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Die Leiden des jungen Straßenmusikers – Teil 2

Die Leiden des jungen Straßenmusikers – Teil 2

Tag 3 – Linz – Sorry für die Räubung, Jungs!

Nach drei Stunden Schlaf ging es in unserem mobilen Zuhause der nächsten Tage (Peugeot 206 voll gerammelt mit Instrumenten, Gewand, CDs, Shirts, Dosen, Flaschen und zwei unausgeschlafenen Vollzeitchaoten) nach Linz, the City of Angels. Definitiv das surrealste Erlebnis der ganzen Tour. Als Straßenmusiker musst du dir im neuen Rathaus (schwer zu verfehlen, es hat eine gewisse Ähnlichkeit mit den Alterlaa Bauten in Wien) im Amt für Straßen- und Brückenbau eine Platzkarte holen. Das Ganze geht nur von acht bis neun in der Früh und ein kurzes Casting ist auch im Prozess inkludiert.

Nachdem ich ein kurzes Gespräch mit Herrn H. geführt habe und er meinte, wieso der Musiker nicht selbst spricht und ob ich sein Übersetzer bin, hielt ich meine Klappe und ließ dem Ding freien Lauf. Herr H. hatte im Nebenzimmer noch zwei Damen, die auch Jury spielen sollten. Nach hundert Bier und drei Stunden Schlaf heizte Onk Lou zu dieser unchristlichen Zeit sein Lied Vertigo an und das Ganze in einem alten Beamtenbüro. Herrlich! Mit den Worten „Herr Weiser, das passt! Das passt sogar sehr gut!“ drückte Herr H. seinen Gefallen aus, schickte Lukas zur Kassa. Anschließend bekamen wir einen fünf Seiten langen Wisch mit allen Do’s & Don’ts für Straßenmusikers.

Im Café erst mal abgehangen, bis wir rechtzeitig zum Regenbeginn auf der Landstraße waren. Anfangs etwas durch spontane Regeneinfälle gestört, sorgte Onk Lou bei den Passanten trotzdem für Aufregung und Aufmerksamkeit. Das Feedback war großartig. Es reichte von Spenden, CD-Käufen bis hin zu „hey, ich hab ein Studio, da ist meine Karte, falls du mal was aufnehmen magst, melde dich“. Über den Tag verteilt spielte Onk Lou noch zwei bis drei mal auf verschiedenen Stellen der Landstraße, denn eine bereits bespielte Stelle darf in Linz den ganzen Tag nicht mehr vom selben Musiker bespielt werden.

Am Ende eines Sets kamen ein paar Leute mit Instrumenten auf uns zu und fragten, wie lange es noch dauern würde. Nach dem Ende bauten sie ihre Instrumente auf und rundum versammelten sich Menschenmassen. Wo hingegen wir uns über jeden Zuhörer freuten, erfreute sich diese Kombo aus Quetschen, Cajón und Gitarre über circa 40 Zuhörer und Bling Bling. Aber nun gut, anderes Genre, Partystimmung und größtenteils Coverhits. Trotzdem ging es etwas gekränkt in Richtung Café, um den Durst zu löschen, denn immerhin hatten wir noch vier Stunden zu überbrücken, bis unser Gastgeber mit der Arbeit aufhört und wir endlich etwas Schlaf kriegen können.

Am Weg trafen wir noch einen Punker, den wir etwas Geld spendeten, denn wir hatten immerhin auch gerade Spenden bekommen. Er bedankte sich mit geschwungener Flüsterhand und kratziger Stimme in Konzertlautstärke mit „Sorry für die Räubung Jungs“ und somit hatten wir auch wieder etwas Gesprächsstoff, um zu diskutieren, ob Räubung tatsächlich eine grammatikalisch richtige Abwandlung von Raub ist.

In der Manier eines Straßenmusikers holten wir uns zuerst mal ein paar Bier im Beisl ums Eck und später ging es ab in die Weinbar, wo wir merken mussten, dass unser Evening Host auf Grund seiner witzigen neureichen Gäste die Bar nicht schließen konnte. Immerhin lassen sie alle zwei Wochen einen Haufen Gold hier liegen. Mittlerweile lagen wir mit dem Kopf am Tresen, hörten den witzigen Gästen, die sich selbst am Mikrofon bedienten, zu, wie sie lautstark und textsicher Azzuro grölten und kratzten nah am Ohrenkrebs. Fünf Uhr früh war es so weit, rein ins Taxi und ins Bett! Danke Linz, Danke!

