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Eugene Chadbourne im rhiz: Wer nicht dabei war, der hat’s verpasst!

Eugene Chadbourne im rhiz: Wer nicht dabei war, der hat’s verpasst!

Alle meine Freunde habe ich eingeladen mich ins Wiener rhiz zu begleiten, um eine Legende live zu sehen, aber keinen hat es interessiert. Das spricht jetzt wohl eher gegen meine Freunde, denn der Musiker, von dem ich spreche, heißt Eugene Chadbourne (Homepage)! Der Musikjournalist, Instrumenteerfinder (z. B. der elektrische Rechen: Rechen+Tonabnehmer+Luftballons als Saitendämpfer) und Banjospieler hat mit seinem Drummer Schroeder am Dienstag ein geniales Konzert in dem kleinen Lokal am Gürtel gegeben! Musikalisch lässt sich seine Arbeit am ehesten mit Folk, Blues und Free Jazz beschreiben, allerdings schätze ich ihn besonders für seine Liveimprovisationen und Covers. Greift er zur Gitarre, kommen dabei oft sehr hektische und schrille Soli heraus.

Ein 20-minütiges Beatles Medley hat mich damals auf ihn aufmerksam gemacht – man lacht sich tot:

 

Ich komme um circa 21.00 ins rhiz und der Raum ist leer, nur Chadbourne sitzt mit einem Glas Wein an einem Ecktisch, ich sage kurz

Hallo, ich freu mich schon auf dein Konzert!

, er nickt und wir stoßen an. Zurück an die Bar. Der Konzertbeginn ist für 22.00 angesetzt, und wie sich das für einen „Alten Hund“ gehört, lässt er das Publikum warten. Unter dem Konzerttitel The Songs Of My Youth beginnt er also gegen 23.00 für mich und 20 andere, diesen Stadtbahnbogen zu bespielen. Im mittlerweile zum Nichtraucherraum verkommenen Bühnenbereich teile ich mir zunächst einen Tisch mit einem,komplett in Jeansstoff eingehüllten Typen, trinke Bier und wir rauchen!

Eugene Chadbourne beginnt mit melodischen Banjonummern und ich starre auf Schroeder, der mit Schlagzeugbesen seine Snare streichelt. Der Sound des Drumsets ist einfach improvisiert und gleichzeitig perfekt getimt mit dem 4-Saiter! Beide Musiker haben sichtlich Spaß und geben alles für dieses kleine Publikum – es kommt Wohnzimmerstimmung auf und ich freue mich, dass ich das erleben darf.

Mittlerweile recht besoffen quatsche ich mit meinem „Jeansjackenfreund“, der mir enthusiastisch von seinen vergangenen Chadbourne-Konzerten erzählt. Als ich genug habe von seinen Erzählungen und den Spucketropfen, die er mir dabei ins Gesicht schleudert, und Eugene Chadbourne seine Gitarre für Fortunate Son (Creedence Clearwater Revival) in die Hand nimmt, stehe ich auf, um den Gig anders zu erleben. Vor der Bühne stehend folgen Coversongs wie The Man Comes Around (Johnny Cash) und seine Version von Chuck Berrys Roll Over Beethoven – heißt bei ihm Roll Over Berlusconi.

 

Immer mit einem Grinser auf dem Mund, vielen verzerrten Gitarrenriffs und einem sehr kreativen Schlagzeugspiel rocken die beiden das rhiz, wenn auch nur vor einem kleinen Publikum. Und ich denke mir, es müssen ja nicht immer die Stones sein, die einen umhauen: Schroeders Schlagzeug zerlegt sich langsam – er hat von Besen zu Sticks gewechselt – und Chadbournes Luftballone, mit denen er die Gitarrensaiten heulen lässt, platzen unter seinen verschwitzen Händen. Das ist guter alter Rock’n’Roll – und das ganze ohne Bass.

Nach der Zugabe herrscht kurze Stille, auf die lautes Klatschen folgt und Eugene Chadbourne setzt sich wieder in seine Ecke vor den Tisch, mit seinen CDs und Schallplatten. Ich kaufe mir noch eine Vinyl-LP, die er mir mit seinem Namen und „Wein 2015“ signiert, und gehe heim – toller Abend!

 

Photo: (c) Frank Schindelbeck
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