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Tokio Hotel: The WTF-Experience

Tokio Hotel: The WTF-Experience

Um es gleich vorwegzusagen: Das hier ist kein Tokio Hotel-Bashing Artikel. Nein, ich war selbst mal Fan der Jungs. Ich stand bei mehreren Konzerten von früh bis spät an, um in den ersten Reihen zu stehen, ich harrte hier und da auch mal vor einem Hotel, um ein Foto mit ihnen zu erhaschen und tat, was man sonst eben so macht als Mädchen im Teenager-Hormonrausch. Der Antrieb dazu kam zwar eher von außen als von mir selbst, aber wen interessieren schon halbherzige Ausreden.

Fakt ist, die Band zählte zu meinen Lieblingen. Das verlor sich schon vor ihrer fünfjährigen Pause, nachdem mir das dritte Album Humanoid nicht so gefiel. Trotzdem, der alten Zeiten wegen, dachte ich mir, müsste ein Besuch bei ihrem Konzert am 26.03.15 in Wien schon sein. Ich staunte zunächst nicht schlecht, als ich den Preis für eine Karte las: 86,44 € zahlt man nicht alle Tage für ein Konzert in der Arena. Aber das war ja nur die Spitze des Eisbergs.

Covered in gold

Denn was wäre die Musikbranche heutzutage, gäbe es nicht für mehr Geld noch coolere Tickets zu erwerben? Bei Tokio Hotel konnte man zwischen vier verschiedenen Paketen wählen: Man konnte beim Soundcheck dabei sein, die Jungs in einem Gruppen Meet & Greet treffen und ihnen Fragen stellen (Foto mit den Jungs inklusive), die Fragerunde auch extra mit einem Selfie krönen oder sich auch die volle Dröhnung geben, die eine Akustiksession in der Garderobe beinhaltete und dem ultimativen Erlebnis: einen Song lang mit dem Quartett auf der Bühne zu stehen. Die Packages wurden natürlich auch mit verschiedenen Goodies und/oder früherem Einlass in die Halle abgerundet.

Über die Preise vom drei bis vierstelligen Bereich will ich mich an dieser Stelle nicht auslassen, denn ja, ich find’s eigentlich eine Frechheit, den Fans so viel Geld aus der Tasche zu ziehen. Aber andererseits waren alle Spezialtickets auf der gesamten Tour ausverkauft. Also wenn genug Leute bereitwillig so horrende Summen bezahlen, warum sollte man sie nicht auch verlangen?

Love who loves you back

Die eigentliche Frage ist doch aber vor allem: Lohnt sich das überhaupt, oder wäre das Geld anders besser aufgehoben? Tja, ich habe beim Soundcheck zugesehen und fand das, was ich da erlebt habe eigentlich nur unverschämt. Zu Anfang und Ende gabs ein kurzes Hallo und Tschüss, Bill ließ sich zu einem Winken hinreißen und Georg verteilte am Ende zumindest noch zwei Plektren. Ansonsten wurde man aber in Grund und Boden ignoriert und kaum eines Blickes gewürdigt. Klar, der Soundcheck ist in erster Linie Arbeit, immerhin soll später ja alles gut klingen (wobei sich der Aufwand bei einer Halbplayback-Show auch in Grenzen hält). Aber wieso lade ich meine Fans dazu ein und lasse sie dafür bezahlen, wenn ich sie scheinbar sowieso nicht da haben will? Vielleicht waren meine Erwartungen nach der Michael Bublé Soundcheck-Party 2014 auch einfach zu hoch…

Mit gemischten Gefühlen sah ich also dem Meet & Greet entgegen. Meine Laune besserte sich nicht, als wir gut zwanzig Minuten auf dem Boden der Arena saßen mussten, um auf die Jungs zu warten und währenddessen für die folgenden Minuten eingewiesen wurden: Zunächst die Fragerunde…alle brav aufzeigen, niemanden unterbrechen… Dann sich für das Foto anstellen…nicht umarmen, küssen, grapschen…Zeug nehmen und verschwinden. Ehrlich gesagt fühlte ich mich wie in einer Kindergartengruppe! Aber es geht ja auch nicht anders, dass muss ich der Crew ganz klar zugestehen. Die Fans kann man nicht als erwachsene Menschen behandeln, wenn diese sich nicht wie solche benehmen.

Und dies war an diesem Abend allgegenwertig. Der Altersdurchschnitt beim Meet & Greet lag bei mindestens 20 Jahren, doch trotzdem gab es kaum ein Mädel, das nicht nach dem Foto weinte – jugendhaftes Hyperventilieren statt erwachsener Coolness also. Auch später beim Einlass hatte man leicht den Eindruck, es wäre wieder 2005: Geschrei, Gedränge, und bloß als Erstes reinkommen!

Beim Konzert ging es dementsprechend laut zu, auch hier hätte ich schwören können, mich in einer Halle voller Teenies zu befinden. Aber nein, da standen (teils schon sehr) erwachsene Damen und Herren und feierten die Band, als hätte sie nie pausiert. Doch auch hier fiel es mir schwer, diese Begeisterung nachzuvollziehen. Beim Konzert erkannte ich viel zu viele Parallelen zu Katy Perry – wer hätte gedacht, dass ich das Mal sage?

Run, Run, Run

Im Klartext heißt das: viel Show und wenig dahinter. Trotz zwei Keyboards auf der Bühne kamen die meisten Synthies vom Band. Auch Bill sang nur halb-playback und wechselte dazu sein Outfit mehrmals. Natürlich hatten sie eine super Lichtshow im Gepäck, dazu Visuals und eine Schaumkanone. Das Ganze passte aber nicht so recht in die Arena… Im Endeffekt klangen Tokio Hotel genau wie auf CD und Interaktion mit dem Publikum gab’s auch kaum. Wenn ich das wollte, könnte ich mir auch das Album anhören! Nur als die einzigen alten Tracks Rette mich und Durch den Mosun angestimmt wurden, war der Funke von damals kurz wieder da. Da schienen die Vier wieder so herzlich und vor allem: bodenständig.

Wobei ich sagen muss, dass sie beim Meet & Greet so sympathisch und offen wirkten, wie früher. Nur auf der Bühne kommt das zwischen all dem Tamtam nicht mehr rüber – fand ich zumindest. Den Fans hat das Konzert durch und durch gefallen und am Ende ist es ja das, was zählt. Auch über die Chance, ihren Idolen bei einem Meet & Greet ganz nahe zu sein, freuen sie sich – Geld hin oder her. Zumindest ihre eingefleischten Fans halten Tokio Hotel gut bei der Stange.

Und ich? Ich geb mein Geld das nächste Mal wohl lieber für eine Band aus, die komplett live spielt und nach der Show beim Merch mit mir ein Bier trinkt – ganz kostenlos versteht sich.

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