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Die Zukunft des Kinos hat keine Definition mehr – Nicolas Winding Refn im Interview

Die Zukunft des Kinos hat keine Definition mehr – Nicolas Winding Refn im Interview

Im Rahmen der Präsentation von Nicolas Winding Refns neuestem Meisterwerk The Neon Demon war der außergewöhnliche Regisseur in Wien bei der Premiere zu Gast. Auf dem Roundtable hatten wir die Ehre gemeinsam mit vier weiteren Medien unsere Fragen zu stellen, weshalb hier unsere Fragen extra markiert wurden. Die Filmkritik zu The Neon Demon findet ihr hier.

F (Medium A): Hallo Nicolas! Der Fokus deiner Filme liegt meiner Meinung nach eher auf den Farben und der Atmosphäre, als auf der Story.  Wie lief der Schreibprozess zu „The Neon Demon“ ab und wie arbeitest du mit den Autoren zusammen?

NWR: Gar nicht. Ich mache einfach was ich will und nutze einfach manchmal andere Menschen um herauszufinden, was ich nicht machen will. Aber ich finde es interessant, dass du der Meinung bist, dass meine Filme nicht storyfokussiert sind. Was ist ein guter Plot?

F (Medium A): Ich meine nicht „gut“ oder „schlecht“, sondern deine Filme sind eher eine Erfahrung. Es ist viel sinnlicher und berührender, als zum Beispiel ein Kampf zwischen Gut und Böse.

NWR: Ich finde es interessant. Es gibt diese extrem genaue Definition, was ein Movie ist. Woraus er besteht. Wie eine Story sein soll. Das ist eines der Probleme im Kino. Es wird zu einer mathematischen Gleichung stagniert. Und wenn du von dieser Gleichung abweichst, dann fehlt etwas, oder etwas ist falsch. Der Unterschied zwischen dir und mir, ist dass du dich auf die Klassiker beruhst. Ich bin Modernist. Und in der Zukunft des Kinos wird die Einzigartigkeit immer wichtiger. Denn die Zukunft des Kinos, so wie in jedem künstlerischen Bestreben, hat keine Definition mehr. Es wird keine Kontrolle mehr geben. Es geht mehr darum, wofür du stehst. Diese Zukunft besteht durch den Ozean der digitalen Erfindungen, was sehr aufregend ist.

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Um wirklich Einzigartigkeit zu erreichen, muss man als erster alles versuchen, das falsch gehen könnte.

F (enemy.at): Du hast einmal gesagt, dass du beim Filmemachen als allererstes den Sound im Kopf hast. Welchen Sound oder Song hattest du für The Neon Demon im Kopf und wie hat Cliff Martinez (Anm.: Sound Editor des Films) deine Vorstellung eingearbeitet?

NWR: Ich höre sehr viel Giorgio Moroder. Vor allem in den späten 70ern und frühen 80ern wurde Electronic sehr mit Alternative gekoppelt. Ich ging dann eben zu Cliff und habe mit ihm über Giorgio Moroder gesprochen und er nur „Oh, das ist interessant.“ Aber Cliff ist immer von Anfang an in meinen Ideen involviert. Und am Ende kommt er dann und schnürt alles in diesem eleganten und faszinierenden Paket zusammen.

F (enemy.at): Ich schätze, dass ihr dann eine sehr intime Beziehung habt, wenn Cliff Martinez alles so versteht, wie du es dir vorgestellt hast.

NWR: Ja er versteht mich völlig. Aber gleichzeitig, soll er es nicht unbedingt als Inspiration sehen. Es war lediglich für eine Inspiration. Cliff muss dann schon seine eigene Note hinzufügen und er kommt immer mit den besten Lösungen. Es ist eine sehr leichtgängige und intime Zusammenarbeit. Ich weiß, dass seine Musik sehr viel zu den Qualitäten des Films beiträgt. Also ich freue mich immer auf das Material von Cliff.

F (Medium B): Du hast deine fixen Mitarbeiter, wie Cliff und Matthew Newmann (Schnitt) und die anderen Mitarbeiter wechselst du immer aus. Möchtest du so einen frischen Wind reinbringen?

NWR: Ja, das hast du gut beobachtet. Das ist für mich wie bei einer Band. Und der Wechsel der Kameraleute und Produktionsdesigner solle dabei helfen, alles was war mit etwas anderem zu vermischen.

