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Paradiesvögel: Seasick Steve

Paradiesvögel: Seasick Steve

seasicksteveWenn man als Teenager von daheim ausreißt, um die darauf folgenden fünfzig Jahre durch Amerika zu trampen, sich als Wanderarbeiter seine Dose Bohnen mit Brot verdient und heute als erfolgreicher Bluesmusiker endet, dann ist das schon etwas. Lest hier von unserem musikalischen Paradiesvogel des Monats: Seasick Steve.

The hobo way of life

Kurz zu den Anfängen des amerikanischen Überlebenskünstlers: Seasick Steve kommt 1941 in Oakland als Steve World auf die Welt. Sein Vater spielte damals in den verrauchten Bars von Kalifornien Klavier, die Liebe zur Musik kam für Steve allerdings nicht von ihm: Seine Eltern trennten sich, als er selbst vier Jahre alt war. Der neue Stiefvater schlug und misshandelte ihn über Jahre hinweg, bis Steve World im Alter von 14 Jahren beschloss, von Zuhause abzuhauen und als Wanderarbeiter (umgangssprachlich „Hobo“) durch die Staaten zu ziehen. Obwohl er seine Gedanken und Geschichten schon damals in Songs verpackte, diente seine Musik zu diesem Zeitpunkt nur der Aufbesserung des Kleingelds, ein großer Durchbruch blieb aus. Nach und nach zog es den Weltenbummler aber immer wieder in Tonstudios, in denen er als Tontechniker Erfahrungen sammelte und sich in diesem Feld später beruflich niederließ. Sein Auftreten in der musikalischen Welt der ausgehenden 80er Jahre war anfangs noch etwas unscheinbar, allerdings traf er bereits damals einige nicht unbekannte Persönlichkeiten : Eine frühe Single der Indie-Band Modest Mouse wurde 1994 in Seattle von Steve World und dem Label Sub Pop aufgenommen. Einige Jahre zuvor war besagtes Label damit beschäftigt, einer kleinen und unscheinbaren Band namens Nirvana zum Durchbruch zu verhelfen. Die Karrieren beider Bands kann man heute bekanntlich in zahlreichen „Best Of“-Listen diverser Musikmagazine nachlesen…

Dog House Music

Auf Besuch bei einem Freund in Mississippi bekommt Steve schließlich etwas, das ihn vom Tonstudio auf die Bühnen der Welt hieven sollte: Eine alte, rote Gitarre aus Japan mit nur drei Saiten, die Marke ist aufgrund des schlechten Zustands nicht mehr feststellbar. Der desaströse Zustand des Instruments (er selbst meint: „There is nothing right about it“) verhilft allerdings dem Vollblutmusiker, seine Geschichten in Form von treibenden Bluesnummern zu vertonen. So nimmt er 2006 im Alter von über 60 Jahren sein erstes Soloalbum „Dog House Music“ auf. Darin erzählt er von seinem Leben auf der Straße, seinen Erfahrungen in den Gefängnissen von Amerika und von einer Hündin, die ihn über die Jahre hinweg treu begleitet hat. Mit dem Album wird auch der britische Fernsehmoderator Jools Holland auf ihn aufmerksam und lädt ihn noch im selben Jahr in die Sendung Later with Jools Holland ein.

 

In seinem typischen Outfit (Blue Jeans, weißes Shirt und/oder kariertes Holzfällerhemd, verstaubte Kappe, langer Rauschebart und ein schelmisches Grinsen dahinter) präsentiert er dem Sendungsformat folgend drei Songs und die späte Erfolgsgeschichte beginnt. Es folgen insgesamt fünf Alben und weltweite Auftritte auf großen Festivals und mit bekannten Persönlichkeiten, wie etwa Alison Mosshart, John Paul Jones und Jack White.

„Who says you need to buy a guitar?“

Sein vereinfachter Musikstil und seine jugendliche Lebenslust sind wahrscheinlich am besten bei seinem Auftritt am Pinkpop Festival 2012 zu beobachten. Hier kommt neben der dreisaitigen Gitarre auch der/die/das Diddley Bow zum Einsatz. Was Jack White in der Musikdokumentation It might get loud demonstriert, hat Seasick Steve in sein Bühnenprogramm integriert: Auf einem Stück Holz wird eine einzige Gitarrenseite fixiert, das ganze wird ordentlich verkabelt und liebevoll mit einem Griff eines 75er Chevrolet Vans und einer Blechdose „verziert“. „It sounds like shit“ meint Steve noch bei seinem Auftritt, bevor er das Signal durch die Musikboxen schickt und dem Pinkpopperschen Publikum vor die Füße klatscht:

 

Aber auch für einen ewig jung gebliebenen bleibt die Zeit nicht stehen und so hat sich Steve an die moderne Welt angepasst: Mittlerweile beläuft sich die Zahl seiner Facebook-Fans auf über 340 000. Er selbst postet dort (zugegebenermaßen relativ unregelmäßig) Traktor-Selfies oder Fotos, auf denen er seinen heißgeliebten Tennessee Apfelkuchen isst. Auf einer seiner Touren gab der sympathische Blues-Opa unlängst einen pointierten Ratschlag für junge Leute: „Stay young“. Offenbar hat er sich von dieser Weisheit eine dicke Scheibe für sich selbst abgeschnitten.

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