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Soko – My Dreams Dictate My Reality

Soko – My Dreams Dictate My Reality

Wenn eine sonst so verletzliche Französin plötzlich erwachsen wird, hört sich das nach 80er Jahre Indie/Rock, Bowie, Joy Division und The Clash an. Nur nicht nach Soko (Homepage). Auf den Mund gefallen ist sie trotzdem nicht und schießt mit My Dreams Dictate My Reality ein ganz gelungenes Durchschnittsalbum raus.

Ein Herz so groß wie ihre Klappe

My Dreams Dictate My Reality ist ganz klar verträumt, verwaschen und steht unter ständigem Beschuss von Herzen, schmerzenden Herzen und scherzenden Herzschmerzen. Und Soko steht dabei mit einem ausgeblichenen gelben Regenschirm im Herzerlregen und geht auf Blockade. Sie käme ja schließlich mit friedlichen Absichten.

Textlich schließt Soko eigentlich dort an, wo sie mit ihrem letzten Album aufgehört hat. Und zwar mit einer derartigen Emotion, dass man sie am liebsten einfach in den Arm nehmen würde. Soko singt sich die Seele vom Herzen. Dass hier ein bis zwölf wahre Begebenheiten eingebaut sind, lässt sich nicht bestreiten. Egal ob sie gerade im Ocean of Tears schwimmt, Bad Poetry liest oder mit Temporary Mood Swings zu kämpfen hat. Soko trägt das Herz an der richtigen Stelle – nämlich in ihrer großen Klappe.

Aber selbst wenn ihr das Herz ein bis fünfmal gebrochen worden ist, gibt sie generell selbst den Ton an. In der Nummer Lovetrap bettelt Ariel Pink nahezu um die Hand der Französin, die gelassen in ihrem eigenen „No Chance – Romance“-Universum dahingaukelt. Dass es im Leben einer jungen, hübschen Dame nicht immer nur um Herzschmerz geht, aber oft um Beziehungen und wer letzten Endes den Ton angibt, erzählt sie uns in ihrer Nummer Who Wears The Pants.

Ein gekrümmtes Croissant ist auch nur Durchschnitt

Doch so groß sie Emotion auf My Dreams Dictate My Reality schreibt, so groß ist auch der Medioker-Sticker am Album Cover. Wer sich mit Durchschnitt zufriedengibt, wird wohl Freude an der Platte finden. Nicht, dass es hier speziell etwas auszusetzen gäbe, es ist halt einfach medioker. Eine Normcore, die ohne schlechtes Gewissen für gut befunden werden darf, Soko aber nicht verdient hätte. Denn eigentlich wäre ihr Sound ja unverkennbar gewesen und kein gekrümmtes Croissant, das hilflos in der Meta-Ebene umherschwingt.

Musikalisch ist My Dreams Dictate My Reality aber trotzdem sehr umfangreich. Eine Reise durch eine revolutionäre Musiklandschaft, wo man David Bowie (My Precious), Depeche Mode (My Dreams Dictate My Reality), Joy Division (Peter Pan Syndrome) und The Clash (Who Wears The Pants) über den Weg läuft. Soko weiß aber, dass man auf solch einer Reise auch mal rechts ranfahren muss, um durchzuatmen. Das tut sie auch bei I Come In Peace und Keaton’s Song. Bis sie letzten Endes mit vollem Karacho wieder aufs Gaspedal eintritt und in gelassener Surfpop Stimmung mit einer Insulinspritze im Herzen medioker weiter rockt. Das sind halt eben Temporary Mood Swings.

Soko

Hört sich also alles nicht schlecht an, doch einfach nicht nach Soko. Nach der I’ll Kill Her Soko. Nach der Dandy Cowboys Soko. Und selbst wenn ihr Vorgänger Album I Thought I Was An Alien schon Not SoKute war, driftet Soko mit My Dreams Dictate My Reality noch weiter von dem Sound ab, der sie einst als Jeune Fille der Popmusik charakterisierte. Die Dominanz ihrer Stimme hat abgenommen und wird teilweise zur Begleiterscheinung. Das runde, ausgereifte Produkt zerschlägt den räudigen Minimalismus, den wir so gut fanden. Und der süße französische Akzent ist wohl beim Erwachsenwerden auch auf der Strecke geblieben.

Durchschnittliches Fazit

Wir leben in einer Durschnittsgesellschaft, bei der Soko mit durchschnittlichem Sound bei überdurschnittlich großem Publikum Anklang findet. Wir greifen nicht mehr nach den Sternen, sondern versuchen den Sumpf der unteren 10.000 zu verlassen, um in die Mediocre-Ebene aufzusteigen. Soko hat diesen Sprung mit My Dreams Dictate My Reality geschafft. Durchschnitt ist heute das neue „gut“, nur eben in langweilig. Mir gefällt’s. Wer weiß wie lang.

Soko – My Dreams Dictate My Reality

Für Fans von: Dillon, The Clash, David Bowie
Because (Warner)
Gesehen um € 14,99

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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