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Schubladendenker: Gabba

Schubladendenker: Gabba

Adele mag ich nicht. Ist mir zu Mainstream. Vom ganzen Nintendocore wird mir auch schon übel. Und alles, was auf FM4 (Homepage) läuft, versteh ich einfach nicht. Schon blöd – will ich doch eigentlich ein geiler trimedialer Musikjournalist werden, wenn ich groß bin. Oder sagen wir: älter.

Um seinen eigenen musikalischen Horizont zu erweitern, muss man sich auch mal ganz weit aus der eigenen Comfort Zone lehnen und in der Vergangenheit kramen. Denn eigentlich bin ich ja in einer Zeit groß (oder älter) geworden, in der die Musikrichtung Gabba in Wien großen Anklang fand. Und damit verbunden: Viele Kahlköpfe mit Nike Airmax und Hochstandkapperl (die Nike-Kappe hinten eingeklappt und den Kappenschirm im 45 Grad Winkel nach oben schauen lassen. Hardcore Gabbas sogar manchmal mit 60 Grad). Es war eine schöne Zeit. Als 14-jähriger Junge mit No Nazis-Badge am Rücken, jeden Tag durch Kagran, mit der Hoffnung keine angeschoben zu bekommen. Vielleicht ist auch das der Grund, warum ich der Musikrichtung nie eine Chance gab, sondern immer ein fast schon hochnäsiges

Das ist keine Musik – das ist Krach

von mir gab. Welch Ironie – bin ich ja eigentlich selbst mit Schleim-Keim, Knochenfabrik und anderen schwer verdaulichen Musikprodukten aufgewachsen. Deshalb gönne ich meiner musikalischen Ignoranz jetzt eine Auszeit. Auch der niederländische Migrant – Gabba (in internen Kreisen auch Van Gabba) soll eine erste Chance bekommen. Denn schon früher haben sie mir gesagt, dass Gabba nicht böse ist. Eigentlich bedeutet es übersetzt ja Freund. Eins kann ich bereits jetzt verraten – per Du sind wir zwei noch lange nicht.

Woher kommt Gabba und wieso hab ich Kopfweh?

Eine dieser Fragen ist leicht beantwortet. Ich höre nun seit Stunden Gabba. Ich bin aufgeregt. Direkt nervös. Meine Herzschlagrate liegt nicht mehr bei 60-100 Beats Per Minute, sie passt sich mittlerweile der Musik an. Deshalb bin ich jetzt auch wieder auf Gabber umgestiegen. Gabber und Gabba ist nämlich nicht dasselbe. Für manche Menschen zumindest. Wohingegen Gabber mit einer durchschnittlichen Rate von 150-190 Beats Per Minute in meine grauen Gehirnzellen eindröhnt, führt einen Gabba zur Ekstase mit 190-270 Beats Per Minute. Für einen besseren Lesefluss werde ich aber nicht gendern.

Egal ob Gabber oder Gabba – sie coexistieren beide als Subgenres des Hardcore Technos und hätten (ein taktisch klug gewählter Konjunktiv) ihren Ursprung in den Niederlanden. Nämlich bei Paul Elstak (Homepage) und seinem Baby Rotterdam Records. Diese Geschichte erzählt man sich zumindest auf Rotterdams Straßen. Wirklich bewiesen, Bass auf Snare, ist es zumal aber nicht.

Auch im Gabba-Universum gibt es verschiedenste Ausprägungen in den Produktionen. Eines haben sie aber alle gleich. Sie sind schnell. Sie sind hart. Die Bässe sind verzerrt. Ob jetzt Gesang dabei ist oder nicht, spielt eigentlich keine Rolle. Unter den Releases finden sich viele Coverversionen von Popsongs wieder. In schnellerer und härterer Form. Paul Elstak selbst hat sogar ein Cover von Bro Hymn, einem Lied der amerikanischen Punkband Pennywise in die Welt geschickt. Die Grenze zwischen normalem Hardcore Techno (in dem Fall also Normcore?) und Gabba sind für Laien undurchsichtig. Ich habe danach gesucht, aber irgendwie hört sich doch alles gleich an. Wobei…

