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Marcus Wiebusch im Interview

Marcus Wiebusch im Interview

Egal ob …But Alive, Rantanplan, Kettcar oder Solo – Marcus Wiebusch (Facebook) ist und bleibt für uns einer der größten Musikpoeten der Neuzeit. Und das behaupten wir auch noch, ohne rot zu werden. Anfang November 2014 machte er mit seiner Band endlich Halt in Wien. Wir haben uns mit ihm kurz vor dem Konzert über Wien, politische Texte und seine Meinung über homophobe Arschlöcher unterhalten.

Hallo Marcus! Danke, dass du dir Zeit für das Interview genommen hast! Ohne, dass du dich verpflichtet fühlst, hier Werbung zu machen: Was verbindest du mit Wien?
Marcus: Also ich kann zu Protokoll geben, dass ich in Wien meine Hochzeitsreise verbracht habe. Wir haben 2005 geheiratet und meine Frau und ich sind dann nach Wien. Ich liebe diese Stadt! Also kulturell kann man ganz viele Sachen machen. Wenn man außerdem so ein Faible hat, einfach durch Straßen zu schlendern, die seit Jahrhunderten bestehen, dann kann man sich in Wien treiben lassen.

Marcus Wiebusch

@ Mario Baumgartner

Als ich gehört habe, dass du ein Solo-Album herausbringst, dachte ich mir – Hippiekacke 2.0! Hast du jemals daran gedacht, das Projekt in diese Richtung aufzuziehen?
Marcus: Nein! Ich wollte verschiedenste Bereiche ausprobieren, in denen ich mich in den letzten Jahren nicht so ausprobiert habe. Sprich: starker Wert auf Elektronik, auch auf das Sprechgesang-Ding, was ich schon mit …But Alive hatte. Und auch ganz größere Arrangements. Mit den modernen Mitteln kann man ja auch schon selbst Streicher- beziehungsweise Bläserarrangements schreiben. Dann habe ich mir immer die Produzenten gesucht, wo ich dachte, mit denen kann ich das umsetzten und so ist dann das Album entstanden.

Im Gegensatz zum letzten Kettcar Album ist Konfetti politischer angehaucht. Auf welche Probleme stößt man, wenn man Politik mit Musik vermischt?
Marcus: In Deutschland gab es diese SPEX Kritik zu Der Tag wird kommen. Dort wurde mir vorgeworfen – es war schon ein harter Verriss, eine Seite lang – dass ich den moralischen Zeigefinger erhebe. Es ist ja so, dass ich in dem Text tatsächlich für meine Verhältnisse kein Blatt vor den Mund nehme. Ich bezeichne die Dummen der Dümmsten und die homophoben Vollidioten als das, was sie sind. Es war mir auch wichtig dass zu tun, aber gibt es anscheinend in der hiesigen Popschreiberszene keine Erfahrung mit direkten Texten. Da muss alles immer Kunst und doppelcodiert sein. Andererseits war es extrem wichtig bei diesem Thema Homophobie und Fußball „moralisch“ zu sein, denn ich kenne auch keine Graustufen, was homophobe Arschlöcher angeht. Entweder bist du eins oder keins, da gibt es keine Abstufungen!

Marcus Wiebusch

@ Mario Baumgartner

Im Song Nur Einmal Rächen geht es ja um Nerds die sich an der Gesellschaft rächen. Inwiefern kannst du dich da selbst damit identifizieren?
Marcus: So bedingt wie ich mich mit jeder Figur, die ich entwickelt habe, identifiziere, wie zum Beispiel den Typen vom Balkon gegenüber oder der Typ der auf den Balkon gegenüber blickt. All diese sind ja frei erfundene Protagonisten, in deren Rollen ich schlüpfe. Fakt ist, dass ich in meiner Schulzeit aufgrund meiner körperlichen Statur nicht zu den Schwächeren gezählt habe und ich war auch nicht gut in Mathe. Ich habe auch oft schwächere Schüler rausgehauen, weil ich schon damals ein ziemlicher Gerechtigkeitsfanatiker war. Heute kann jeder, Leute mit technischen Skills und den modernen Kommunikationsmitteln in atemberaubenden Tempo Milliardär werden. Das war vor 20 Jahren anders.

