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Die fünf Phasen des Togetherfests in der Arena

Die fünf Phasen des Togetherfests in der Arena

Wien, acht Grad, kein Regen. Die Arena lädt um 18:00 zum Hardcore-Fest des Jahres. Gorilla Biscuits, Modern Life Is War, Touché Amoré, Miles Away und GWLT. Schon im Innenhof sieht man coole Hardcore Kiddies, mehr Bärte als Frauen und ein paar weit Angereiste aus der Ukraine, Tschechien und Ungarn. Eigentlich traurig, dass der tschechische Besucher auf die Frage „Where are you from?“ lächelnd mit „No worry, not bad migrants. The one from upstairs.“ antwortet. Ich denke, ein pauschales [sic!] reicht, um zu zeigen, dass bei dieser Aussage nicht nur Grammatik und Satzstellung falsch waren.

Das Line-up des Togetherfests war großartig, traurig, hart. Wäre ich Vice-Redakteur würde diese Geschichte wohl eher „Ich war alleine auf ’ner Hardcore Show und habe über mein Leben nachgedacht“ heißen. Denn wenn man alleine auf einem Konzert ist, werden aus deepen Riffs deepe Gedanken. Von wegen Gott und die Welt, gebrochene Herzen und so Schmarr’n. Klar trifft man Leute, die man lange nicht gesehen hat. Und das ist auch schön. Aber im Endeffekt habe ich, glaube ich, die fünf Phasen der Trauer durchgemacht.

Denial and Isolation (GWLT)

Die erste Band des Abends war die deutsche Hardcore-Band ohne Anfang und Ende: GWLT. Es war gut. Glaube ich. Denn ich bin ja in der Phase des Leugnens, also bin ich erst mal gar nicht hingegangen.

Anger (Miles Away)

Rechtzeitig zu Miles Away aus Perth habe ich die Arena betreten. Sympathische Leute – vielleicht auch nur der Akzent. Die Musik durchgehend hart und schnell. Ein paar melodische Elemente erinnern an Strike Anywhere, nur um eine gewaltige Spur härter. Und wütender. Ich stehe da und genieße, wie mir die treibende Gitarre Takt für Takt auf den Kopf schlägt. Am Liebsten würde ich jetzt eigentlich etwas zusammenschlagen. Schade. Es wird nicht getanzt. Aber alle streiten sich ums Mikrofon.

Bargaining (Touché Amoré)

Als dritte Band betreten die Amis Touché Amoré die Bühne. Ich bin skeptisch und eigentlich ja kein großer Fan der angeschlagenen Liebe. Aber manchmal trifft es einen unverhofft im Herzen und die Verhandlungen mit einem selbst beginnen. Find ich das jetzt gut? Hätte ich mich besser auf Touché Amoré vorbereiten sollen, damit ich auch ins Mikrofon schreien hätte können?

Der Sound ist hart. Zwischendurch gibt es ruhige, nostalgische Instrumental Parts. Das Geschrei ist noch unclearer, als es bis jetzt war. Touché Amoré reißen die Bühne in ihre Einzelteile. Mittlerweile wird schon etwas getanzt – am interessantesten ist aber dann doch das Mikrofon. Ich merke, ich war schon lang auf keiner Hardcore Show mehr. Ach wie gern würde ich jetzt das Mikrofon an mich reißen und die Menge mit meinem Frust belehren. Zum letzten Lied sprang Sänger Jeremy von der Bühne ins Publikum und lieferte sich mit 20 Leuten einen Kampf ums Mikrofon. Die Stagehands werden unruhig, das Kabel droht zu reißen. Irgendwann befreit sich Jeremy aus der Menge, das Lied ist zu Ende. Die Meute schreit weiter. Ein Schritt, in die richtige Richtung. Vielleicht.

Depression (Modern Life Is War)

An Modern Life Is War stellte ich hohe Ansprüche. Zu hohe vielleicht. Obwohl ich der Meinung war, dass die Toughness von Modern Life Is War die Kapazitäten der Arena Anlage sprengen würde, lief alles sehr melodisch und deep ab. Aber irgendwie war es auch ein wenig langweilig. Zu viele langsame Songs, die dann doch etwas an der Stimmung drücken. Mit dem Mikrofonkabel dreimal um den Hals gebunden, hüpft Sänger Jeffrey unkontrolliert auf der Bühne herum und schreit sich die Seele aus dem Leib. Entweder war es die Aktion von Jeremy oder die pochenden Pulsadern am Hals von Jeffrey, die letztendlich das Mikrofon zerstörten. Ein Neues muss her. Ich schaue mir die ersten 20 Minuten an, dann schnappe ich Frischluft. Als ich zurückkomme, läuten Modern Life Is War schon die letzten Songs ein. Allem im allem war es die Phase, die mir am wenigsten gefällt, aber gefühlt am längsten dauert.

Acceptance (Gorilla Biscuits)

Die Vorfreude ist groß. Ich gehe extra früh rein, um mir einen Platz zu reservieren, wo ich spätestens beim Bläserintro von New Direction ein bis zwei Füße in meinem Gesicht erwarte. Tatsächlich stürmten in dem 15-sekündigen Bläser-only Intro fünf bis sechs Leute die Bühne, verließen sie kurz danach wieder, um mit ihren Füßen in meinem rechten Auge zu landen. Großartig. Auf der Bühne geht es ab. Gorilla Biscuits, wie man sie auch 1988 sehen hätte können, wäre ich da nicht erst zur Welt gekommen. Vor der Bühne gibt es kollektive Selbstzerstörung. Im Fünfsekundentakt betreten und verlassen Leute die Bühne. Kopf voran, Fuß voran, Schraube, Schwalbe, Salto. Gorilla Biscuits haben so gut wie ihre ganze Diskografie runtergewetzt. Moment. Vielleicht war es auch die Ganze – dauert ja nicht lange. Das geht sich in einer Stunde schon aus.

Die Biscuits machen Laune. Sie treiben an. Ums Mikrofon wird jetzt auch nicht mehr gestritten. Sänger Anthony lädt die Leute ein, auf der Bühne mitzusingen oder gibt das Mikrofon einfach ins Publikum. Wir sind ja mittlerweile auf Wireless umgestiegen. Ein Minor Threat Cover war auch dabei. Es brodelt.

We’re not a fuckin‘ Rock’n Roll Band. We don’t do this encore bullshit.

Der letzte Song des Abends: Start Today. Tatsächlich kein encore bullshit.

Ende. Verschwitzt, mit dem Gefühl, gerade das bisher beste Konzert des jungen Jahres gesehen zu haben, verlasse ich die Arena. Ich fühle mich wie neu geboren. So unterschiedlich das Line-up war, so unterschiedlich waren auch die Phasen, in die mich die Musik führte. Es waren harte Phasen. Eine nach der anderen. Und fließende Übergänge gibt es dabei nie. Nicht mal am Togetherfest – da spielt es N.W.A., Beatles und Toto in den Umbaupausen.

Photo: (c) getaddicted.org

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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