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Die Leiden des jungen Straßenmusikers – Teil 3

Die Leiden des jungen Straßenmusikers – Teil 3

Tag 7 – Tirol – Spinnst du?

Der Plan war eigentlich in Innsbruck zu spielen, aber es dauerte mal über eine Woche, bis ich die richtigen Leute im „Amt für allgemeine Sicherheit und Veranstaltungen“ erreichte. E-Mail Antworten gab es natürlich auch nicht. Als ich den Herrn F. endlich erreichte, wunderte es mich – er war superfreundlich und erzählte mir aber von den Hindernissen, auf die Straßenmusiker in Innsbruck stoßen. Wir können gerne eine Genehmigung holen, jedoch darf man mit dieser nicht auf der Hauptstraße spielen und nicht beim goldenen Dachl. Außerdem kostet sie 64 Euro, gilt zwar für drei Tage, aber trotzdem wäre es zu teuer. Also ging es ab zur Zugspitze, Garmisch Partenkirchen und den Svarovski Kristallwelten, wo wir einfach so ein paar Videos filmten.

Schlafplatz heute in St. Johann in Tirol, wo es rauf auf eine Alm ging, denn dort arbeitete ein Freund von Onk Lou. Nach 20 Minuten bergauf im ersten Gang stießen wir auf eine Schranke. Ich versuchte sie zu öffnen – erfolglos. Wir fanden eine kleine Umfahrung, die aber eine Steigung von sagen wir „nicht gemacht für einen normalen PKW“-Prozent hatte. Aber da mussten wir durch. Plötzlich Mulde nach Mulde. Unsere Köpfe krachten im Sekundentakt ans Dach des 206er. Nach den fünf Mulden und der geschafften Steigung, kurz mal verschnaufen und dann noch knappe zehn Minuten weiter. Oben angekommen meinte sein Freund: „Ihr seid schon da? Ich hätte gedacht ihr ruft an, wenn ihr bei der Schranke seid!“ Alles klar! Anscheinend ist es ganz normal anzunehmen, jemand könnte per Zauberhand von fünf Kilometer Entfernung Schranken öffnen – aber ja, jetzt wissen wir es! Danach hörten wir noch witzige Geschichten seiner bayrischen Arbeitskollegin, die zum Großteil mit der Pointe „Na spinnst du?“ und entsetzten Blicken endeten und wir wussten – Zeit fürs Bett.

Tag 8 – Bozen – Extrawurstsemmerl mit Gurkerl und Kokain

Unausgeschlafen nutzten wir unsere neuen Schranken-Privilegien und fuhren Richtung Italien. An der Mautstelle wurden wir gleich mal bis aufs Unterhöschen gefilzt. Der Polizist durchsuchte ohne zu fragen alle Rucksäcke, Taschen, Schachteln und was ihn dann doch am meisten interessierte waren die übrig gebliebenen Brösel einer Semmel in einem Plastiksackerl. Könnte ja Koks sein. Weiter nach Bozen zur Stadtpolizei. Der nette Polizist erklärte uns den Sachverhalt: Jeden Tag darf der Straßenmusiker von neun bis zwölf Uhr und 16 bis 19 Uhr in bestimmten Zonen spielen. 30 Minuten pro Konzert, danach mindestens 100 Meter Abstand und die Karte gilt für drei Tage. Zur Bezahlung müssten wir vorher in einer Trafik eine Stempelmarke für 16 Euro kaufen. Obwohl wir bisher nur schlechte Erfahrungen in Südtirol gemacht haben, war Folgendes eine Leistung, die der Welt zeigt, dass auch Polizisten und Beamten nur Menschen sind. Der Polizist meinte, spielt doch erst ab morgen, sonst könnt ihr den Vormittag nicht mehr spielen, da es schon 14:30 war. Wir erklärten ihm, dass wir nur heute hier sind. Er tätigte einen weiteren Anruf, italienisches Jibberish und sie schenkten uns die Platzkarte. Danke Bozen!