Und dann kam der Terror

In Verbindung mit Gabba stößt man auch immer auf Speedcore, Terrorcore und Splittercore. Diese Subgenres grenzen sich tendenziell durch die Geschwindigkeit voneinander ab. Splittercore ist dabei die Schnellste. Es ist aber oft so, dass die Lieder auf Schallplatten mit 33 RPM (Umdrehungen pro Minute) gepresst werden und die Schallplatte dann einfach schneller abgespielt wird. Fakt ist, zumindest für mich, dass Splittercore definitiv auch die verstörendste Art des Hardcore Technos ist, auf die ich bis jetzt gestoßen bin.

Generell sind Keywords wie Terror, Chaos oder Death im Gabba weit verbreitet. Anspieltipps wären zum Beispiel die Rotterdam Terror Corps, Neophyte oder Dr. Mindfuck. Aber es muss nicht immer alles düster sein. Gabba bediente sich im Laufe der Zeit auch an Dance oder Happy Hardcore Elementen. Wie zum Beispiel bei dieser Nummer von Technohead, die sicherlich vielen schon einmal im Leben unter die Lauscher gekommen ist.

Unpolitical Army of Hardcore

Gabba ist eigentlich eine unpolitische Musikrichtung. Es fanden sich keine politischen Texte in den Liedern wieder und inwiefern ein schnelles Klopfen politisch sein kann, sollte sowieso infrage gestellt werden. Rechte Randgruppen entstehen jedoch in vielen Szenen. Auch in Wien ist man auf verschiedenste Gabba gestoßen, wobei oft der Satz „Ich bin unpolitisch, aber…“ gefallen ist. Und dieses „Aber“ kennen wir ja mittlerweile. Oft wurde auch gleich gar nicht geredet. Zumindest nicht verbal. Aber wir wollen ja in Zukunft weltoffener sein und niemanden stereotypisieren. Immerhin geht es bei Jugendbewegungen, wie auch bei Gabba, um ein und dasselbe: Aufsehen erregen! Mit Symbolen spielen! Anders sein!

Infolge der Unterstellung, dass Gabba rechte Musik wäre, sind viele Songs wie Die Nazi Scum oder aber Logos wie United Gabbers against Racism and Fascism entstanden. Doch viel skurriler: Abgesehen vom Publikum, mischten sich auch immer mehr Speed- oder Splittercore Künstler in die Line-ups gängiger Gabbaparties. Das wurde teilweise nicht gern gesehen. Zur weiteren Prävention wurde auf diversen Parties ein Geschwindigkeitslimit (BPM-Limit) eingeführt. Also quasi wie ein 200 km/h Limit auf der deutschen Autobahn.

Ist das jetzt Krach oder nicht?

Nach einem Tag Gabba, Terrorcore und Hardcore Techno kann ich Folgendes zusammenfassen: Gabba mag vielleicht nicht meine Musik sein, es gibt aber bei Weitem Schlimmeres – wie zum Beispiel Splittercore. Der Grund, wieso sich wenige Anspieltipps in diesem Artikel finden, ist nicht der Schutz unserer Nachfolgegenerationen. Beim stundenlangen Gabba-Mix hören verliert man einfach die Übersicht. Und diese Aha-Momente à la „Das gefällt mir“ sind leider ausgeblieben. Dafür gab es einige „Kenn ich“-Aha-Momente. Woher auch immer.

Ob Gabba nun Krach ist oder nicht, hab ich mit meinem Gewissen noch nicht vereinbaren können. Ich bin jedoch auf einen Youtube-Kommentar gestoßen, der mir eine andere Frage beantwortet hat. An alle Schubladendenker da draußen, die sagen, Gabba wäre keine Musik – denen muss ich Recht geben. Denn:

Gabba ist keine Musik. Gabba ist eine Lebenseinstellung!

Viel von dieser Lebenseinstellung ist aber nicht übergeblieben. Zumindest nicht in Wien.

Mehr Senf vom Schubladendenker:
– Was zum Bowser ist Nintendocore?

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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