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Sabaton im Interview

Sabaton im Interview

Seit mehr als 15 Jahren singen Sabaton (Facebook) über Krieg und Heldentum. Für die Show am Rock in Vienna haben sich die Power-Metaler etwas ganz besonderes überlegt. Im Rahmen des Festivals haben wir Bassisten Pär Sundström auf der Donauinsel getroffen und mit ihm über die Band und die Geschichten die sie erzählen geplaudert.

Heute ist ein sehr spezieller Tag, es ist der 6. Juni – der 71. Jahrestag der Landung der Alliierten Truppen in der Normandie. Was bedeutet dieser Tag für eine historische Band wie Sabaton?
Pär:
Selbstverständlich ist heute ein wichtiger Tag für uns alle, wir denken viel darüber nach, dass unsere Musik die Leute ein bisschen zum Nachdenken bringt. Obwohl es in vielen Ländern Veteranen gibt und auf verschiedene Art gefeiert wird, ist der D-Day ist vor allem in Europa und Amerika ein Datum, das die Leute besonders wahrnehmen. Die meisten kennen ihn nur aus Filmen, für die älteren Leute hat er noch eine ganz andere Bedeutung. Die junge Generation hat meistens nur Bezug durch Games wie Call of Duty. Es ist eine Ehre für Sabaton, heute zu spielen. Außerdem ist heute der schwedische Nationalfeiertag. (lacht)

Eure Show am Rock in Vienna wurde groß angekündigt. Was habt ihr mitgebracht?
Pär:
Wir haben ein 57-köpfiges Orchester dabei, das Bohemian Symphony Orchestra Prague. Also mit Band stehen über 60 Leute auf der Bühne – und ein Panzer. Es ist kein echter Panzer, aber er kann schießen! Wir haben ihn Audie getauft, nach dem Weltkriegsveteranen Audie Murphy der uns dazu inspiriert hat To Hell And Back zu schreiben. Und wir haben eine Feuershow.

Ihr habt eine unglaubliche Live-Energie, obwohl ihr über teils schreckliche Dinge singt…
Pär:
Wir spielen von Grund auf Musik, weil es uns Spaß macht, das ist das Wichtigste für uns. Sicherlich braucht man eine gute Chemie in der Band – wenn man sich nicht ausstehen kann, kann man nicht gemeinsam musizieren. Wir stehen lächelnd auf der Bühne und haben Freude daran, weil wir unsere Musik lieben, obwohl wir fürchterliche Themen besingen. Aber das ist der natürliche Zugang, Musik zu spielen. Manche Leute beschweren sich: „Wenn ihr über so etwas singt, dann müsst ihr die Soldaten, die Opfer ehren, ihr müsst ernst dabei sein.“ Wir zollen unsere Anerkennung auf einem Weg, auf dem wir uns auch gut fühlen. Wir denken, dass das der beste Zugang ist: gleichzeitig zu unterhalten.

Interview mit Sabaton beim ersten Rock in Vienna, 06.06.2015

© Aylin Izci

Wie reagieren denn die direkt Betroffenen auf eure Musik?
Pär: Wir treffen immer wieder Persönlichkeiten, über die wir Texte geschrieben haben. Die sehen das alle auch so, dass wir ihre Geschichten mit einem Lächeln erzählen. Dass ihre Namen in Erinnerung bleiben, dass die junge Generation ein Verständnis für dieses Geschehen bekommt – mit einer Sprache, die sie versteht, mit Musik, die sie kennt und liebt. Alle Veteranen haben sich bisher sehr geehrt gefühlt, obwohl die meisten natürlich 90 oder älter sind und keine Ahnung von Metal haben.

