lou seine Lieder selbst komponiert und nicht immer mit Band live auftritt, sind die Songs gut für Einzelauftritte konzipiert. Doch gerade dann liegt die oberste Priorität darin, die Leute davon zu überzeugen, etwas drauf zu haben, denn mit Gitarre auf die Straße stellen, kann wohl jeder Fünfte. Deshalb ist es noch mal einen Deut schwieriger sich zu rechtfertigen, dass hier kein Wirbel entsteht, sondern Musik.

Onk Lou ist mit der Idee der Vagabond Tour an mich herangetreten, weil er sich vor Jahren dachte, es war immer schwierig für ihn im Sommer Konzerte aufzustellen und für Festivals war er damals noch zu pubertär und unbekannt. Bürokratie heißt der Hund und somit hat er es bis jetzt noch nie geschafft, diese Tour zu organisieren. Denn die Straßenmusikgesetze oder das Bettelgesetz wird sowohl in Österreich als auch im umliegenden Ausland immer strenger und genauer. Als alter Paragraphenreiter und Absolvent eines wirtschaftswissenschaftlichen Studiums machte ich mich auf die Suche durch Foren, Webseiten der verschiedensten Magistrate um Aufschluss zu finden, was wirklich zu tun ist, um auf der Straße ein bisschen Brüllen zu dürfen. Es endete mit täglichen Wakeupcalls bei schwer erreichbaren Personen bis letzten Endes zwei Tage vor Tourantritt alle Informationen gesammelt waren. An den Erfahrungen die wir auf der Vagabond Tour gemacht haben, würden wir euch gerne hier und jetzt teilhaben lassen.

Tag 1 – Bratislava – Nietislava

Putzmunter und frisch ging es von Wien nach Bratislava. Dass dieser Tag im Motto des allgegenwärtigen „Niet“-s stehen wird, wussten wir noch nicht. Gegen neun Uhr morgens erreichten wir das Magistrat der Altstadt Bratislava. Voll bepackt mit schönen Sachen die das Leben schöner machen (Onk Lou mit Gitarre am Rücken, ich mit Schild und Mappe in der Hand) betraten wir das Gebäude, um sofort aus acht Metern Entfernung von der Rezeptionistin ein paar „Niet“-Rufe entgegengeschrien zu bekommen. Seltsamerweise sprach der Parksheriff vorm Haus slowakisch, deutsch und englisch und die feine Magistratsdame bloß ihr eigenes Jibberish. Nach ein paar Minuten sinnlosem Austausch kam eine weitere Dame durch den Raum und verlor abermals ein paar furiose „Niet“-s aus ihrem Mundwerk. Letztendlich holte sie jemanden, der a few Brocken Englisch sprach. Der teilte uns mit, Bratislava sei im Sommer bereits komplett von Straßenkünstlern ausgebucht und es tut ihm leid aber „niet“! Also bitte liebe Straßenmusiker, Bratislava immer vorreservieren!

Nun gut, dann gibt’s halt Gulasch, Zlatý Bahžant, Plaudereien und natürlich eine Investigation. Liebes Stare Mesto, vielleicht waren wir unhöflich oder die Bärte zu ungepflegt, aber von neun bis 17 Uhr war kein einziger Straßenmusiker auf den gekennzeichneten Plätzen.

Tag 2 – Wien – Krawattenkaiser Groupies

In Wien kann sich unser einer Platzkarten besorgen. Diese Prozedur ähnelt circa der Premiere von Star Wars Episode VII. Vor einem Gebäude mit geschlossenen Türen sitzen im Dunkeln seltsame Gestalten und warten, bis die Türen aufgehen, um irgendwas zu kaufen. Da die Platzkarten dann aber nur für unbestimmte Tage und für einen ganzen Monat ausgegeben werden, wichen wir auf gratis Plätze aus. Platzkarten kann man nämlich auch nur am letzten Montag des Monats abholen. Gott sei Dank gibt es bei den freien Spielplätzen auch ein paar Schmankerl.

12:00 Uhr Treffpunkt Urban Loritz Platz. Aufgrund Onk Lous Unpünktlichkeit mussten wir den Platz an eine peruanische Flötenband abgeben und wanderten die Mariahilferstraße entlang bis zu dem Bereich „Mariahilferstraße zwischen ONr. 2 und Ecke Getreidemarkt“. Sie hätten auch einfach sagen können, dort wo sich die meisten Hippies versammeln. Siehe da, Mr. Pferdekopf (diesmal als Einhorn) mit Ziehharmoniker ist auch da und Greenpeace sammelt Unterschriften für die Erhaltung des Schmunzeltigers. Unterschrieben, aufgebaut und los ging die rasante Reise der Straßenmusik.

Anfängliches Feedback war eher rar, doch die verschiedensten Leute waren von Onk Lous Auftritt angetan (unter anderem die Müllabfuhr). Ein Mädel fragte mich, ob Onk Lou öfters im Fernsehen ist, weil er ihr so bekannt vorkommt. 45 Minuten und ein paar Unzen später wanderten wir zum Sigmund Freud Park. Aufgestellt haben wir uns bei der Ecke an den City-Bike Ständern, wo sich zwei dreispurige Straßen treffen, also Lärmbeinträchtigung gleich null.

Nach ca. 15 Minuten sammelten sich sieben bis zehn Leute um Onk Lou und spendeten, genossen das Konzert und quatschten mit ihm. Seltsamerweise waren fünf davon im Anzug unterwegs und hielten im Vorbeigehen noch mehr Leute der so genannten Krawattenkaiser-Spezies auf. Der Tag war gerettet! Voll Schmetterlinge im Bauch und Glücksgefühle in den Augen stolzierten wir mit unseren gerade eingenommenen 25 Euro wie die Könige der Welt zum Donaukanal, um noch ein bisschen Geld rauszuschlagen. Zwar ein schöner Spot, aber wenn die Sonne nicht scheint bleiben Hipsters und Bobos anscheinend zu Hause.

Laut Anlagenverzeichnis der Straßenkunstverordnung darf man nämlich nicht im Rush Hour Bereich spielen (Tel Aviv, Adria, Hermann, Flex) sondern entweder bei der Schwedenbrücke, abseits der Bars oder am anderen Ufer in der Nähe des Flexs, wo auch nichts mehr los ist. Beschrieben wurde es mit „Uferpromenade entlang des Donaukanals, 130 Meter stromaufwärts der Salztorbrücke“. Nach 30 Minuten und 40 Cent Spende folgte der Feierabend beziehungsweise kurze Verschnaufpause für Onk Lou, bis er um 22 Uhr mit seiner Band The Better Life Inc im Loop aufgeigte. Siehe da, tatsächlich trafen wir fünf bis zehn Leute am Konzert, die durch den Straßengig am Nachmittag hier hergefunden haben! Plötzlich war es zwei Uhr früh und es hieß ab in die Nightline. Immerhin gibt es nur mehr drei Stunden Schlaf zum holen.

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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