Tag 4 – Salzburg – I love your Music

Nach fünf Stunden Schlaf ging es mittlerweile etwas heißer ab nach Salzburg. Im Auto sammelten sich Aggressionen, als wir zwei Stunden Converge hörten und die Finger wurden schon unrund! Endlich angekommen ging es zum Makartsteg zum ersten Gig. Kurzer Exkurs zur Salzburger Straßenmusikverordnung. Es gibt circa sieben Plätze, wo Straßenmusiker öffentlich musizieren dürfen und die sind eigentlich auch ganz schnieke. Beim Makartsteg, Kapitelplatz, Mozartplatz, Mirabellplatz et cetera.. Super sind auf jeden Fall die Beschreibungen in der Straßenmusikverordnung. Zu dieser braucht man teilweise einen Kompass, eine theologische Ausbildung oder ein Maßband. Kurzer Auszug:

[checklist]

  • Mozartplatz: Mittelteil östlich des Mozartdenkmales innerhalb der gelb markierten Fläche
  • Kapitelplatz: von den Dombögen entlang der Südfront des Domes bis zum Beginn der Domapsis, innerhalb der gelb markierten Fläche
  • Ferdinand-Hanusch-Platz: im Nahbereich des linksufrigen Brückenkopfes des Makartsteges, in einem Umkreis von 10 m

[/checklist]

Witzig ist nur, dass es an keinem dieser Plätze eine gelb markierte Fläche gibt.

Das Menschengebot in Salzburg war riesig. Sonniger Tag, noch dazu Samstag und ein Haufen Japaner. Bleiben wir politisch korrekt – Asiaten! Wir wissen ja immerhin nicht, woher sie genau kommen. Nach 30 Minuten am Makartsteg war die Motivation groß, zwei CDs verkauft und circa 30 Euro und 10 USD eingespielt. Also ab zum Kapitelplatz. Dort trafen wir auf den Langzeit-Geigenspieler, der sich seine Kohle ausschließlich von Touristen ergattert. Nun gut, wohin jetzt. Im Endeffekt landeten wir am Mozartplatz. Ein kleiner Platz mit Mozartstatue, ein paar Sitzbänken und alle fünf Minuten ein Fiaker; aber keine Autos, Skateboards oder sonstiger Lärm. Nachdem wir auf der Kompass App gecheckt haben, wo Osten ist, baute sich Onk Lou auf und begann mit seinem Set. Es dauerte nicht lang bis Leute herumstanden, auf den Bänken Platz nahmen, filmten und applaudierten. Aus 30 Minuten wurde dann auch ein knapp 90-Minuten-Set, denn den Leuten gefiel es. Vor allem die vorher angesprochenen Asiaten filmten ihn sehr viel, schaukelten mit der Musik mit und bewegten seltsamerweise ihre Lippen zur Musik, als wäre Onk Lou ziemlich groß in Japan.

Spätestens jetzt ist er zumindest ein Star in Japan, denn nach dieser Tour müssen mindestens 100 Youtube Videos von ihm in Japan veröffentlicht worden sein. An einem Punkt kam eine Japanerin auf Onk Lou zu, grinste ihn an und sagte dann mit einer kichernden Stimme „Hi“. Nach „Hallo“ von Lukas folgte eine kurze Stille, danach zückte sie ihr Taschengeldkuvert und sagte „I don’t have much but…“ und warf zwei Euro in die Gitarrentasche. Lukas bedankte sich, abermals folgte peinliche Stille und ein sich gegenseitiges Anstarren, bis letzten Endes die nette Japanerin in sehr hohem Wortlaut „I LOVE YOUR MUSIC“ rausschrie, kicherte, sich umdrehte und weglief! Klischee hin oder her, einfach unbezahlbar! Mozartplatz war wie gesagt das gefundene Fressen für Straßenmusiker und wie wir im Verlauf der Tour merkten mit über 100 Euro Profit der lukrativste Ort, den Onk Lou bespielen sollte. Dann folgte natürlich das verdiente Erfolgsbier und ab ins Sub (Homepage). Irgendwo aufgewacht, aber hey, war da gestern nicht ein Gespräch? Lukas, wurdest du nicht in eine Radiosendung eingeladen? Richtig!

Tag 5 – Salzburg bis München – Hallo Punkerland

Mittagessen, abhängen in Salzburg und dann ab in die Arge Kultur zum freien Radio in der Radiofabrik. Der Plan war eigentlich vor dem WM-Finale nach München zu kommen und dort einem privaten Public Viewing beizuwohnen, aber da wir beide keine Fußball Fans sind, war es eine witzige Alternative. Wie viele Leute wirklich zugehört hatten, wissen wir nicht, immerhin war die Sendung von 21:00 bis 22:00 Uhr. Die Sendung hieß „Hallo Punkerland“ und das Motto lautete „Chaos und Anarchie“. Onk Lou spielte ein paar Lieder, wir beide beantworteten Fragen über die Leiden des jungen Straßenmusikers und verkündeten ein Gewinnspiel, bei dem die Anrufer eine Killing Oma und Forum Walters CD gewinnen konnten. Zwei Leute riefen sogar ein. Einer, der gerade in Kiev war und die Sendung per Stream verfolgte. Der Zweite gewann das Gewinnspiel, und als wir verkündeten, dass er unter anderem eine Killing Oma CD gewonnen hat, sagte er mit Freude „Bitte nicht, ich hab selbst noch 500 Stück hier rumliegen die ich loswerden muss“. Es war Tom von Three on Speed beziehungsweise. Ex-Killing Oma! Was für ein Zufall.

