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Arrr, Merci und Justin Bieber! – Coeur de Pirate im WUK

Arrr, Merci und Justin Bieber! – Coeur de Pirate im WUK

Seit nun schon sechs Jahren befindet sich Coeur de Pirate auf meiner YouTube-Playlist. Live gesehen hatte ich sie allerdings noch nie – dementsprechend aufgeregt war ich, als ich mich Dienstagabend, 26.04.16, auf den Weg ins WUK machte. Denn derzeit tourt die junge Kanadierin aus Montreal durch Europa. Und nicht nur für mich war es das erste Mal, auch für Béatrice Martin war es das erste Konzert in Wien.

Tous les Garçons et les Filles

Noch beim Eingang war ich erstaunt, dass sich so viele Konzertbesucher auf Französisch unterhielten. War Coeur de Pirate in Österreich dann doch zu unbekannt? Der Anzahl der Menschen nach zu urteilen schien das der Fall zu sein. Tatsächlich war die Halle bis kurz vor Beginn mehr als halbleer. Ich wusste, dass das Konzert nicht ausverkauft war, dennoch hatte ich mit mehr Konzertgehern gerechnet. Das Publikum selbst war, wie ich auch erwartet hatte, zum Großteil in meinem Alter, also zwischen 20 und 30 Jahren alt. Und entgegen meiner Vermutung waren sowohl Weiblein als auch Männlein zahlenmäßig gleich vertreten.

Trotz der geringen Anzahl an Konzertgästen war die Stimmung so wie vor jedem Konzert: Spannung lag in der Luft. Und mit Bier oder Spritzwein bewaffnet stand und saß man in der Halle und unterhielt sich. So ausgiebig, dass man am Anfang gar nicht die Gestalt bemerkte, die im Dunkeln, mit nur einer Gitarre in der Hand, auf die Bühne kam.

Golden Baby!

Zugegeben, ich hatte zwar zuvor gelesen, dass Béatrice Nachwuchstalente aus ihrer Heimatstadt unterstützt und sie als Support mit auf Tour nimmt, doch wusste ich nicht, welche Musikrichtung mich unter dem Namen Elliot Maginot erwarten würde. Umso überraschter war ich, als der junge Kanadier ganz ohne Band anfing zu spielen. So etwas bekommt man auch nicht oft zu sehen. Und so einfach stelle ich es mir auch nicht vor, eine Menge zu unterhalten, die gespannt und schon ungeduldig auf den Hauptact wartet.

Doch in den 40 Minuten, in denen der Solokünstler auf der Bühne stand, wandelte sich meine anfängliche Irritation, die auch auf das küssende Pärchen neben mir zurückzuführen war (weil das Konzert doch recht schnulzig begann), in Begeisterung um. Denn, obwohl seine Stimme versucht-verdoppelt und dadurch sehr verzehrt wurde, um sich so vom Indie-Gitarrensound abzuheben, war ich doch sehr angetan. Denn der junge Kanadier weiß, seine Stimme einzusetzen und dabei den Takt auf der Gitarre zu halten. Und obendrein sieht er auch nicht so schlecht aus. Just saying!

Elliot Maginot - © Yavuz Odabas

Elliot Maginot – © Yavuz Odabas

Zwar gab er sich zurückhaltend, dennoch merkte man seine Nervosität an. Zwischen Songs wie Djibril, Monsters at War und Survival versuchte er Schmähs zu reißen, doch waren sie in meinen Augen dann doch zu abgedroschen. Ich hatte eher das Gefühl, dass er sich sehr unwohl fühlte, wenn es darum ging, mit dem Publikum zu interagieren. Was aber wahrscheinlich auch auf den langsam steigenden Lärmpegel zurückzuführen war. Denn nach den ersten Liedern füllte sich (endlich!) langsam aber doch das WUK.

Nichtsdestotrotz wurde Elliot Maginot gegen Ende mit einem fetten Applaus von der Bühne verabschiedet und das Publikum von ihm auf einen Plausch beim Merchandise-Stand eingeladen. Und ich kann den jungen Kanadier nur weiterempfehlen, denn er hat nicht nur musikalisches Talent, sondern schafft es auch, alleine eine Bühne zu füllen. Was viele Bands nicht einmal zu fünft hinbekommen, am Rande bemerkt.

Danse et Danse

Als es dann schließlich Zeit für den Hauptact wurde, war das WUK so dermaßen voll, dass ich auf Zehenspitzen stehen musste, um noch einen Blick auf die Bühne erhaschen zu können. Was mir aber sofort auffiel, war das Bühnenbild, das noch kurz vor Coeur de Pirate eingerichtet wurde – denn es reichte bis über die Decke. Doch abgesehen von meiner mangelnden Körpergröße war ich gespannt wie ein Regenschirm – passiert ja nicht alle Tage, dass man ein Idol aus der Jugend live sehen kann!