F (Medium B): Wie hast du dich für die aktuelle Kamerafrau (Natasha Braier) entschieden?

NWR: Sie wird das nicht hören wollen, aber sie war die einzige, die für 3000 Dollar die Woche arbeiten wollte. Sie hatte noch nicht viele Filme gemacht und ich hatte noch keinen davon gesehen. Ich habe nur eine sehr gute Werbung gesehen, von ihr gefilmt wurde. Es war gut, dass alle anderen Kameraleute zu teuer waren, denn Natasha war maßgeblich an der Art wie der Film nun ist beteiligt.

F (Medium B): War Natasha diejenige, die die Idee für die Symbole hatte?

NWR: Nein, die Idee mit den Dreiecken kam von mir, aber eben in Neon. Es hat was Esoterisches. Also hat sehr viel Bedeutung von Tarot. Ein Dreieck ist einerseits sehr schön, aber andererseits sehr satanisch. Und so wurde es für mich zum Symbol des Neon Demons. Ich wurde auch schon gefragt, ob es (Anm.: wegen einer bestimmten Szene im Film) etwas mit Illuminati zu hatte. Das ist zwar eine nette Story, aber absoluter Schwachsinn.

 

F (Medium C): Du sprichst zwar immer von der Zukunft, aber gibt es irgendwelche klassischen Regisseure, die dich beeinflussen? Mich hat der Stil von The Neon Demon ein wenig an Dario Argento erinnert.

NWR: Ich liebe Dario Argento. Aber ich mag alle Arten von Filme. Ich habe da keine speziellen Einflüsse. Aber vielleicht blieb etwas von Argento hängen und ich hab ihm erst letztens getroffen. Wir haben uns umarmt und er hatte den Film bereits gesehen und ich denke er hat erkannt, dass da einiges von ihm drinnen steckt.

F (Medium D): Wenn ich mich richtig erinnere, dann hast du die Story von Drive als die Geschichte eines Ritters beschrieben und Only God Forgives als griechische Mythologie. Wie würdest du The Neon Demon beschreiben?

NWR: Es hat eine sehr klassische Struktur. Ein Star wird geboren, so wie wenn Dorothy zu dem Zauberer kommt (Anm.: The Wizard of Oz). Nur ist Dorothy dieses Mal Gift. Allgemein steckt sehr viel von der Struktur eines Märchens in The Neon Demon. Sie sind sehr einfach erzählt und sie erzählen viel über Entwicklung. Und sie sind so rein, dass man sehr viel hineininterpretieren kann. Deshalb werden Märchen auch so gerne analysiert, weil es mehr um die interne Struktur geht und weniger um das, was du siehst.

F (Medium C): Du hast zwar gesagt, dass es in dem Film um Schönheit geht. Ich denke aber, dass es um Anerkennung geht. Würdest du da zustimmen?

NWR: Ich denke, das ist eine gute Analyse, aber ich bin mir sicher, dass jemand anderer etwas anderes sagen würde.

F (Medium A): Ich bin selber Filmstudent und Haneke ist mein Professor. Und die große Frage ist immer: Wie kann ich dem Film meinen eigenen Stempel aufdrücken, weil du eben Einzigartigkeit gesagt hast? Und wie hast du die großen Meisterwerke und Rollenmodelle ignorieren können?

NWR: Ich denke es ist normal, das man bei jeder Form von Kunst hineingeht und sich denkt, dass man in eine bestimmte Richtung geht, wenn man das macht, was andere bereits gemacht haben. Doch um wirklich Einzigartigkeit zu erreichen, muss man als erster alles versuchen, das falsch gehen könnte. Erst dann versteht man die Mechanik von Kreativität. Und am Ende läuft alles auf eines hinaus: Mach solche Filme, die du selber sehen möchtest. Denn das ist das einzige Element, das niemals von dir genommen werden kann. Und stelle die Norm immer in Frage. Und sag deinen Professoren, dass sie sich verpissen sollen.

F (Medium A): Das ist schwierig, wenn er zwei Palmen und einen Oscar hat.

NWR: Was zum Teufel soll das bedeuten?

F (Medium A): Ich weiß, was du meinst. Aber in dieser Branche herrscht enormer Druck.

