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Schweigeminute und Selbstmordtherapie – Impericon Never Say Die! Tour 2015 in der Arena

Schweigeminute und Selbstmordtherapie – Impericon Never Say Die! Tour 2015 in der Arena

Wenn sich sechs Szenegrößen aller möglichen Core-Subgenres auf einer Bühne zusammenfinden, kann nur ein bestimmtes Event anstehen: Die Never Say Die! Tour. Impericon lud dazu in die Arena ein und wartete auch dieses Jahr wieder mit einem teils grandiosen Line-up auf. Sehen wir uns die Performances der einzelnen Bands etwas genauer an.

Die Probleme eines Festivals

Die deutschen Newcomer Burning Down Alaska wurden leider mit einem furchtbaren Slot bestraft. Schon um 18 Uhr ging es für den Opening Act los, obwohl im Nachhinein betrachtet noch deutlich Platz nach oben gewesen wäre. Ich selbst habe mit Müh‘ und Not noch die letzten paar Klänge der Recklinghausener zu hören bekommen.

Trotz der Einbußen im Timetable ging es den Jungs auf der großen Stage recht gut. Der Gastauftritt von Being As An Oceans Sänger und Gitarristen Micheal im Song Phantoms hat einige Fans schon früh in die Arena gelockt und zum Mitsingen angespornt. Obwohl die gemeinsame Tour durch diese Zusammenarbeit viel Sinn macht, würde ich mir wünschen, Burning Down Alaska mal in einem kleineren Venue begrüßen zu dürfen. Wer auf New Wave Hardcore steht, sollte jedenfalls mal in die Debüt-EP der deutschen Kollegen reinschnuppern.

 

Fit For A King fuhren im Vergleich dazu etwas härtere Geschütze auf. Die amerikanische Metalcore-Band feierte ihren ersten Auftritt hierzulande und drehte mit düsteren Breakdowns dementsprechend auf. Als ich sie mit ihrem Musikvideo zu Ancient Waters vor Jahren auf YouTube entdeckte, überzeugten mich die damaligen Szenenneulinge durch ihre gelungenen Synthesizer-Parts in einem schön nuancierten Metalcore-Mantel. Auch die catchy Clean-Vocals beeindruckten mich dazumal, da sie das ohnehin diverse Gesamtbild der Gruppe noch weiter abrundeten.

Die trägen Breakdowns blieben ihnen über die Jahre erhalten, aber Melodie und gelungene Clean-Vocals sucht man in den neuen Songs vergebens. Wenigstens konnte man sich über die schön langsamen und harten Breaks freuen, welchen Euphorie jedoch von der enttäuschenden Gesangsleistung und einer sich immer weiter aufbauenden Generik erfolgreich zerstört wurde.

Als wohl unpassendste Band des Abends folgte Cruel Hand, welche mit – im wahrsten Sinne des Wortes – straighten und klassischen Hardcore nicht viel Anklang beim Publikum fand. Die US-Amerikaner schienen das zu bemerken und gaben trotzdem nicht auf, die Crowd zum Mitmachen zu bewegen.

You don’t have to be a rocket scientist to scream into a microphone, so come up and do it!

…entspricht zwar exakt der Hardcore-Mentalität, doch die Besucher waren einfach nicht vertraut mit den Songs und freuten sich schon still und leise auf Being As an Ocean.

Gruppentherapie statt Circle Pit

Statt der erwartenden Band kam dann ein gewisser Jonny auf die Bühne, um eine Rede zu halten. Er ist Leiter der Hilfsorganisation Hope For The Day, welche sich für selbstmordgefährdete Jugendliche einsetzt. Nach einer längeren sentimentalen Ansprache fiel er dem Schmusebär Joel von Being As An Ocean in die Arme, der die Show mit der neuen Single Littlie Richie eröffnete. Wer die Kalifornier schon mal live erlebt hat, wird wissen, dass sie nicht viel von Publikumstrennung halten. Die Schwelle zwischen Bühne und großer Halle konnte Joel nicht davon abhalten, sich hauptsächlich in der Menge zu bewegen, und gemeinsam mit Fans zu Klassikern wie The Hardest Part… zu schreien. Solch ein Level an Interaktion ist jeder Band hoch anzurechnen, vor allem wenn man ihren kürzlichen Bekanntheitsaufschwung berücksichtigt.