Danach ging es im Rock’n’Roll-Mobil ab nach München. Wohingegen die Radiosendung sehr friedlich zuging, herrschten in München mittlerweile richtiges Chaos und Anarchie. Fahnen, soweit das Auge reicht, kreischende Deutsche, Hupkonzerte und gesperrte Straßen. An der Kreuzung schnell mal die Fenster hoch und von innen verriegelt – man weiß ja nie, was dem Deutschen so einfällt, wenn er einen Ösi sieht! Ankunft – Bier – Kuscheln – Gute Nacht.

Tag 6 – München – Wo ist denn die Muttersau?

In München fanden wir unsere erste richtige Homebase – die Wohnung meiner Schwägerin in Spee. Zwei Übernachtungen, einen eigenen Schlüssel und freies Recht um sich in der Küche zu bedienen, wie man möchte. Gegen zehn Uhr sind wir aufs Stadtamt – Onk Lou schon ziemlich heiser und wir beide rote Augen wie nach nem Kurztrip in Holland! Links wurden die Touristen bedient, rechts alle anderen. Kurz mit dem netten Beamten geplaudert und mit den Worten „Spuins amoi wos“ wussten wir, Onk Lou musste mal wieder vor einer qualifizierten Jury sein Bestes geben. Wiedermal begann er mit Vertigo, wobei er gleich mal die erste Zeile so richtig rauskrächzte, da die Stimme doch schon etwas beleidigt war. Der Beamte sofort „Bitte etwas leiser, wir können hier nicht den Touristenverkehr stören“. Perfektes Timing, also spielte Onk Lou ein ruhiges, gemütliches Lied an.

Nach ca. 30 Sekunden kam ein rasantes „Stopp, nächstes Lied bitte“. Beim zweiten Lied dieselbe Geschichte. Mittlerweile hatte sich schon eine Dame dazu gesellt und gelauscht. Nach dem dritten Lied fragte sie den Beamten: „Und? Bekommt er die Platzkarte?“ Der Beamte sagte: „Nein! Er muas no lerna wia ma des RRRRR roit!“ Die Dame schwer empört: „Wo ist das Büro des Bürgermeisters? Wenn er keine Platzkarte bekommt, mache ich einen Aufstand!“ Somit lüftete der Beamte seinen Schmee, wir zahlten zehn Euro, bekamen den Wisch und gingen zurück ins Lager auf ein Mittagessen, Arte und Mittagsschlaferl.

Nachmittags ab in die Fußgängerzone, die fast zur Gänze mit ein paar Querstraßen bespielt werden darf. Um 16:15 Uhr stellte sich Onk Lou vors Rathaus und begann im leichten Sommerregen sein Set. Es war etwas laut, da sich die Menschenmassen schon versammelten, um gegen 17:00 Uhr das Glockenspiel zu sehen. Aber ein paar Menschen konnten sich trotzdem auch begeistern lassen, spendeten und gaben gutes Feedback. Ein Mann stieg von seinem Rad und meinte zu mir: „Hey, das rockt hier so richtig! Wer ist dieser Straßenmusiker?“ Ich dachte, super Feedback, alles cool! Nach ein paar Minuten sagte er: „Hast du ’nen Becher, dann würde ich dir etwas von meinem Gin anbieten!“ Echt nett gemeint, danke, aber es ist gerade mal 16:30 Uhr, montags. Nachdem der zweite Spielplatz in der Fußgängerzone so gar kein Feedback einbrachte, machten wir uns nach 15 Minuten auf in eine Quergasse, wo Onk Lou sich vor einem Park hinstellte.

Hier gab es super Feedback, CD Verkäufe, sogar 10 Euro Spenden und abermals viele Asiaten mit Ipads, Iphones und am Filmen. Wie er gerade aufhören wollte, kamen natürlich Leute, die meinten: „Hey, wir haben dich von drüben gesehen, du kannst jetzt nicht aufhören, hier haste ein Bier!“ Nun gut, weiter geht’s. Noch mal 30 Minuten. Danach tratschten wir noch mit den vier Leuten, die das Konzert verlängerten. Sie haben Onk Lou auf ihre Verlobungsfeier eingeladen und boten uns Rum, Wodka, Schnaps, Guarana Pulver und sonstige Späße an. Letzten Endes sangen sie uns noch eines ihrer Gedichte über Wildschweine vor in dem es hieß: „Wo ist denn die Muttersau?“.

Bald machten wir uns aus dem Staub, um irgendwo anders noch etwas zu trinken. Danach hielt uns Rolf, unser Sitznachbar im Brauhaus, einen 45-minütigen Vortrag über sein Leben, seine Liebe, fehlende Daumen, Netzwerke und „Schinesen“. Somit ergriffen wir in der ersten Atempause abermals die Flucht. Bayern, du verrücktes Land. Reden tut ihr wohl alle gern – über euch selbst versteht sich!

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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