Die Musik auf der Straße wurde dann aber nicht so gut aufgenommen. Wenig Geld eingenommen, die meisten Interessenten, die wir hatten, waren dann selbst Touristen. Egal wo Onk Lou sich hinstellte, entstand plötzlich eine Baustelle, eine Umfahrung oder ein Umzug. Nach der obligatorischen Pizza ging es ab ins Auto, denn wir wollten raus aus diesem Loch. Drei Stunden Landstraße bis nach Österreich wo wir endlich um 01:00 Uhr morgens ein stilles Plätzchen auf einem Berg nahe des Millstättersees fanden. Es war eine Stelle, an der wir uns hinparken konnten, ohne dass wir am nächsten Tag im Ramba Zamba aufwachen. Eine Autoübernachtung gehört schon dazu, sonst wäre es keine richtige Tour.

Tag 9 – Klagenfurt – Nettokopf

In der Früh öffnete ich von meinem Schlafplatz – dem Beifahrersitz – die Augen und eine Joggerin winkte mir zu. Gleich danach der Radfahrer, der meinte „Soi i eich oschleppa?““, ein paar Autos, aber alles ok! Ab nach Klagenfurt. Am Ortsanfang wurden wir noch geblitzt und zahlten den zwei Ordnungshütern die 30 Euro Strafe in Kleingeld aus dem Gitarrenkoffer aus. So läuft das halt beim Straßenmusiker! Genehmigung geholt – alles einwandfrei. Diesmal im „Amt für Bau- & Gewerberecht“. Man weiß ja niem wo spontan eine neue Wohnanlage gebaut wird, und wenn dann genau dort ein Straßenmusiker steht – welch Chaos! Wir bekamen zwar keinen Plan mit den Zonen aber ausreichend Erklärungen. Das Publikum in Klagenfurt war eigentlich ganz nett. Interessierte Leute versammelten sich um Onk Lou und das Feedback war gut. Und natürlich trafen wir wieder die Tigerbeschützer, die uns noch eine Tigermaske andrehen wollten. Aufgeigen darf man eigentlich in der gesamten Fußgängerzone vom neuen Platz (Standort des Lindwurms) bis zum Ende der Wienerstraße. Ausnahmen bestätigen die Regel – es ist untersagt, sich vor das Wörtherseemännchen zu stellen. Das letzte Set spielte Onk Lou vorm Lindwurm, wo sich dann doch immer wieder Leute hinsetzten und lauschten.

Dadurch, dass es zu Mittag stark regnete, war dann Klagenfurt doch nicht mehr so belebt wie anfangs. Dennoch war es ganz lukrativ und die Platzkarte war gratis! Zum Abschluss wurde Onk Lou von einer Person mit Tourette Syndrom inbrünstig als Nettokopf bezeichnet und es war Zeit weiterzuziehen. Vielleicht könnten wir ja in Graz in der netten Feministinnen-WG endlich etwas Schlaf finden. Denkste! Angekommen um 21:30 Uhr, nett empfangen und gleich ins Sub (Homepage) mitgeschleppt worden zu The Love Triangle (UK), Fluffers (DE) und Divided Minds (HR). Langer Abend, wenig Schlaf – einmal geht’s noch!

Tag 10 – Graz – Ein letztes Mal: Rettet den Tiger!

Auf zum Amt. Vor ein paar Jahren konnte sich der engagierte Straßenmusiker hinstellen, wo er wollte, jetzt gibt es Beschränkungen, zumindest in der Innenstadt. Aber alles easy, reingehen, Ausweis hergeben, Platzkarte bekommen (maximal dreimal pro Woche), kein Vorspielen und einen netten Plan und Reglement auf eine A4 Seite gepackt. Kurz vor 15:00 Uhr, als der Nachmittagsslot für Straßenmusiker begann, musste es natürlich wieder schütten. Diesmal so heftig, dass wir innerhalb von fünf Minuten bis zu den Knöcheln im Wasser standen. 20 Minuten später – als wäre nie etwas gewesen – ging es ab zum Hauptplatz. Abermals haben wir uns vor den „Rettet den Tiger“-Stand von Greenpeace hingepflanzt und ab geht die Post. Das Witzige hierbei war, dass das große Tigerplakat, in Form eines Tigerkopfes, an zwei Metallstangen angebracht war. Die Seile, die das Plakat hielten, konnten anscheinend nicht im Boden befestigt werden. Somit standen links und rechts zwei Typen in voller Klettermontur mit Helm, Klettergurt und spannten das Seil. Danke hierbei an Greenpeace – jetzt wissen wir, in welche sinnvollen Posten unsere Spenden verschwinden.