Und dann, pünktlich gegen 21 Uhr, war es so weit: Die Lichter gingen aus, die Band betrat die Bühne. Im ersten Moment konnte ich Béatrice Martin gar nicht sehen, da auch sie anscheinend nicht genug Fruchtzwerge gegessen hat. Doch ein bisschen nach links rücken hier, ein bisschen strecken da und dann fand ich eine Lücke. Eröffnet wurde mit Oceans Brawl, einem englischsprachigen Song aus ihrem neuen Album Roses. Passend dazu waren die Lichteffekte gesetzt. Langsam, ruhig, episch. Ich muss gestehen, ich bin da doch eher ein Fan ihrer französischen Lieder, darum war der Beginn für mich ziemlich ernüchternd. Und auch beim zweiten Lied fiel mir das Mitwippen noch etwas schwer, obwohl ihre einstudierten Dancemoves durchaus einluden, sich in der Musik zu verlieren. Doch mit dem dritten Lied konnte Coeur de Pirate sich wieder gut rausreißen und ich aufatmen: Denn das war mein absolutes Lieblingslied von ihr – Golden Baby, aus ihrem Album Blonde.

Coeur du Pirate - © Yavuz Odabas

Coeur du Pirate – © Yavuz Odabas

Im Laufe des Abends musste ich allerdings immer wieder über ihre Choreografie schmunzeln. Klar, ein bisschen Bewegung muss da schon mit dabei sein, doch wirkte das ganze zu einstudiert und wiederholte sich mit der Zeit. Ich bin ja selbst eher der laut-mitsingen-und-tanzen-egal-wie-blöd-es-aussieht-Typ, aber so richtig schien die Choreo nicht aufzugehen. Das Publikum wippte zwar teil- und zeitweise hin und her, aber abgesehen von Béatrice Martin war wenig Bewegung auf der Bühne zu sehen. Schade! Denn gerade bei ihren Klaviereinlagen war die Band dann etwas fehl am Platz. Und obwohl der Sound echt top (!) war und Coeur de Pirate eine wunderschön-zauberhafte Stimme hat und das auch zum Besten gab, war die Bühne einfach zu niedrig, um sie beim Klavierspielen beobachten zu können. Sehr zu meinem Bedauern, da ich ein riesiger Fan von ihren Akustikversionen bin und auch gerne zusehe, wie Leute sich am Klavier richtig reinsteigern. So war das dann doch nur halb so schön – und innerlich hab ich mir gewünscht, diese Stellen auf YouTube sehen zu können.

Zu meiner Überraschung gab sich Coeur de Pirate sehr bodenständig und sehr sympathisch. Ich habe schon etliche Interviews und Beiträge von ihr gesehen, aber das hat mich dann doch erstaunt. Ein ganz besonderes Zuckerl war dann in meinen Augen auch das Cover eines ganz besonderen kanadischen Künstlers, mit dem sie, wie sie uns versicherte, nicht befreundet ist. Aber da sie gerne „nervige“ Lieder aufgreift und versucht diese schöner musikalisch zu gestalten, war ich gespannt und ahnte auch schon, was da auf mich zukommt. Und wie ich erwartet hatte: Ganz frech hat sie dann tatsächlich Justin Bieber gecovert. Natürlich würde da keiner im Vorhinein zugeben, dass man insgeheim das Lied mag – und nur mitsingen, wenn man betrunken ist, wie sie völlig richtig argumentierte. Aber als sie am Klavier und fast komplett im Dunkeln Sorry neu inszenierte, hörte ich doch den einen oder anderen aus dem Publikum mitsingen.

Ensemble und Adieu

Zusammengefasst war das Konzert aber dann doch sehr ruhig, poppig und dadurch ein bisschen eintönig. Abgesehen davon, dass in meinen Augen der „französische Zauber“ durch englische Lyrics verloren ging, hatte ich mir außerdem mehr Interaktion mit dem Publikum erwartet. Diese kam nämlich erst relativ spät: Erst bei Comme des Enfants, der Zugabe, wurde auch die Crowd miteingebunden. Doch war dieses Lied ein schönes und besonderes Schmankerl, über das sich auch mein Fotograf Odi sehr gefreut hat und sehr passend war als Zugabe. Und ich habe mich ein bisschen über mich selbst geärgert, da ich nach sechs Jahren Französischunterricht die Lyrics nicht mitsingen konnte. Da hätte ich dann doch in der Schule besser aufpassen sollen! In diesem Sinne möchte ich mich bei meiner ehemaligen Französisch-Professorin bedanken, da ich dank ihr Coeur de Pirate kennen und lieben lernen durfte. Merci!

Photos: (c) Yavuz Odabas

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