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Arbeitswelten. Heute bin ich: freiwilliger Helfer

Arbeitswelten. Heute bin ich: freiwilliger Helfer

Was mein Traumjob als Kind war? Ich wollte Modedesignerin werden, mein bester Freund Astronaut oder Rennfahrer. Heute haben wir beide ganz andere Bahnen eingeschlagen. Er hat einen teuren Parkschaden in seinem Auto und alles, was ich mit Nadel und Faden hinkriege, ist, mir in den Finger zu stechen. Aber ich bin neugierig, wie es anderen Menschen in ihren Berufen geht. Also werde ich mich nun jedes Monat auf die Suche nach Frauen und Männern mit Jobs machen, die nicht alltäglich sind.

Die erste Tätigkeit, die ich beleuchte, ist geprägt von der aktuellen politischen Lage: freiwilliger Helfer. Jeden Tag kommen am Westbahnhof tausende Menschen an, die aus ihrer Heimat fliehen mussten. Empfangen werden sie von hilfsbereiten Wienerinnen und Wienern, die versuchen, ihr Leid ein wenig zu lindern. Zwei davon sind die Ordinationsassistentin Anna Schibl und die Schulabsolventin Ella Czurda. Anna verbringt ihre Freizeit in der Spendenannahmestelle der Caritas und Ella sammelt in einer kleinen Kartondose Geldspenden.

Wie seid ihr denn auf die Idee gekommen, hier mitzuhelfen?

Anna: Was mich genau dazu bewogen hat, kann ich eigentlich gar nicht mehr sagen, weil es mich jetzt schon vier Wochen Tag für Tag begleitet. Erst habe ich mich in Traiskirchen engagiert, Sachspenden in meiner Wohnung gesammelt und dann dort verteilt. Durch Zufall habe ich über die Caritas-Facebook-Seite gesehen, dass noch freiwillige Helfer benötigt werden und so bin ich jetzt seit vergangenem Freitag hier.

Ella: Ich habe auch über das Internet eingetragen, wann ich Zeit habe mitzuhelfen. Derzeit habe ich eigentlich nichts zu tun, weil ich mit der Schule fertig bin und habe gesehen, dass total viele Leute Hilfe brauchen. Bevor ich also den ganzen Tag nichts tu‘ oder die ganze Zeit nur Party, hab ich mir gedacht, es ist einfach intelligenter was Sinnvolles zu machen.

Wie nehmen die Menschen am Westbahnhof eure Arbeit auf?

Anna: Die Österreicher reagieren überaus positiv. Mit den Flüchtlingen komme ich eher weniger in Berührung, aber wenn, dann höre ich immer nur „Thank you“ und „I respect you“ und immer ein Lächeln. In der Annahmestelle schenken wir den Kindern Schokolade oder ein Stofftier und die lächeln und umarmen einen.

Ella: Am Bahnhof stößt man ja auf verschiedenste Leute. Da sind ein paar schon sehr „speziell“, aber die Masse reagiert wirklich gut. Vorhin war eine Dame bei mir und hat sich mindestens zehnmal bei mir bedankt für die Hilfe am Wochenende. Dabei war ich ja nichtmal selbst da, am Wochenende.

Hat sich euer normaler Alltag verändert aufgrund der freiwilligen Arbeit?

Ella: Puh, ich kann das noch gar nicht sagen, wie sich mein Alltag verändern wird. Heute ist ja mein erster Tag hier. Aber ich glaube nicht, dass mein Abend heute anders sein wird, als sonst.

Anna: Es funktioniert, normal arbeiten zu gehen. Aber die Gedanken drehen sich eigentlich nur um hier. Heute bin ich von 8 bis 13 Uhr in der Ordination gesessen und die ganze Zeit war ich mim Kopf schon am Bahnhof.

Ihr verdient hier ja nichts und opfert sogar eure Freizeit. Was bringt euch persönlich das Ganze?

Anna: Ich kann ruhig schlafen. Meine Arbeit hier ermöglicht es mir, nach Hause zu kommen, ein besseres Gefühl zu haben und einfach schlafen zu können. Ich kann ja nicht einfach Nichts tun.

Ella:  Ich kann für mich sagen, ich habe etwas Sinnvolles gemacht. Es ist zwar nichts Weltbewegendes – es ist ja eigentlich nur ein kleines Fuzzi-Ding, das man hier macht – aber man hilft zumindest ein bisschen.

Glaubt ihr, dass euch die freiwillige Arbeit verändert?

Ella: Hm, ja, vielleicht schon irgendwie. Aber wie genau, kann ich jetzt noch gar nicht sagen. Was mir auf jeden Fall zunehmend wichtig wird, ist, dass ich einfach bewusster lebe und mich nicht der allgemeinen Konsumgesellschaft hingebe.

Anna: Eigentlich habe ich schon immer ein „Hilfe-Gen“ in mir gehabt. Immer, wenn Hilfe benötigt worden ist, habe ich mich gerne freiwillig angeboten. Somit glaube ich nicht, dass es mich persönlich verändert, weil es für mich selbstverständlich ist.

Bevor ich mich von den beiden Helferinnen verabschiede, verraten sie mir dann noch ihre weiteren Pläne. Anna sagt, dass sie am Westbahnhof mithelfen wird, solange sie benötigt wird. Auch, wenn es noch mehrere Wochen so weitergehen wird, wie sie vermutet. Auch Ella wird in Zukunft weiterhin helfen. Sie wird für vier Monate nach Südostasien gehen und dort freiwillige Hilfe leisten. Am liebsten in einem Kinderheim, sagt sie, aber das sei noch nicht fix. Alles Gute für euch zwei!

All jene, die dem Beispiel von Ella und Anna folgen wollen, können sich über Organisationen wie die Caritas für freiwillige Hilfe einteilen.

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