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Einmal Festival, bitte. Aber mit Nachhaltigkeit.

Einmal Festival, bitte. Aber mit Nachhaltigkeit.

Das erste Mal bin ich vor einigen Jahren am Nova Rock mit der Nachhaltigkeitsidee in Berührung gekommen, als mir gesagt wurde, dass man kühles Bier bekommt, wenn man einen Müllsack mit leeren Dosen zum Stand zurückbringt. Für’s Erste war es mir die Mühe nicht wert und ich verbrachte weiterhin den gewaltig heißen Tag mit noch heißerem Dosenbier im Campingsessel. Die Abneigung zum Wiener Bier ist geblieben, die Idee der Nachhaltigkeit auch. In den letzten Jahren sprießen die Green Events wie Pilze aus dem Boden und man kann sich vor Biozertifizierungen und Nachhaltigkeitsabzeichen kaum mehr retten. Die Realität des Frequency 2012 sah aber noch anders aus, wie David Krutzler im STANDARD dokumentierte:

Traisen-Schmutzig

Die verschmutzte Traisen nach dem Frequency Festival 2012. Wird so etwas bald ein Bild der Vergangenheit? – Bild © David Krutzler – DER STANDARD

Aber was ist jetzt ein Green Event und ist es wirklich möglich, ein riesiges Festival mit 40.000 besoffenen Menschen umweltfreundlich zu veranstalten? Um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen, habe ich mir von der Homepage des Ministeriums für ein lebenswertes Österreich den Leitfaden zur Organisation von nachhaltigen Veranstaltungen geholt und für euch die Fakten zusammengefasst.

Innovation? Yes, we can.

Gleich im Vorwort gibt es eine unglaubliche Nachricht: Österreich hat es einmal geschafft, nicht 50 Jahre hinten zu sein und zum allerersten Mal den Eurovision Song Contest als Green Event veranstaltet. Der ORF erhielt dafür von Andrä Rupprechter den neuerschaffenen Green Events Austria Sonderpreis. Wie hat unser Lieblingsrundfunk das geschafft?

Die Veranstalter setzten umfangreiche Maßnahmen, um potentielle Umweltverschmutzer wie Mobilität, Catering, Technik, Stromversorgung und ähnliches so umweltfreundlich wie möglich zu realisieren. Und das hat wirklich funktioniert: In einer Presseaussendung gab der ORF bekannt, dass 85% der Besucher mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisten, eine neue Technologie zur ausfallsicheren Stromversorgung 440.000 Liter Diesel sparte, der eingesetzte Strom zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien kam und, und, und. Die volle Liste gibts hier. Man kann ja viel kritisieren, aber in diesem Fall muss man ganz klar sagen: Das ist nice, weil eindrucksvoll gezeigt wurde, dass auch ein Großevent klimafreundlich organisiert werden kann.

Natürlich ist es in einer Stadt einfacher, vor allem Dinge wie An- und Abreise ohne Emissionen zu realisieren, dazu musste kein neues U-Bahn-Netz gebaut werden, das war schon vorher da. Aber es wurde intensiv nach umweltfreundlichen Lösungen in allen Bereichen gesucht, diese Props bekommt der ORF.

How to be green

Generell gibt es bei der Veranstaltung eines Green Events sieben wichtige Kategorien, die erfüllt werden müssen und die ihr euch alle im Detail hier ansehen könnt: Mobilität und Klimaschutz, Veranstaltungsort und Unterkünfte, Abfall und Beschaffung, Speisen und Getränke, Energie und Wasser, Soziale Verantwortung, Kommunikation.

Lest man sich den gesamten Folder durch, ist das meiste eine Frage des Hausverstandes. Es sollte inzwischen jedem bewusst sein, dass Mehrwegbecher mehr Sinn machen als Einwegbecher, dass eine Zuganreise besser ist als ein Auto oder eine Gemüsepfanne aus der Region euer Dosengulasch in ökologischer Hinsicht übertrifft. Trotzdem ist es wichtig, dass all diese kleinen Bausteine zur Verfügung gestellt und – noch viel wichtiger – auch genutzt werden. Wenn man 140 Euro für ein Festivalticket bezahlt, dann möchte man zumindest den restlichen Besuch so billig wie möglich gestalten. Man sollte aber als Festivalbesucher auch ein bisschen Verantwortung übernehmen, für das was man tut. Denn wenn du deinen 40 Cent Tetrapakwein in dein 10 Euro Forstinger-Zelt wieder auskotzt und das Zelt dann komplett zerstört am Campingplatz stehen bleibt, weil du nach vier Tagen Festival komplett zerstört die Heimreise antrittst, dann ist das nicht geil für deinen Körper und noch viel ungeiler für die Umwelt.


