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Everlast – Ottakringer Brauerei Wien

Everlast – Ottakringer Brauerei Wien

Mit Everlast Konzerten ist es so wie mit Heroin. Man jagt immer dem ersten Schuss hinterher. Und ich bin wahrscheinlich schon mit schlechtem Street Age eingestiegen. Trotzdem hooked seit mehreren Jahren. Denn für ein knapp 90-minütiges Delirium reicht es alle mal.

Everlast (Facebook) aka Whitey Ford aka Erik Schrody kam mit seinem Akustikprogramm in den letzten vier Jahren drei mal nach Wien. 2012 Porgy & Bess, 2013 Wuk und Montag, 2015, in die Ottakringer Brauerei. Tendenz steigend – in Sachen Locationsgröße. Tendenz fallend – in Sachen Herzlichkeit. Doch wen muss man dafür anprangern? Whitey Ford? Die Veranstalter? Oder das fehlende Suchtmittelgesetz auf seine Musik? Vermutlich ist es die eigene Erwartungshaltung, die dem perfekten Konzertabend einen Strich durch die Rechnung macht.

Whitey Ford sings the Blues

Denn Everlast macht eigentlich nichts falsch. Es fehlt nicht an Authentizität. Auch nach 25 Jahren im Musikbusiness könnte Everlast leicht mal mit dem Man At The Liquor Store Beggin‘ For Your Change oder dem Boy At The Corner, Who Never Runs Out Of Dope verwechselt werden. Als Everlast gemeinsam mit Keyboarder Bryan Velasco gegen 21:00 Uhr auf die Bühne kam, wurde diese Authentizität auch vom Publikum honoriert. Mit tosendem Applaus, den schon knapp dreimal der Roadie verbuchen konnte, starteten die Zwei in ein gut sortiertes Set.

 

Ein paar Songs der Life Acoustic LP, des letzten Albums Songs Of The Ungrateful Living und viele Klassiker. Ends, What its like, Stone in my Hand, Black Coffee, Black Jesus, White Trash Beautiful – um nur ein paar der bekanntesten Everlast Hymnen zu erwähnen. Wer ein Problem mit Zeilen wie Praise The Lord oder Beggin‘ For Mercy hat, verläuft sich zwar eh nicht zwingend auf ein Everlast Konzert. Trotzdem sei anzumerken, dass seine Konvertierung zum Islam in Everlasts Shows nie eine Rolle spielt. Nicht einmal One Day At A Time.

Yellow Trash Beautiful

Auch meine Jungfernfahrt in der Konzertlocation Ottakringer Brauerei verläuft eigentlich gut. Die rustikale Halle gibt dem Konzert noch einen Deut mehr Authentizität. Der Gesang war etwas übersteuert – der Sound aber prinzipiell gut. Vielleicht kommt es mit dem Alter, aber wenn auf einer Eintrittskarte „Einlass 18:30“ und „Beginn 20:00“ steht, dann bemüht man sich schon kurz vor 20:00 anwesend zu sein. Gerade in Zeiten, wo Shows oftmals zwischen 22:00-23:00 Uhr enden. Dass man dann noch eine Stunde warten muss, ist zwar ärgerlich, aber es wäre ja nicht so, als säße man nicht an der Quelle des genüsslichen Zeitvertreibs.

Nur mit dem Auto sollte man nicht kommen. Obwohl die gelbe Ottakringer Gerstenbrut aus allen Hähnen läuft, verzichtete die Brauerei darauf, das Null Komma Josef in sein Sortiment aufzunehmen. Dafür gibt es im Dauerlauf ein Promovideo und Buchungsinformationen zu Brauereiführungen. Sie scheuen also keine Mühen, den Besuchern das Verlangen nach einem kühlen Krügerl Ottakringer noch stärker zu machen. Selbst am nächsten Morgen ist man noch gebrandmarkt.

Whitey Ford sings the Blues – but doesn’t talk about it

Musiker sein bedeutet nicht zwingend den verbalen Alleinunterhalter auf der Bühne zu spielen, Witze zu reißen und über sein Leben zu plaudern. Vielleicht war es auch nur die intime Atmosphäre des Porgy & Bess‘ (2012), die Everlast in diese herzliche Redefreudigkeit versetzte. In der Ottakringer Brauerei zeigt er sich jedenfalls sehr ruhig. Keinen Schwenk aus seinem Leben. Kein überhäuftes „I love you Vienna“, was ja nichts Schlechtes ist. Aber auch keine Geschichten von seinen Roads Most Travelled. Die einzigen Wortmeldungen, die hängen geblieben sind waren über seine Sonnenbrille und „Nice Location. Have I been here before? I don’t know“.

 

Dennoch kann man am Konzert nicht viel bekritteln. Auch wenn hier nur gejammert wird. In der Zugabe zeigte Everlast noch seine Wertschätzung für Johnny Cash und spielte die flotte Coverversion von Folsom Prison Blues. Wer extra wegen House Of Pain Klassikern, oder dezidiert Jump Around, gekommen wäre, der kann beruhigt sein. Dieses Konzert musste leider ohne die Hip Hop Hymne auskommen.

Fazit

Everlast kann auch noch nach mehreren Jahrzehnten Leute mit seiner Musik mitreißen. Die Kooperation mit Keyboarder Bryan Velasco hat jedoch zwei Seiten. Einmal passt es zur Musik, einmal nicht. Das Talent und Können von Velasco sollte aber nicht infrage gestellt werden. Das Publikum war auch von seiner Solonummer angetan. Die Shows der vier letzten Jahre mögen vielleicht nicht sehr unterschiedlich gewesen sein, dennoch sind es die kleinen Dinge, die meine persönliche Erwartungshaltung hochschraubten und nun meine Begeisterung einzäunen. Wo wir wieder beim Heroin wären. Der nächste Schuss kommt jedoch bestimmt. Und dann vielleicht sogar mit frischer Nadel.

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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