NWR: Wieso? Wegen eines verdammten Awards? Wenn du willst gebe ich dir eine Flasche und du kannst es den „Nic Refn Award“ nennen und der wird an Menschen gegeben, welche die Zukunft der Möglichkeiten sind. Lass dich niemals von Autorität einschüchtern. Die bleiben dabei, was sie bereits kennen. Also gehst du da rein, haust mal alles um und sagst „Es ist das 21. Jahrhundert. Was ihr sagt, hat keine Bedeutung.“

Nicolas Winding Refn und unser Redakteur Hannes

Nicolas Winding Refn und unser Redakteur Hannes

Je mehr du die Gewalt sexualisierst, umso furchteinflößender wird sie.

F (enemy.at): Es war das erste Mal, dass du mit einer weiblichen Hauptdarstellerin gearbeitet hast. Wie war die Arbeit mit Elle Fanning und auch wenn es verrückt klingt, aber denkst du, dass der Film auch mit männlichen Darstellern funktioniert hätte?

NWR: Es wäre wahrscheinlich ein sehr langweiliger Film geworden, wenn es um einen Mann gegangen wäre. Das Thema „Schönheit“ ist mehr für Frauen. Es ist ihre Welt. Die ganze Fashion- und Schönheitsindustrie ist für Frauen gemacht. Also wäre es offensichtlich seltsam, wenn der Film von Männern handeln würde.

F (Medium D): Ich habe eine Frage zu der Gewalt in deinen Filmen: In einem Sommerkino, wo auch Familien mit ihren Kindern anwesend waren, wurde mal Drive gespielt und nach der Lift-Szene ist die Hälfte der Besucher gegangen.

NWR: Das will ich auch schwer hoffen. Ich wäre auch gegangen.

F (Medium D): Anders als die Gewalt von zum Beispiel Tarantino, ist die Gewalt in deinen Filmen so nervenzerfetzend. Die Szenen funktionieren so gut und sind unglaublich intensiv. Wie machst du das?

NWR: Vielen Dank. Je mehr du die Gewalt sexualisierst, umso furchteinflößender wird sie. Denn einerseits bist du darüber aufgeregt und andererseits findest du es abstoßend. Wenn du Gewalt wie in einem Cartoon darstellst, ist es zwar witzig, aber nach einer gewissen Zeit vorhersehbar. Aber wenn du es sexualisierst, dann spricht es das Unterbewusstsein an und so wird es furchteinflößender.

F (Medium C): Ich finde es interessant, weil es in The Neon Demon eigentlich mehr Gewalt von Frauen an Frauen gibt, als von Männern an Frauen. War das von Anfang an beabsichtigt, oder hat sich das langsam entwickelt?

NWR: Es hat sich mehr entwickelt. Besonders weil der Charakter von Jenna Malone perfekt durch Jenna Malone als Schauspielerin gezeigt wurde. Sie konnte diese Intimität und die Sexualität in der Gewalt so unglaublich gut darstellen. Als ich das in der Szene im Leichenschauhaus mit eigenen Augen sah, habe ich die letzte Hälfte des Drehbuchs komplett umgeschrieben und sie zum Antagonisten gemacht. Es wurde dann mehr zum Kampf zwischen Jesse (Elle Fanning) und Ruby (Jenna Malone).

F (Medium C): Also ist Ruby tatsächlich der Antagonist?

NWR: Es ist so aufgebaut. Aber eigentlich denke ich, dass Jesse das Gift ist und alle anderen ihr Opfer. Jesse nährt ihre Eifersucht. Jesse repräsentiert genau das, was alle so dringend wollen. Wenn das nicht gegeben wäre, dann würde es auch keiner wollen. Und Jesse weiß das und nutzt das auch.

F (Medium B): Weiß sie es von Anfang an, oder ist da eine Transformation?

NWR: Ursprünglich sollte sie sich transformieren. Aber ich habe dann ganz am Anfang etwas Spezielles hinzugefügt, was einem einen Hinweis darauf geben soll, dass sie so etwas schon einmal gemacht haben könnte. Darauf müsst ihr aber selber kommen.

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Ich mag es nicht, meine eigenen Filme zu sehen. Da fühle ich mich sehr unwohl.

F (enemy.at): Ich habe heute mit ein paar Models gesprochen, die auch bei der Premiere gesprochen und sie haben mir erklärt, dass der Film bis auf das Ende wahnsinnig realistisch ist. Vor allem der Castingprozess. Woher wusstest du wie das abläuft?