Glaubst du, dass Der Tag wird kommen einen Fußabdruck in den Köpfen der Gesellschaft hinterlässt oder im Endeffekt es auch nur ein Song mit gutem Video bleibt?
Marcus: Natürlich ist ein Song alleine nie genug, um eine Revolution zu starten oder den Sachverhalt zu ändern. Ich sehe das immer als Teil. Veränderung oder politische Veränderung geht immer Baustein für Baustein voran. Wir bewegen uns in einem permanenten Diskurs, was so Konsens ist. Wenn du mir vor zehn Jahren gesagt hättest, dass wir in Deutschland mal einen Außenminister haben, der homosexuell ist und in Länder reist, in denen Homosexualität unter Strafe steht, hätten wir beide hier gesessen und gelacht. Siehe da, zehn Jahre später, das Feld wurde erkämpft! Westerwelle, Wowereit, Ole van Beust – und so wird es auch beim Fußball sein. Das Problem ist nur, dass es ein langwieriger Prozess ist und der funktioniert nur über Baustein für Baustein. Ohne übertrieben eitel klingen zu wollen, ist mein Song auch ein Baustein.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Fankurven? War das ganz normal?
Marcus: Also normal war das nicht. Ich hab halt alle Fan-Beauftragten von den Profiklubs angeschrieben und gehofft, dass mein Anliegen zu ihnen vordringt. Da gab es halt von totaler Missachtung, Ablehnung, keine Rückmeldungen über „finden wir ganz gut, hat aber keinen Zweck“ bis hin zu „Total genial – machen wir mit“. Aber es ist schon toll, wie viele mitgemacht haben. Natürlich hätte ich mir noch Dortmund und ein paar mehr Fans vom HSV und Bayern gewünscht. Aber es ist halt so.

Marcus Wiebusch

@ Mario Baumgartner

Du hast ja in mehreren Bands gespielt, beziehungsweise auch gegründet. …But Alive, Rantanplan, Kettcar und jetzt Solo. Gibt es Sachen, die du seit mehr als 20 Jahren immer gleichmachst?
Marcus: Nein! Ich bin heute ein ganz anderer Musiker als ich damals bei …But Alive war. Wir haben sehr stark auf den Zeitgeist reagiert und haben auch mit unseren bescheidenen musikalischen Mitteln und einer gehörigen Portion Wut unsere Songs geschrieben. 1999 war ich dann durch mit politischen Texten – es hat mich gelangweilt. Ich musste mir etwas anderes überlegen: Kettcar! Jetzt scheint es so, als würde ich wieder etwas anderes machen, wobei ich immer der politische Mensch war. Auch mit Kettcar, aber da habe ich halt auf Kulturebene andere Ausdrucksformen gefunden. Ich habe ruhige, gefühlsvolle, metaphorische Songs geschrieben. Jetzt schreibe ich wieder deutlichere Songs und mal sehen, was ich als nächste mache – sicher etwas anderes. Man wird nicht noch mal so ein Konfetti Album von mir kriegen.

Es gibt ja sicher noch immer Leute, von wegen „Spiel doch mal was von …But Alive“. Nervt das mit der Zeit?
Marcus: Es kommt hie und da vor – die Leute meinen das auch als unfassbare Bestätigung, dass ihnen die Band so viel bedeutet hat. Tatsächlich fühle ich mich natürlich auch geehrt, aber ich kann immer wieder dasselbe sagen. …But Alive ist mir so wichtig, immer noch, dass ich sie deshalb heute nicht mehr spielen kann. Es ist mir zu wichtig, als das ich eine Reunion machen würde. Aber tatsächlich spielen wir bei Konzerten auch mal einen …But Alive Song.

Wieviel Einfluss hat eine Plattefirma auf den Erfolg von einer Band?
Marcus: Schwierige Frage! Man muss als Plattenfirma glaube ich hie und da einer Band eine Struktur ermöglichen – das machen wir mit Grand Hotel Van Cleef. Aber ich bin oft selbst ratlos, warum manche Bands erfolgreicher werden als andere. Als wir Kettcar gegründet haben, gab es überhaupt keine Struktur, keine Gelder, kein Marketing, keine Promo. Wir wurden trotzdem erfolgreich. In letzter Konsequenz ist immer die Qualität der Band das alles entscheidende Kriterium. Du kannst, wenn du eine gute Band bist, auch deine Platte selber rausbringen und es wird sich immer ein Weg finden.

Marcus Wiebusch

@ Mario Baumgartner

Jetzt mal ganz eine offene Frage: In welche Richtung verändert sich die Musikbranche?
Marcus: Es wird offensichtlich immer mehr in Richtung Streaming gegangen. Spotify und Co übernehmen zunehmend das Kommando. Die CD wird irgendwann Geschichte sein, Liebhaber bleiben Plattenkäufer, der Rest alles über Streaming. Und wenn eine Band ein Album macht, dann ist das Album eigentlich nur mehr dazu da um die Tournee zu promoten. Und die Künstler werden über die Tour Geld verdienen. Die Eintrittspreise werden immer teurer werden.

Kennst du österreichische Bands und findest du welche gut?
Marcus: Außer Kreisky und Ja, Panik kenne ich aktuell glaube ich keine. (Von hinten ruft unser Fotograf: Bilderbuch). Ach ja und Bilderbuch gibt es ja auch noch. Wir versuchen auch kleinere Bands von uns mit nach Wien zu nehmen, weil es eine große Chance ist, sich hier einen Namen zu machen. Aber diesmal war der Weg einfach zu weit. Und österreichische Bands kenne ich jetzt nicht all zu viele, die als Support passen würden. Kreisky und Ja, Panik wären zu groß. Hat diesmal leider nicht geklappt.

Wir bedanken uns für das nette Interview!

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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