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Hardcore-Highschool Reunion: Dag Nasty in der Arena

Hardcore-Highschool Reunion: Dag Nasty in der Arena

Manchmal gibt es Konzerte, auf die man sich schon seit Monaten freut. Auf Dag Nasty freuten sich manche jedoch schon Jahrzehnte lang. Die Combo hat es nie bis nach Österreich verschlagen. Vermutlich, weil sie alle Wichtigeres zu tun hatten. Wie zum Beispiel 20 Jahre bei Bad Religion zu spielen, Fugazi mitzubegründen, sich in der Nachgeburt von Minor Threat oder Government Issue zu suhlen oder diverse Festivals zu headlinen. In Anbetracht dessen freut es einen um so mehr, eine für die Szene einflussreiche Band wie Dag Nasty, im Original Line-up, auf einem kleinen Club-Gig zu sehen. So geschehen am 26.04.16.

I would speak my mind

Es ist 20 Uhr. Der graue Himmel ist mittlerweile dunkelblau gefärbt. Vor der Arena steht ein großer Nightliner, der vermutlich mit Bad Religion Wechselgeld bezahlt wurde. Beim Betreten der Arena wird schnell klar – das Publikum könnte durchmischter nicht sein. Trotzdem sind sie alle aus demselben Grund hier. Egal ob Anfang 20 oder Ende 50. Es sind schon einige hier. Beim Vorbeigehen hört man enthusiastische Gespräche, wie toll es denn nicht sei, dass Dag Nasty endlich mal in Österreich spielen. Viele Gespräche verstehe ich nicht. Viele der Leute sind nämlich aus dem Ausland angereist, um Dag Nasty zu sehen.

Die kleine Halle ist schon angenehm gefüllt. Der Konzertraum jedoch leer. Immerhin dauert es ja noch eine Stunde, bis Pears, der neuste Fat Wreck Punk Export die Halle erwärmen sollte. Ich tratsche und erfahre, dass Dag Nasty bereits einen Tag vorher in der Arena angekommen sind. Sie machen sich auf ihrer kurzen Europatour keinen Stress. Sie wollen bummeln, die Stadt genießen. Es ist keine Geschäftsreise – es erinnert mehr an eine (Rock’n Roll-)High School Reunion, die nochmals auf Maturareise fährt. Halt weniger X-Jam – mehr so sXe-Jam. Dabei steuern sie bewusst kleine Clubs an. Und ja, Pears, die Abschlussklasse von 2014, darf auch mitfahren.

Modern Old Skool Hardcore Epilepsie

21 Uhr: Das Licht geht aus. Pears erscheinen. Zuerst ist unklar, wieso Sänger Zach bereits jetzt ohne Shirt die Bühne betritt. Der Schwanzvergleich und damit einhergehende Tattoo-Showoff kann es definitiv nicht sein. Das wäre wohl eher ein Häfnpeckerl-Showoff. Und wer zum Teufel ist Erika? Ihr Name schmückt zumindest sein rechtes Schulterblatt. Doch all die pubertären Gedanken verschwinden, sobald Pears zu Spielen beginnen. Sänger Zach springt von links nach rechts, schreit sich die Seele aus dem Leib, stürzt, steht auf, springt – kurz und knapp auf wienerisch: Er reißt sich an Servas owe. Spätestens beim dritten Lied ist sein ganzer Oberkörper mit Schweiß bedeckt, der sich jedoch nicht von der Stelle bewegt. Oberflächenspannung.

Die Musik ist mir bisher unbekannt, hart und schnell. Modern Old Skool Hardcore, mit ab und an melodischen Hooks gemischt. So kurz und knapp wie ihre Songs verlassen Pears nach 30, gefühlten 90 Minuten, die Bühne. Nicht weil es langweilig war. Ganz im Gegenteil. Selbst wenn man über die Performance der Band Taylor Swifts Debütalbum legen würde, wäre es ein Hingucker.

Jung gebliebene Altherrenpunks

Gegen 22 Uhr betreten Brian Baker, Colin Sears und Roger Marbury die Bühne. Eine Minute später betritt Sänger Shawn Brown die Bühne, Dag Nasty beginnen zu spielen und machen einer ihrer Songzeilen

And when I move – I won’t stop for anything

alle Ehre. Das Publikum gerät instant in eine Flashback-Zone.

(c) David Bitzan

Dag Nasty
(c) David Bitzan

 

Schnell füllt sich die Halle. Es wird getanzt. Die imaginären Sprechblasen über den Köpfen der Leute füllten sich womöglich mit Sätzen „Fuck Yeah, Dag Nasty oida“ oder „Wie lang habe ich darauf gewartet“. Dag Nasty, die mehr oder weniger den Melodic Hardcore iniziiert oder zumindest revolutioniert haben, sind trotzdem, auch 30 Jahre nach Geburtsstunde, eine DC Hardcore Band. Eine zackige, schnelle, verspielte Punk/Hardcore Band. Somit beginnen sich im Publikum langsam die Fäuste in der Luft zu ballen. Sänger Shawn hält immer wieder das Mikrofon ins Publikum. Es wird jedoch nicht darum gestritten, es wird von allen Seiten angespuckt. Auch ich ertappe mich, wie ich mich plötzlich auf den Schultern meines Vordermanns abstütze um die Zeile

There’s a thin line between love and hate

ins Mikrofon zu grölen. Die Stimmung ist am Brodeln.

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Der Altersunterschied im Pit grenzt an 20-30 Jahre. Sogar die halbe Arena Belegschaft ist mittlerweile in der Halle, um sich das Spektakel anzusehen. Und alle ballen sie gemeinsam die Fäuste. Das Stage-Diving wurde eröffnet. Es geht rasant zu. Mein Rucksack reißt. Ich verliere meine Jacke. Scheißegal – sie spielen gerade Values Here! Das Set wird von ihrem Debütalbum Can I Say dominiert, wobei sich zwischenzeitlich auch viele andere Nummern untermischen. Ein Prachtstück einer Setlist. Ein Prachtstück eines Konzerts. Gegen 23:15 Uhr ist der Spaß vorbei. Was bleibt, sind fröhliche Gesichter, fröhliche verschwitzte Gesichter. Die Gefahr sich zu verkühlen. Und mein Kamerastativ. Das habe ich nämlich an der Kassa liegen lassen.

Fotos: (c) David Bitzan

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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