NWR: Jedes Mal wenn irgendwas mit dem Modelprozess war, habe ich Abbey Lee (Anm.: spielt „Sarah“ und ist selber seit Jahren Model) gefragt. Aber in Wahrheit kann man es schnell auf einen Wettbewerb herunterbrechen. Also bewundert werden und unter Druck stehen und solche Sachen.

F (enemy.at): Was ich an deinen Filmen so bewundere und eben in den Castingszenen so eine wichtige Rolle spielt, ist die Mimik der Darsteller. Es sind immer nur minimale Veränderungen, aber der Zuschauer versteht es völlig. Wie findest du die Schauspieler, die dazu fähig sind?

NWR: Ganz viel Casting. Und dann achtet man auf Details. Man schaut auf die kleinen Dinge und bittet die Schauspieler darum, weniger zu agieren und noch weniger. Und noch weniger. Und wenn es dann quasi gar keine Reaktion mehr gibt, dann siehst du erst was dahinter steckt. Das ist wahnsinnig schwierig für einen Schauspieler. Jeder kann lachen und schreien und weinen und sich am Boden herumwälzen. Aber alle Emotionen in sich behalten und das durchstehen, ist wahrscheinlich eines der schwierigsten Dinge, die ein Schauspieler oder eine Schauspielern machen können.

F (Medium C): Hast du die Reaktionen des Publikums schon gesehen. Also nicht online, sondern direkt im Kinosaal?

NWR: Ich mag es nicht, meine eigenen Filme zu sehen. Da fühle ich mich sehr unwohl. Es fühlt sich an, als würde man sich ausziehen und denkt sich dann „Das hätte ich jetzt nicht machen sollen.“

F (Medium A): Die Themen in deinen Filmen sind sehr menschlich und realistisch. Aber du gehst sehr hyperrealistisch darauf zu. Wie hältst du es mit der Realität in Filmen?

NWR: Ich denke, du solltest die Filmschule beenden, denn sonst wirst du verhungern. Wenn du Realismus willst, dann dreh die Nachrichten auf. Realismus verstecken ist eine interessante Art der Verwöhnung. Denn so wird alles unterschwellig und greift auf das Unterbewusstsein zu und füttert es. So wie ein Märchen hat es dann mehr Level der Interpretation. Realität ist da draußen. Wenn du es unbedingt nochmal dokumentieren möchtest…

F (enemy.at): Trotzdem möchtest du doch eine sehr realistische Gewalt. Du hast bei den Dreharbeiten zu Drive Gaspar Noé angerufen und ihn gefragt, wie er den Schädel in Irreversible zertrümmert hat. Ich liebe diese Szene, doch es ist mit Abstand das Brutalste, das ich je gesehen habe. Gleichzeitig magst du Splatterfilme. Wie schaffst du also so eine Gewaltkombination aus Realismus, Witz aus Splatterfilmen in dem man übertreibt, und romantisch bzw. sexuell?

NWR: Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wie ich das beantworten soll. Also ich habe kein Rezept dafür. Die Schädelzertrümmerung von Gaspar in Irreversible ist einfach so wunderschön designed. Alleine das Setting und die sexuelle Gewalt eines Mannes macht es umso schockierender. Es kombiniert zwei Urinstinkte des Mannes. Gaspar ist fantastisch. Ich mag seine Arbeit. Im Endeffekt kommt alles auf das Sexualisieren zurück. Ich habe persönlich Schwierigkeiten über Gewalt zu lachen. Also ich finde sie nicht lustig.

F (enemy.at): Nicht einmal Splatter?

NWR: Als ich 16 war und noch keine Freundin hatte, da natürlich schon. Es war lustig, weil es schockierend und provokant und so extrem war. Aber vielleicht liegt es auch nur daran, weil ich älter und langweiliger werde. Ich habe jetzt Kinder und mehr Verantwortung.

F (Medium C): Vielleicht fühlst du dich auch nur schuldig.

NWR: Da ist definitiv eine gewisse Schuld in einem, wenn man von etwas erregt wird, was in einem eigentlich ein unangenehmes Gefühl auslösen sollte.

F (enemy.at): Zum Abschluss: Was sind jetzt deine Pläne? Es gab Gerüchte über ein Remake von What have you done to Solange?

NWR: Ich besitze die Rechte dafür, aber ich persönlich werde kein Remake machen. Und ich produziere vielleicht ein Remake von Maniac Cop.

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