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Ton, Steine, Scherben – Szene Wien

Ton, Steine, Scherben – Szene Wien

Im April 2014 spielten Ton, Steine, Scherben (Homepage) das erste Mal seit 1985 in der verbliebenen Originalbesetzung und das brachte sie am 14.04.2014 schließlich auch nach Wien. 2011 spielte eine ähnliche, kleinere Besetzung schon mal in der Wiener Szene, jedoch mit Marius del Mestre am Gesang. Der große Unterschied war, dass diesmal, der, neben dem verstorbenen Rio Reiser, zweite musikalische Kopf der damaligen Band RPS Lanrue mit auf Tour kam. Aber nur um vorab zu klären, welche Bedeutung diese Band für die deutsche Musikgeschichte hatte, werden wir das Ganze kurz erläutern, damit man auch weiß, mit welchen Erwartungen die Leute in die Wiener Szene gekommen waren.

Ton, Steine, Scherben, gegründet von Rio Reiser, RPS Lanrue und Kai Sichterman, waren für die deutsche Musikgeschichte so einflussreich wie The Smiths für die britische Musikgeschichte. Abgesehen davon, dass die Herren ihrer Zeit voraus waren und 1971 & 1972 mit Warum geht es mir so dreckig oder Keine Macht für Niemand bereits erste Punk-ähnliche (zumindest textlich) Platten herausbrachten, kämpfte die Band aufgrund ihrer politischen Texte mit einem Major Label Deal. Kein Problem, zeichnen wir ein Logo mit einem seriös klingenden Namen, in dem Fall „David Volksmund Produktion“, drucken es auf unsere Platten und tun so, als hätten wir ein Label. Fazit – das erste Independent-Label Deutschlands war geboren. Die deutsche Hausbesetzer-Szene wäre ohne die Scherben auch nicht so verlaufen, wie sie verlaufen ist (Jemand ruft Georg von Rauch Haus) und außerdem sind Ton, Steine, Scherben sowie Rio Reiser für Allzeitklassiker wie Keine Macht für Niemand, Halt dich an deiner Liebe fest, Junimond, oder König von Deutschland verantwortlich zu machen.

Aber nun genug angehimmelt, das hier soll ein Konzertbericht und kein Liebesgeständnis sein. Kommen wir zum Konzert. Aufgrund der verschärften Pünktlichkeit haben so einige die Vorband verpasst und hatten gerade mal Zeit um die Jacke abzugeben, denn um Punkt Neun ging es los. Die Szene war gut gefüllt, geschätzte 300-400 Leute, angenehm gemütlich.Kurz auf die Bühne geblickt, sah man gleich bekannte Gesichter. Kai Sichterman am Bass, RPS Lanrue an der Gitarre, Funky Götzner am Schlagzeug und ab dann sank der Altersdurchschnitt gewaltig. Nico Rovera, der sowohl äußerlich als auch stimmlich einem 19-jährigen Rio Reiser ähnelt, sang und spielte Gitarre. Drei Damen, Josephine Ebsen, Tocher von RPS Lanrue, Elfie-Esther, Sängerin der ehemaligen Band Carambolage, sowie Anayana machten Background Gesang, eine weitere Gitarre und Percussions. Abgesehen davon gab es noch einen Keyboarder und einen Bongospieler. Die Lead-Stimme übernahm Lied für Lied wer anderer, wobei man sagen kann, dass Nico Rovera und Josie Ebsen die meisten Lieder sangen.

Nun gut, Ton, Steine, Scherben starteten mit Wenn die Nacht am Tiefsten ist gleich mal hart durch. Die Gefühle der Scherben Fans sprangen durch die Decke als RPS Lanrue das Riff von Wir müssen hier raus anspielte und die Szene verwandelte sich in eine einzigartige Gesangskapelle. Soweit so gut, dann kam Meine Name ist Mensch, Halt dich an deiner Liebe Fest, Durch die Wüste und Wo sind wir jetzt. Die erste Hälfte des Konzerts verlief gut, wobei der weibliche Gesang einfach nicht ganz zur Musik passte. Außerdem stand schon am Plakat, Ton, Steine, Scherben spielen ihre Lieder, wie sie 2014 klingen würden, deshalb wurde schon geahnt, dass das ein oder andere Lied etwas verhunzt sein wird.

Trotzdem hofften die Zuschauer, dass es gut weitergehen würde und Ton, Steine, Scherben ihre Klassiker der Anfang 70er-Jahre spielen würden. Mit Keine Macht für Niemand erfüllten sie diese Hoffnungen. Des Weiteren folgten Songs wie Der Traum ist aus, der Turm stürzt ein, Land in Sicht, Macht Kaputt was euch Kaputt macht, Allein machen sie dich ein – also alles in allem ein echt großzügiges und sehr gelungenes Set. Gegen 22:30 verließen die Scherben die Bühne und zahlreiche Zugaben-, „No Francais“- oder „Alles verändert sich“-Chöre breiteten sich aus. Ein paar Augenblicke später standen die Scherben wieder auf der Bühne und spielten Irrenanstalt und anschließend Komm, schlaf bei mir, bis sie abermals die Bühne verließen. So schnell wollten sich die Zuschauer aber nicht zufriedengeben und die Szene brach erneut in Chöre aus. Als Scherben Fan weiß man aber auch mit vollster Überzeugung, dass ein Scherben Konzert ohne den Rauch-Haus-Song kein fertiges Konzert sei. Wie vorhergesehen, kam die Band nochmals auf die Bühne und spielte eine modernere, an die Solo-Piano Version von Rio Reiser angelehnte, Version des Rauch-Haus-Songs und die „das ist unser Haus“-Chöre konnten auch noch bei der Tankstelle nebenan gehört werden.

Doch alles hat ein Ende und so verschwanden die Scherben gegen 23:00 hinter der Bühne. Ein gutes Set, natürlich wollte jeder noch dies oder das Lied hören und man kam auf den Entschluss, wenn die Scherben alleine nur die „Klassiker“ spielen würden, müsste ein Konzert über drei Stunden dauern. Über die Jahre hinweg gab es zahlreiche Scherben Cover-Bands und aus ehemaligen Mitgliedern zusammengesetzte fast Scherben-Bands und Musikkritiker stritten sich darum, welche dem Original am Nächsten käme. Nun ist das Original zurück und trotzdem muss ich sagen, physisch dem Original definitiv am Nächsten, jedoch war musikalisch die Besetzung mit Marius del Mestre näher am Original als diese Besetzung. Trotzdem ein gelungenes Konzert und egal ob sich die Musik immer mehr vom Original entfernt, würde ich jederzeit wieder auf ein Ton, Steine, Scherben Konzert gehen, denn immerhin sind es ja die Scherben!

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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