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Es war einmal… Die Beginner im Wiener Gasometer

Es war einmal… Die Beginner im Wiener Gasometer

An dem Tag, an dem die Beginner im Gasometer Wien auftraten, regnet es. Es ist ein düsterer Abend. Vor den runden Backsteintürmen stehen viele Menschen. Sie quatschen, lachen, rauchen Tabak oder Tabakmischungen, trinken Bier. Viele tragen ein Cappy, etwa mit einem Fuchs drauf, andere wiederum Turnbeutel. Sie sind alle hier um die deutschen Hip-Hop-Legenden Beginner aus Hamburg zu sehen. Genau so wie ich.

Is‘ leider so, für uns ’n Haufen Scherben…

An der Abendkasse entgegnen mir zwei junge Damen. Sie sehen fröhlich aus. Von Anfang an haben wir Verständigungsprobleme. Schon Dienstag, als ich bei den Pixies im Gasometer war, konnte ich mit der Person hinter der dicken Glasscheibe nicht einwandfrei kommunizieren. Vielleicht ist es zu dick. Oder es liegt an mir. Im Zweifelsfall weinen. Wir diskutieren. Sie kann mir nur ein Ticket für die Galerie geben, unten sei es voll. Nach einem kurzen Hickhack gebe ich mich geschlagen, lasse mich von den netten Menschen in den gelben Westen abfummeln und treffe drinnen meine zwei Freunde.

Auch einer meiner Freunde trägt ein Cappy mit einem Fuchs vorne drauf. Ich erkläre, dass ich eine Sitzplatzkarte habe. Trotzdem wollte ich es probieren, immerhin meinte die Dame an der Abendkasse, dass ich vielleicht trotzdem rein kann. Leider kein Erfolg. Schon klar, ich bin ja schließlich der Assi, der seine Karte nicht bezahlen muss. Der am Tag danach Zynische Dinge über das Konzert schreibt, die sowieso keinen interessieren. Ist halt nicht Seite drei in der Zeitung. Wir trennen uns. Ich gehe zur Bar, hole mir ein Bier und suche diese ominöse Galerie. „Hey ja du bist richtig. Trinken darfst du jedoch nicht auf der Galerie“, sagt die nette Dame, die meine Karte kontrolliert. Gut. Ich trinke aus wie ein König. Schließlich will ich ja Megaloh sehen. Eigentlich mag ich ja subkulturelle Stromgitarrenmusik. Ich betrete die Galerie und merke, dass ich der Einzige hier bin. Zumindest auf der linken Seite.

© Dave Bitzan

© Dave Bitzan

 

Ich plaudere mit dem Security in der knallgelben Weste. Er fragt mich, wieso ich hier sei. Bei einem HipHop Konzert sitzt doch keiner. Ich erkläre ihm meine Lage und beschwere mich, dass ich hier nicht mal etwas trinken darf. Er sagt: „Nicht essen. Nicht trinken. Nicht rauchen.“. Ich frage ihn, ob man hier zumindest Spaß haben dürfte. Er zuckt mit den Schultern. Ich denke mir nur: Hammertyp, Hammersprüche. Megaloh betritt die Bühne. Ich kehre ihm den Rücken zu und verschwinde zur Bar. War nichts für mich.

…doch wir lassen uns die legendäre Stimmung nicht verderben

Zurück auf die Galerie. Der Testsieger rappt wieder. Die fetten Bässe von Ahnma ertönen. Schon im Sommer haben sie ihre Show am Hip-Hop Open in Wiesen mit diesem Track eröffnet. DJ Mad rockt wieder das Podest. Eizi Eiz und Denyo die Mics. Zwei Tänzerinnen/Backgroundsängerin sind auch wieder dabei. Der Vorteil an der Galerie. Ich sehe von hier, wie jeder einzelne da unten Spaß hat und abgeht. Mittlerweile sind auch andere Menschen auf der Galerie. Manche von ihnen ärgern sich über ihren Platz, die anderen freuen sich. Es sei ja unten sowieso viel zu voll. Nach Ahnma ziehe ich meinen Hut und verlasse die Galerie. Ein Fuchs muss tun, was ein Fuchs tun muss. Ich schummle mich am Osteingang in die Menschenmenge. Ab dann hieß es feiern und Freunde suchen. Denn Happiness is only real when shared, sagt man ja.

© Dave Bitzan

© Dave Bitzan

 

Ich kämpfe mich von ganz rechts nach ganz links und bekomme dabei nur knapp 1,5 Liter Bier über sämtliche Körperteile geschüttet. Kurz bleibe ich stehen um mit der Masse Hammerhart zu feiern. Nach ein paar Songs finde ich tatsächlich meine Crew. Ich bekomme Bussis von links und rechts. Sie freuen sich, dass ich da bin. Ich mich auch. Ich lasse mich einmal mehr von der Welt des Hip-Hops einnudeln. Das Set ist großartig. Aber noch großartiger wurde es, als plötzlich der Godfather of German Rap die Bühne betritt. Torch. Ich lerne von meinem Freund, dass er es schon geahnt hat, da das neue Album ja Advanced Chemistry heißt. Advanced Chemistry, die Pioniere des deutschen HipHops, unter anderem mit Torch. Auch für mich ergibt das dann Sinn. Außerdem sei Torch schon vorher am Merch gesessen. Aber würdest du den Hausverstand erkennen, wenn er beim Billa an der Kassa sitzt? Sie spielen Fremd im eigenen Land. Auch Megaloh kommt zur Unterstützung.

Die Show schreitet voran, die Stimmung ist ausgelassen. Zwei Menschen in Schwein und Panda Kostüm betreten die Bühne und tanzen. Einer von ihnen sollte später noch Stagediven. Meine Posse, Kater, Füchse. Die Beginner spielen alle Stückeln – auch sehr viel von Advanced Chemistry. Die Menger ist textsicher. Bei Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann singt das gesamte Gasometer mit. Ich blicke zurück und sehe, dass nun sogar auf der Galerie ausgelassene Stimmung ist. Es wird getanzt, gesungen und viele Hände sind am Bouncen. Recht früh ist es dann aber auch schon vorbei. Oder habe ich einfach zu viel Zeit verschwendet um durch die Menge zu pilgern? Als Zugabe gibt es den neusten Hit der Beginner: Es war einmal. Die Geschichte der Beginner. Oder aber auch die Beginner-Version von FreundeskreisErste Schritte/Retrospektive.

© Dave Bitzan

© Dave Bitzan

 

Die Show war vorbei. Dachte ich. Eigentlich wollte ich noch bleiben, um zu sehen, ob noch etwas kommt. Ich werde aber von dem Strom, der Richtung Ausgang drängt, förmlich mitgezogen. Bis zur Toilette. An der Garderobe merke ich, es ist noch nicht vorbei. Scheiße. Aber wenigstens ist die Musik laut genug, um auch von draußen noch etwas zu hören. Ich fahre nach Hause. Gehe schlafen. Heute hatte ich mir vorgenommen, endlich mal Advanced Chemistry genauer durchzuhören. Ich breche jedoch nach Lied Sieben ab. Denn in meinen Schädel spielt Lars Ulrich Schlagzeug.

Photos: (c) Dave Bitzan

 

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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