Gab es emotionale, berührende Momente, als ihr Menschen aus euren Liedern treffen durftet?
Pär:
Wir haben ein Lied über brasilianische Soldaten, Smoking Snakes. Als wir in Brasilien spielten, war ein Veteran vor Ort. Er war 93 und wollte uns treffen. Wir hatten keine Ahnung, was auf uns zukommt! Er kam herein und meinte schelmisch „Wow, ich dachte ihr seid härtere Typen. Ihr würdet keine Minute überleben, dort wo ich war.“ Dann zeigte er auf unseren Drummer und meinte: „Du bist so groß und kannst nicht in Deckung gehen, und ich bin sehr treffsicher mit meinem Gewehr. Also wenn du schlecht spielst, nimm dich in Acht.“ Er war sehr lustig, und als wir uns verabschiedeten, meinte er: „Ihr denkt ich geh nach Hause? Ich bleibe hier und schau mir eure Show an! Ich habe einen Weltkrieg überlebt, also werde ich auch ein Metalkonzert überleben.“ Wir haben erwartet, dass es sehr formell und ernst sein würde, aber er war total cool, hat mit uns Bier getrunken.

Es war doch aber sicher nicht immer so lustig, oder?
Pär: Wir hatten natürlich auch total emotionale Momente, zum Beispiel mit Veteranen aus dem Zweiten Weltkrieg in Polen. Joakim und ich sprachen mit ihnen mittels Dolmetscher. Wir haben alle nur noch geheult. Danach gingen wir auf unser Zimmer und gleich ins Bett, komplett fertig. Darauf waren wir nicht vorbereitet…

Interview mit Sabaton beim ersten Rock in Vienna, 06.06.2015

© Aylin Izci

Auf eurem letzten Album habt ihr das erste Lied über Frauen geschrieben, nicht als Teil einer Bewegung oder als Opfer, sondern als Heldinnen (Night Witches). War das eine bewusste Entscheidung?
Pär:
Die Geschichte war so stark, da dachten wir nicht lange nach! Wenn das in Schweden wäre, wäre es nicht so herausragend. Aber das war in Russland, wo es eigentlich unmöglich für Frauen war, in den Krieg zu ziehen! Sie haben heruntergekommene Flugzeuge bekommen und trotzdem das Beste herausgeholt. Wir haben viele Deutsche getroffen, die uns erzählt haben, wie furchteinflößend die nächtlichen Fliegerangriffe waren, weil man nicht gegen „normale“ Feinde kämpfte, sondern gegen Frauen. Jeder dachte, dass Frauen unfähig waren, zu kämpfen. In den 30er und 40er Jahren waren die Frauenrechte weit entfernt von den heutigen, die Gesellschaft blickte auf Frauen herab. Als sie dann im Krieg gegen Frauen kämpfen mussten, waren sie gelähmt vor Angst, wussten nicht, was sie tun sollten. Jede Nacht dieser Horror, dadurch bekamen sie diesen coolen Namen – Night Witches. Der Name alleine war stark genug, dass wir ein Lied darüber schreiben mussten.

Wird es mehr solche Lieder wie Night Witches geben?
Pär:
Wir wollten auch ein Lied über Nance Wake schreiben, die im Zweiten Weltkrieg die meist gesuchte Frau der Welt war – das meiste Kopfgeld war auf sie ausgesetzt. Aber das Thema passte nicht zur Musik, die wir schon hatten. Auch beim Titel haben wir uns schwer getan: „The most expensive Women on Earth“, das klang sehr falsch! (lacht) Also haben wir ihre Geschichte für ein späteres Album aufgehoben und stattdessen ist daraus No Bullets Fly geworden.

Euer neuestes Album Heroes behandelt viele Heldengeschichten. Gelten für euch auch Whistleblower wie Chelsea Manning oder Edward Snowden als Helden? Würdet ihr Lieder über sie schreiben?
Pär:
Wir haben schon oft überlegt, über Whistleblower zu schreiben, da gibt es sicher genug Material! Sie werden meistens als Verräter diffamiert und später sieht die Allgemeinheit sie dann als Helden. Vielleicht schreiben wir mal in Zukunft darüber, aber derzeit ist es zu aktuell und politisch geladen. Wir singen über Historisches, wir wollen uns nicht anmaßen, zu urteilen. Wir können nicht sagen, was richtig oder falsch ist. Wir werden oft gefragt, warum wir nichts über den Ukraine-Konflikt schreiben, oder über den Nahen Osten. Aber das wollen wir nicht, nur eine Seite der Geschichte schreiben. Wir machen Metal und keine Politik.