Wie man sein Leben in ein Green Event umwandeln kann und gleichzeitig die Makemakes im eigenen Wohnzimmer spielen, zeigt ein etwas unbeholfenes Video des Ministeriums für ein lebenswertes Österreich.

Grüne Festivals

Richtig präsent wurde das Thema Green Event in der österreichischen Festivalkultur im Jahr 2012, als das erste Tomorrow Festival im AKW Zwentendorf über die Bühne ging und mit dem Umweltzeichen zertifiziert wurde. Das Prestigeprojekt der Umweltorganisation Global 2000 wollte in den Jahren von 2012 bis 2014 neben einem okayen Line-Up mit Workshops und Side-Events überzeugen und auf ökologische Aspekte hinweisen. Es gab ein Festivalradeln von Wien nach Zwentendorf, Workshops, AKW-Führungen und biologisches Essen um eine nachhaltige Party zu ermöglichen. Leider ist der Veranstalter des Festivals (auch aufgrund fehlender Besucherzahlen) insolvent und so gibt es 2015 kein Festival in Zwentendorf.

Aber dass sich die Big Player im Festivalbusiness ein Beispiel am leider erfolglosen Vorzeigeprojekt nehmen, sieht man an der Präsenz der Umweltfreundlichkeit auf den Websiten: Man findet kaum eine Homepage ohne einen “Green” Banner und Infos – zumindest zur umweltfreundlichen An- und Abreise. Und das ist auch gut so. Es ist inzwischen jedem Veranstalter bewusst, dass es eben nicht scheißegal ist, wie man veranstaltet. Von den kleineren Festivals bis zur “Festivalmafia” wird verstärkt auf Regionalität, umweltfreundliche Mobilität und Mülltrennung gesetzt.

Eine Sache hat mich allerdings bei der Recherche gestört: Auf dem Frequency Festival gibt es einen Green Camper Bereich, einen abgesperrten Bereich am Campingplatz, wo umweltfreundliche Festivalbesucher in Ruhe campen können. Auch wenn die Idee dahinter lobenswert ist, geht die Initiative in genau die falsche Richtung: Alle Camper sollten dazu animiert werden, gemeinsam den dreitägigen Exzess so nachhaltig wie möglich über die Bühne zu bringen und nicht ein eigener Bereich dafür geschaffen werden. Manchmal scheint es mir so, als seien nachhaltig, regional und biologisch zu emotional aufgeladenen Unwörtern verkommen, die mit Hipstertum, Waffenrädern und Hornbrillen assoziiert werden. Und Dinge wie der Green Camper Bereich verstärken diese Assoziationen von der umweltfreundlichen Parallelgesellschaft sogar noch weiter.

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Save the Planet. Auch am Frequency © Anna Obermeier

Man kann zu diesem Text jetzt sagen: Stimmt eh, aber es ist Aufgabe der Veranstalter, das Festivalgelände wieder in den Normalzustand zu bringen. Vielleicht sollte man aber mal daran denken, dass es für die Leute aus St. Pölten auch eher ungeil ist, wenn in der heißesten Zeit des Jahres 40.000 Wahnsinnige den größten Park der Stadt beschmutzen und die Traisen vom Fluss zur Säure mutiert. Natürlich muss niemand das Putzzeug mitbringen und während der Headliner die kaputten Bierdosen aus den Sträuchern ziehen. Aber man muss auch nicht das Arschloch sein, das die Dose überhaupt dort hineinwirft.

Umweltschutz ist ein wichtiges Thema, auch wenn wir uns schon den dritten Tag mit Bier die Zähne putzen und spätestens beim Mittagessen der Rausch vom Vortag wieder aufgewärmt ist. Das heißt nicht, dass Festivals durch Nachhaltigkeit langweiliger werden: Denn je nachhaltiger der Rausch ist, desto mehr gibt man der Umwelt zurück. Das, was vom Bier wieder rauskommt, kann nämlich bestens als Dünger verwendet werden.

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