Das Konzert lief eigentlich ganz gut. Die Leute versammelten sich und setzten sich auf die Stiegen der Statue hinter Onk Lou, bezahlten aber auch brav, nachdem sie abhauten. Danach noch in die Sporrgasse, wo die Akustik wahnsinnig gut und laut war. Somit haben die vorbeigehenden Passanten gar keine andere Chance als dem Straßenmusiker zuzuhören und das machte sich auch bemerkbar! Graz war definitiv, aufgerechnet auf Zeit und Umsatz, die zweitlukrativste Stadt in der Onk Lou gespielt hat. Und hiermit beendeten wir offiziell die Vagabond Tour. Sachen gepackt, ab zum Auto, ab nach Wien, um endlich etwas Schlaf zu bekommen – war wohl wieder nichts, immerhin ist es Samstag!

Fazit der Geschichte als Straßenmusiker

Einmal in das Leben eines Straßenmusikers reinschnuppern ist definitiv eine super Erfahrung. Zur Wahl des Spielortes kann noch eins gesagt sein: Es ist komplett unberechenbar und verschieden. Stellst du dich in eine Fußgängerzone, die etwas enger ist, erreichst du mehr Leute, ist aber auch mehr Wirbel. Stellst du dich auf einen weitläufigen Platz, störst du keinen und es ist etwas leiser, doch gehen die Leute teilweise einfach vorbei. Straßenbahnen, Busse, Skateboards, Regen und Autos sind deine größten Feinde. Bewehrt hat sich der etwas kleinere, zwar nicht so stark frequentierte Platz mit Sitzmöglichkeiten. Oberstes Gebot ist sowieso, sei dreist, denn who gives a crap. Stellst du dich irgendwo abseits hin, dass ja vorbeifahrende Polizeiautos oder Menschenmassen durchkommen, beachtet dich keiner. Wenn du auf einen Platz kommst, stell dich verdammt noch Mal vor die Statue, die alle fotografieren wollen oder neben den Brunnen, in den alle Geld einwerfen wollen (damit die FPÖ ja nicht schimpft, es wäre zu wenig Geld im Muschelbrunnen)! Platzkarte bitte immer sichtbar auflegen, denn es gibt tatsächlich Kontrollen.

Das Feedback, das man als Straßenmusiker bekommt, ist ehrlich und mitreißend. Über die Tage hat Onk Lou immer wieder Nachrichten per Facebook erhalten, dass ihn irgendwer irgendwo gesehen hat und super findet, was er macht. So ein durchgemischtes Publikum wie auf der Straße findet man nicht mal auf einem Gratiskonzert. Da wären die, die wirklich stehen bleiben, bewusst zuhören und dann auch spenden oder CDs kaufen. Die, die einfach hin und weg sind, weil sie sonst wahrscheinlich nur Akkordeon-Spieler sehen. Kleine Kinder sind sowieso fasziniert und wirken wie Erwachsene auf MDMA, wenn sie jemanden auf der Straße singen sehen. Und natürlich müssen dann Mama und Papa dem begeisterten Kind Geld in die Hand drücken, damit er dem Musiker etwas geben kann. Auch wenn kleine Kinder das Konzept des „Geld in den Koffer Werfens“ teilweise noch nicht ganz verstanden haben und dem Musiker das Geld erwartungsvoll während des Spielens in die Hand drücken wollen, ist es ja doch gut gemeint. Und im Endeffekt ist keiner gezwungen etwas in den Koffer zu werfen, auch wenn er schon 20 Minuten da steht und zuhört. Und wenn er oder sie sich doch genötigt fühlen, etwas zu spenden, weil sonst wäre es ihnen unangenehm – dann bleibt nur noch eins zu sagen: „Sorry für die Räubung Jungs!“

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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