Normalerweise sind eure Lieder sehr cool und episch. Manchmal schreibt ihr aber traurige, furchtbare Songs wie Final Solution über den Holocaust. Nach dem ersten Mal Hören fühlt man sich richtig ekelhaft. Wie kam dieser Track zustande?
Pär:
Als Joakim mir die Melodie vorspielte, war ich so berührt von der Musik. Wir wussten nicht, was wir damit machen sollten, worüber sollten wir singen? Uns wurde klar, dass das ein trauriges Lied wird und wir suchten nach dem Furchtbarsten, über das wir singen können. Und das haben wir gefunden. Wir besuchen viele historische Orte, über die wir singen. Und wir waren natürlich auch in Auschwitz. Dort will ich nie wieder zurück! Du gehst dort hin, hast darüber gelesen, darüber geschrieben, die Bilder gesehen, aber sobald du dort warst, ist das alles egal. Es bleibt dieses schreckliche Gefühl.

Interview mit Sabaton beim ersten Rock in Vienna, 06.06.2015

Enemy-Redakteur Orlando Süss mit Pär Sundström
© Aylin Izci

Manchmal schreiben User unter eben solche Lieder auf Youtube antisemitische oder verhetzende Kommentare. Wie geht ihr mit „Fans“ um, die sich nicht eingehend mit euren Texten und eurer Einstellung beschäftigen?
Pär: Sabaton
wird oft missverstanden. Wenn man nur einzelne Lieder oder Textstellen hört, weiß man nicht, was man davon halten soll. Wenn du nichts über Sabaton weißt und dann hörst du den Refrain von Rise Of Evil: „The Reich will Rise!“ – das würde jeder missverstehen. Aber sobald man sich mit unserem gesamten Konzept auseinandergesetzt hat, gibt es keine Zweifel mehr. Früher hatten wir wirklich Probleme damit, als wir Attero Dominatus und Primo Victoria herausbrachten. Wir wurden immer ins rechte Eck gestellt, von Journalisten, Labels, Booking Agents…

Was habt ihr dagegen unternommen?
Pär: In Deutschland konnten wir unser Album anfangs nicht veröffentlichen, weil sie dachten, wir verherrlichen Nazis – obwohl wir in Liedern wie Primo Victoria über den ersten Sieg über die Nazis singen. Wir mussten den Behörden also unsere Songtexte schicken und uns rechtfertigen. Heute ist es viel einfacher, weil wir so eine starke Fanbase haben. Die vertritt uns im Internet und verteidigt uns, wenn uns jemand missversteht. Wir haben auch die Seite sabatonhistorychannel.com eingerichtet, wo es zu jedem Lied den Songtext und historische Fakten gibt. Sozusagen ein kleines Wikipedia, da helfen uns auch viele Fans. Wir sind dafür sehr dankbar.

Willst du etwas über das nächste Album verraten?
Pär:
Es wird sicher wieder ein Konzeptalbum werden, wir haben schon Pläne für die nächsten drei Alben. Stilistisch soll sich nicht viel ändern. Es wird ein klassisches Sabaton-Thema bekommen. Aber jetzt kann ich noch nichts Genaueres sagen. Anfang nächstes Jahr werden wir dann das Geheimnis lüften.

Vielen Dank, dass du dir Zeit für uns genommen hast!

Sabaton haben für Februar 2016 übrigens eine kleine Österreich Tour angekündigt. Das solltet ihr euch nicht entgehen lassen!

12.02.2016 – Dornbirn, Conrad Sohm
13.02.2016 – Linz, Posthof
14.02.2016 – Graz, Orpheum
15.02.2016 – Innsbruck, Music Hall

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