Bevor sie mit This Loneliness… ihr Set schlossen, rief Joel dazu auf, die Lichter in der Arena abzuschalten. Diese Art Schweigeminute wurde zugunsten der Selbstmordproblematik und zugleich der Anschlagsopfer in Paris abgehalten und ging fließend in die gänsehauterregenden ersten Takte vom letzten Song über. Leider blieb Being As An Ocean keine Zeit zum üblichen Gruppenkuscheln mit den Fans, da sie durch ihren Timeslot und die Ansprache von Jonny sehr eingeschränkt waren. Ich glaube, mehr Gefühle hätte der Auftritt nach dem Lichtmeer der Feuerzeuge und Smartphones ohnehin nicht vertragen.

In Erwartung auf Defeater betrat Jonny erneut die Stage um den zweiten Part seiner Ansprache vorzutragen. „Okay, mittlerweile hab‘ ich’s verstanden, danke“, dachte ich mir nur…

Impericon Never Say Die! Tour 2015

Impericon Never Say Die! Tour 2015


 
Defeater gingen nicht allzu viel auf Charity ein und lieferten einen gelungenen Mix aus all ihren erschienenen Platten. Wer jedoch die Band in ihrer Blütezeit erlebt hat, wird sofort wissen, was mich an ihrem Auftritt gestört hat. Als sie zu Zeiten von Empty Days & Sleepless Nights im Aera und im Viper Room spielten, ging es bei den Shows noch um einiges interaktiver und wilder zu. Seit seiner Operation hat Sänger Derek einfach keinen Bock mehr auf Publikumsnähe, was mit der Hardcorementalität nur schlecht zu vereinbaren ist. Auch seine stimmliche Leistung weicht etwas von dem Stil ab, der auf den Alben präsentiert wird. Live schreit Derek schon fast melodisch in einem deutlich tieferen Tune, ganz anders, als man es von seinen rauen Vocals auf der Platte kennt.

Alleine der Moment, in dem Derek den Text zu Empty Glass ohne Mikrofon ins Publikum schrie, ließ Gänsehaut bei mir aufkommen. Zum Glück lenkte die sonst grandiose Performance von der fehlenden Interaktion ab. Kaum ein anderer Schlagzeuger in dem Genre zieht so viel Aufmerksamkeit durch perfektes Timing auf sich wie Joe Longobardi. Dennoch steht fest: Defeater wie es einmal war, gibt es nicht mehr.

The Amity Affliction hatte die Aufgabe den Abend zu schließen und füllte als einzige Band die große Halle der Arena komplett. Man merkte sofort, dass es viel lauter und pompöser zuging, sowohl im Publikum, als auch auf der Bühne. Trotz der Tatsache, dass ich seit über zehn Jahren aufmerksam nach neuen Perlen in der Metalcore und Post-Hardcore-Szene grabe, ist mir The Amity Affliction noch nie wirklich aufgefallen. Klar, sie erfüllen die Formel zu hundert Prozent, allerdings bin ich nie länger als zwanzig Sekunden an einem Youtube-Video hängen geblieben. Dieser Eindruck hat sich letztendlich auch live bestätigt – gute Performance, aber generisch bis zum Umfallen. Zumindest fanden die restlichen Besucher großen Gefallen an der Band, was die eher trübe und spärliche Stimmung bei den anderen Acts erklärt. Dass dem Affen, dem die Plugs beim Moshen aus den Ohren fallen, akzentuiertere und dynamischere Musik missfällt, wundert mich nicht.

Band + Band = Profit?

Es ist schön und gut, wenn man Touren veranstaltet, welche vielen interessanten Bands ermöglichen sich eine Bühne zu teilen, um die Fans der anderen für sich zu gewinnen. Allerdings kann man nicht erwarten, lieblos x-beliebige Gruppen in einen Topf zu werfen und damit alle Besucher und Performer zufriedenzustellen. Core ist nicht gleich Core und manche Subgenres vertragen sich einfach nicht, mögen sie sich auch in vielen Aspekten noch so sehr überschneiden. Viel passender hätte ich zwei getrennte Konzerte aller Hardcore- und Metalcore-Acts gefunden, was viel mehr Sinn ergibt, als die Bands nach Beliebtheit durchzumischen und am Timetable zu verteilen. Trotz vereinzelter Magic Moments hoffe ich, dass Impericon in Zukunft seine Never Say Die! Festival-Abende besser plant. Dann schüttelt das Mosh-Kiddie auch nicht mehr den Kopf bei untanzbaren Acts.

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