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Tigeryouth – Leere Gläser

Tigeryouth – Leere Gläser

Tigeryouth (Homepage) beweist mit seinem Debütalbum Leere Gläser, dass man nicht immer jeglichen Schnickschnack braucht, sondern eine Akustikgitarre gepaart mit einer rauen Stimme reicht, um eine super Platte aufzunehmen. Das Album besteht aus 13 Songs plus Intro und ist ein weiteres gutes Aushängeschild für das Label Zeitstrafe, welches sowieso in einer Tour nur gute Alben veröffentlicht. Wieso der Hamburger mit Akustikgitarre und seiner Stimme so viel Gefühle und Emotionen erzeugt, dass er auf jegliche extra Instrumente oder Backgroundvocals verzichten kann, breche ich jetzt hier für euch herunter!

Leere Gläser ist ausgetüftelter Minimalismus pur. Keine Überproduktion, keine unnötigen Raffinessen oder zusätzliche Musiker – lediglich Tigeryouth mit Akustikgitarre, wie er lebt, liebt und sich auch live präsentiert. Es kann also mit gutem Gewissen behauptet werden: What you see is what you get. Denn zwischen Livekonzert und Platte sind musikalisch keine negativen Diskrepanzen zu spüren. Live ist die Musik natürlich noch mitreißender, wobei sich die Platte auch sehr gut hört. Leere Gläser ist sicherlich nicht die vielfältigste Platte, da aufgrund der musikalischen Einschränkungen nicht allzu viel Spielraum bleibt, aber das wäre auch das falsche Konzept – hier geht es nämlich um Balladen und Akustikpunk und um nichts anderes!

Tigeryouth Leere Gläser

Wer die EP Im Sitzen von Tigeryouth kennt und liebt, bei dem spalten sich beim ersten Anschauen der Platte wohl mal die Gefühle. Denn alle fünf Nummern der EP sind auf Leere Gläser neu aufgenommen. Die Rede ist hier nicht von Extras oder einer C-Seite, nein – die fünf Songs sind Teil der 13 Songs. Die EP hatte nicht so eine große Reichweite, wie es Leere Gläser jetzt hat und deshalb wäre es auch schade gewesen, diese fünf Songs untergehen zu lassen.

Leere Gläser startet mit der Nummer Streichholz (ebenfalls von Im Sitzen). Die neue Aufnahme ist etwas softer, die Power bleibt aber. Mit Vor Berlin schafft Tilman eine richtig melancholische ans Herz wachsende Nummer. Seine Lieder sind sehr persönlich und man kann sich einwandfrei in diese Geschichten rein versetzen. So singt er in Rio über verlorene Freundschaften und seine damalige Zeit in Rio De Janeiro, oder in Irland über Sehnsucht und der daraus entstehenden falschen Lähmung. Mit Pflaster schafft er eine Nummer, die einerseits eine schöne Melodie hat, einen einwandfreien Text über das Leben und die Entwicklung des Menschen als abgeschirmtes Individuum. Von den Emotionen braucht man erst gar nicht mal sprechen.

Die restlichen Songs handeln von Alltagsgeschichten unterstützt durch gesunden Pessimismus und einer großen Portion Gefühle zum Mitnehmen. Disko, welches bereits auf Im Sitzen drauf war, bleibt noch immer die kräftigste Nummer auf der Platte, die sicherlich als Hymne zum Aggressionsabbau benutzt werden kann. Erwähnenswert sind die Songs Fernweh I und Fernweh II, welche den Soundtrack eines jeden tourenden Musikers darstellen. Ist der erste Teil eine ruhige, gefühlsvolle Nummer, der von Bekanntschaften und variablen Schlafplätzen handelt, geht es im zweiten Teil um das Erwachen in fremden Städten, in fremden Häusern am Tag nach den Konzerten. Frei gefühlsvoll schreit Tigeryouth hier heraus „wer hat mich gestern nach Hause gebracht“ und holt sich in der zweiten Strophe Unterstützung und somit den einzigen Gastsänger auf der Platte. Eine Nummer, die ins Ohr geht und einfach fetzt!

Um noch ein paar Gründe zu nennen, wieso Tigeryouth mit seinem Akustikpunk mehr Gefühle verpackt als überproduzierte Popalben: Er kommt aus Hamburg. Seine Stimme ist rau und verraucht. Er singt, wie er lebt. Er lebt das, was er singt. Ehrlichkeit. Musik ist komplex und kann doch auch so einfach so viel vermitteln. Scheiß auf Schnickschnack. Ein Lied muss nicht immer 100 Solos haben und knappe zehn Minuten dauern. Zeitstrafe an die Macht. Und überhaupt habe ich noch nie etwas Persönlicheres erlebt als ein Tigeryouth Live Konzert. Herzhaft. Ehrlich. Genial.

Fazit

An dieser Stelle sollte noch etwas bekritteln werden, denn Perfektionismus lebt ja auch von Kritik. Die Nummer Leere Gläser ist sicherlich nicht jedermanns Sache und ist, wahrscheinlich mit Absicht, nicht sonderlich klar eingespielt. Ob die fünf Nummern vom Im Sitzen auf Leere Gläser besser aufgenommen wurden oder etwas verloren gegangen ist, ist wohl eine nicht zu lösende Streitfrage. Wenn man auf diese Art von Musik steht, ist dieses Album definitiv ein Pflichtkauf und das nächste Tigeryouth Konzert in deiner Stadt der dazu passende Pflichttermin. Leere Gläser hat sicherlich eine große Bandbreite an Fans – von Popern, Punkern und Rockern bis hin zu Schnulzenjägern. Und wenn du erst mal auf Tigeryouth herein gekippt bist, gibt es kein Entkommen mehr. Lass dich gehen!

Tigeryouth – Leere Gläser

Für Fans von: Matula, Marcus Wiebusch, Captain Planet
Zeitstrafe (Indigo)
VÖ: 09.05.2014
Gesehen um €10,59

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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