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Schubladendenker: Nintendocore

Schubladendenker: Nintendocore

Pop mag ich nicht. Ist mir zu Mainstream. Der Punk ist auch nicht mehr das, was er mal war. Hip-Hop ist schon cool, aber nur die Old Skool Sachen. Und Reggae ist ja eigentlich nur Bob Marley, sowie Grunge nur Nirvana ist. Wir alle kennen das. In der großen Vielfalt, die unser musikalisches Universum bietet, weiß man ja gar nicht mehr, wo man rechts ranfahren soll. Deshalb bleiben wir lieber auf der Überholspur und hören den Inhalt unseres 8 GB iPods rauf und runter. Denn Lieder, bei denen man mitsingen kann, sind ja sowieso die Besten.

Die musikalische Betriebsblindheit. Wir sind doch alle selbst ernannte Musikspezialisten. Ich definitiv auch. Ein hiesiger Popschreiber, der meistens nur die Musik angreift, die er eh schon mag. Nur zu oft habe ich mich dabei ertappt, wie ich mit dem Satz

Das kenne ich nicht, aber ich weiß jetzt schon, dass mir das nicht gefallen wird

mein Desinteresse kundgegeben habe. Das soll nun ein Ende haben. So klicke ich mich die nächsten Wochen, Monate durch unser Musikuniversum, öffne Schubladen, befülle sie und schließe sie wieder. Vielleicht kann man ja noch was lernen.

Was zum Bowser ist Nintendocore?

Nintendocore ist mir eigentlich schon länger ein Begriff. Seit Jahren verpasse ich kein Les Trucs (Facebook) Konzert in Wien und Umgebung. Doch eigentlich dachte ich, dass sie ihre Musik lustigerweise einfach Nintendocore nannten. Falsch gedacht. Schnell kommt man drauf, dass es da eigentlich mehr gibt. Und es bei Weitem härter zu geht, als auf einer Les Trucs Schallplatte. Dürfte anscheinend aber auch der Ursprung dieses Genres sein. Fragen wir doch einfach das Internet.

Anfang der Neunziger haben die ersten Bands begonnen, Videospielmusik in ihr Live-Set aufzunehmen. So wie diese Super Mario Bros Version von Mr Bungle. Doch schon davor gab es Künstler, die sich der Videospielmusik widmen. In den Genres Bitpop oder Chiptune wurden mittels Soundchips von Spielkonsolen Musik gemacht. Aber wir widmen uns heut dem „modernen“ Nintendocore, welchen die Band Horse The Band (Facebook) initiierte. Siehe da, der Ursprung von Nintendocore liegt im Metal, Hardcore und Punk Bereich.

In Nintendocore spielen Synthesizer, aus Videochips produzierte Sounds und Samples einen wichtigen Part. Verzerrte Gitarren, Bass und Geschrei sind trotzdem keine Seltenheit. Eine wohl der bekanntesten Bands, die man in die Nintendocore Schublade stecken könnte, wären wohl Enter Shikari (Facebook). Oder We Butter The Bread With Butter (Facebook). Doch nicht alle Nintendocore Bands sind im Metalcore oder Hardcorepunk angesiedelt. Das Genre ist weitreichend.

Das Leben in 8Bit – Von Dance bis Metalcore

Nintendocore ist aber nicht gleich Nintendocore. Da reicht eine Schublade gar nicht aus. So wie in jedem Genre eben. Es gibt ja auch nicht nur Rock, sondern Post-, Punk-, Hard-, Noise- und Whatnotrock. Bands wie beispielsweise Math The Band (Homepage) gehen an die ganze Sache mit mehr Liebe zur Elektronik und zum Pop ran.

Auch wenn der Ursprung des Ganzen aus harten, gitarrengetriebenen Musikrichtungen kommt, driftet das Ganze auch in die Elektro oder Dance Schiene ab. Dungeon Elite, Crystal Castles oder Binärpilot, um nur ein paar Namen zu nennen. Der Künstler Blood On The Dancefloor driftet hingegen wieder in eine Hip-Hop artige Gegend ab. Bei manchen Artists klingt es aber wirklich so, wie wenn man seine alte Nes-Konsole auspackt und Zelda aufdrehen würde. Unicorn Kid, Ozzed oder auch beim Österreicher Herbert Weixelbaum (Homepage).

Zwischen Midipunk und Elektronoise

Nintendocore ist also so vielfältig wie die indische Küche. Doch auch artverwandte Genres wie Midipunk oder Elektropunk tauchen schnell mal auf, wenn man nach Nintendocore sucht. Atom And His Package (Homepage) hat zum Beispiel etliche Alben auf den Markt gebracht, die sich alle irgendwo zwischen Elektropunk und Nintendocore bewegen.

Nicht unerwähnt sollte das mittlerweile tote Midipunk Projekt Redhead Army (Taking Over The Planet Just For The Sake Of It) bleiben. Der gebürtige Retzer sorgt sowohl auf seinen Tapes als auch Live auf der Bühne für jede Menge Power, Kopfweh und für das Gefühl, dass man irgendetwas zerschlagen möchte. Zu guter Letzt gäbe es da noch Gtuk (Facebook). Ein Deutscher, der seine Musik am Computer macht, sie über einen Laptop abspielt und durch ein MyFirstSony Mikrophon grölt. Manch einer verlässt dabei gleich mal den Raum, aber am Besten bleibt man und schaut sich das Spektakel an. Sieht man auch nicht alle Tage.

Fazit

Nintendocore ist dann doch etwas vielfältiger und weitläufiger als ich gedacht habe. Man kann das Ganze wieder nicht in eine von diesen tollen Schubladen stecken. Da bewegt sich viel zu viel zwischen Metalcore, Punk und Noise. Jedes Projekt ist irgendwie einzigartig. Viel Krach ist schon auch dabei. Wenn man sich ein wenig durchklickt, findet man aber bestimmt etwas, was einem gefällt. In diesem Sinne: Game over.

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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