Home   /   CD Reviews  /  Musik  /   Captain Planet – Ein Ende

Captain Planet – Ein Ende

Captain Planet – Ein Ende

Am 06.05.2016 nimmt eine Ära meines Lebens ein Ende. Nämlich die des Wartens auf die neue Platte meiner Lieblingsherzensschreier Captain Planet. Die Hansepunks betiteln es selbst als ein Ende. Beim Durchhören der Platte wird jedoch klar, um welches Ende es sich handelt.

Ich erlaube mir in diesem Text, die Distanz zur Materie gänzlich zu verlieren. Der falschen Objektivität ihren viel zu tief im Arsch steckenden Stock rauszuziehen, zu zerbrechen und quer wieder reinzuschieben. Einfach mal mit 120 Sachen gegen den Wind zu pissen. Denn über die Jahre baut man eine Nähe zu gewissen Bands auf. Vor allem zu Bands, die sich wortwörtlich das Herz aus der Seele schreien, schreiben und spielen. Spätestens, wenn besagte Band einmal dein Heimatkaff bespielt und danach im Wohnzimmer der Doppelhaushälfte deiner Eltern auf Isomatten pennt. Spätestens dann ist das Eis gebrochen. Und beim Rückblick kommen einem einfach nur mehr diese Zeilen in den Kopf:

Schaut da drüben ham‘ wir gehockt und gefeiert, uns geschlagen und geschwitzt, das erste Mal betrunken. Das Ganze ist verbrannt über Nacht – und es ist gut so!

Umso mehr plagen einem vor jedem Release nicht nur die zerrende Vorfreude, sondern auch die Gedanken, wann der Griff ins Klo käme. Ob Captain Planet nicht doch nur eine Jugendliebe war, mit der man am Lagerfeuer geknutscht hat. Doch läuten sie nun tatsächlich mit ein Ende das Ende einer Ära ein. Einer Ära, wo ich Captain Planet zu einer meiner Lieblingsbands zählen würde? Die Antwort ist nicht mal dreißig Minuten lang, in zehn Stücke geteilt und enthält wenig Überraschungen. Wirklich wenige.

Die einzige Konstante ist die Veränderung

Nach diesem Sprichwort wäre ein Ende alles andere als ein Ende. Mehr eine Veränderung. Denn die Schiene, die Captain Planet fahren, ist seit eh und je konstant und gleich. Wie ein unendlich drehender Kreisel, der dir lediglich zeigt, dass du nicht ständig dieselbe Platte hörst. Ob das gut oder schlecht ist, hängt nur davon ab, ob du den Sound von Captain Planet magst, oder eben nicht. Und ob du ein Herz hast.

Captain Planet - Ein Ende

Doch Captain Planet vertreten einen ganz besonderen Sound. Klar haben sie unter dem Augenlied in rosa „Norddeutschpunk“ tätowiert. Aber auch nach vier Alben, ein paar Splits und EPs ist der Hans Dampf nicht aus der Musik. Sie ist schnell, soft und hart zu gleich und der Gesang einfach auf die Fresse. Captain Planet haben außerdem von Anfang an eine eigene Sprache gefunden, die sie von Veröffentlichung zu Veröffentlichung mit neuen Metaphern bestücken. Nur das Codebuch haben sie nie mitgeliefert. Dafür ganz viel Spielraum für das eigene Kopfkino.  So auch auf ein Ende.

Captain Planet halten auf ein Ende die Geschwindigkeit hoch. Sowie den Nostalgie- und Melancholiefaktor. Ein Ende beinhaltet zehn Ohrwürmer, die alle eben ein wenig ähnlich klingen. Vor allem ins Ohr geht der Opener St. Peter und das Schlusslicht Vom Ende an, mit dem Captain Planet tatsächlich ein Ende auf ein Ende ziehen. Dazwischen gibt es keineswegs Durchhänger. Mehr so wie ein Maschendrahtzaun mit zehn Pfosten, der das verwobene Konstrukt aus Strophe-Hook-Refrain zusammenhält, hochstemmt und dir ins Hirn ballert.

Dieses Haus wird eine Hütte

Ein Ende ist also eingängig, trägt tief drinnen den Captain Planet Stempel und außenrum die Fassade eines Reihenhauses. Der Pressetext von ein Ende suggeriert einen Art Cliffhanger, ob das Reihenhaus ein Symbol dafür wäre, dass die Jungs alt geworden sind. Ob der Nachwuchs nun dem besagten Prüfstein-Punk ein Ende zieht. Später, ganz clever, widerlegen sie diese These natürlich wieder. Schwächen zu Stärken machen und so.

Ich sage: Captain Planet sind nicht alt geworden. Sie waren aber auch nie ganz jung. Anstatt sich an Parolen zu bedienen, gab es immer schon unter die Haut gehende Metaphern, oder vielleicht auch einfach nur Wortkombinationen, die sich eben schön anhören. Wer soll es denn nachprüfen? Das Einzige, was auf ein Ende etwas zu kurz kommt, sind die Mitgrölhooks, die Captain Planet bisher unsterblich machten. Sie existieren schon. Aber in einem anderen Ausmaß. Von Platte zu Platte gab es immer wieder Textzeilen, die Textzeilen vorhergehender Platten immer um eine Spur Coolness übertreffen sollten. Sei es

Vor zwei Wochen noch das Blut und Kreidestriche auf der Straße. Jetzt nur noch die Blumen am Laternenmast.

oder

Heute Nacht hab‘ ich die Welt verstanden. Und sie mich!

bis hin zu

Bist halt nicht der Typ, der sein Leben so lebt, wie Rambo an die Tanne springt!

Ein Ende

So wie es Captain Planet auf ihrer neuen Platte ein Ende machen, muss auch ich die endende Klammer zum Anfang schaffen. Denn ein Ende ist tatsächlich ein Ende. Ein Ende einer Ära. Und zwar der, in der ich mich frage, ob Captain Planet nach ihrer neuen Platte noch immer zu meinen Lieblingskünstlern zählen würden. Sie verstehen einfach meine Welt. Und meine Welt versteht sie. Wer was Neues erwartet, ist hier fehl am Platz. Doch die einzige Frage, die bleibt: Können diese knappen 30 Minuten meinen unersättlichen Durst bis zum nächsten Release stillen? Scheißegal. Denn auch die Demo hört sich noch so gut wie am ersten Tag.

Captain Planet – Ein Ende

Für Fans von: Matula, Turbostaat, Kettcar
Zeitstafe (Indigo)
VÖ: 06.05.2016
Gesehen ab € 14,999punkte

Home   /   CD Reviews  /  Musik  /   Captain Planet – Ein Ende

Tags

Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
Related Article