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In Hamburg sagt man Tschüss: Slime in der Arena

In Hamburg sagt man Tschüss: Slime in der Arena

Slime. Es gibt Bands, die begleiten eine ganze Generation oder führen sie an. Auch wenn diese Generation eine Nische ist. Slime waren definitiv eine dieser Kapellen, die zumindest meine Wenigkeit und mein Umfeld durch eine Generation getrieben haben: Die Jugend. Auch wenn deren Jugend schon lange wieder vorbei war. Aber auch heute noch, kurz vorm Dreißiger, schwingt man gern Parolen. Und manche dieser sind leider noch immer aktuell.

Die Arena ihres Zeichens, seit eh und je Anlaufstelle für Punks und Alternative, ist auch heut seit langem Mal wieder mit Punks gefüllt. Also Menschen, die zumindest von Weitem dem Punkfeld zuzuordnen sind. Lederjacken, Nieten, bunte Haare. Auf der Lederjacke ein Chaos Z Schriftzug, hier ein Hass-Leiberl, dort ein A.C.A.B.-Patch. Der Geruch von Blutpogo liegt schon vor dem Konzert in der Luft, die, im Gegenzug zu den Höhezeiten von Slime in den Siebzigern und Achtzigern nicht verqualmt ist. Die Bürokratie ist ein Hund.

Richtig die Fresse polieren

Den Anfang des Abends machen die Kölner Punks Outsiders Joy. Um ehrlich zu sein, habe ich den Namen noch nie gehört. Deutschpunk, mal schnell, mal langsam, aber immer dagegen. Die meisten ihrer Lieder wurden mit einem

Dieses Lied richtet sich gegen …

angesagt. NPD, AFD, Spießer, Nazis. Outsiders Joy wirken sympathisch. So richtig Stimmung ist noch nicht ausgebrochen, aber es wird schon ein wenig getanzt und mitgegrölt. Die Überraschung des Abends war das vorletzte Lied Nazischwein. Ein Song, den wir, die Pseudo-No-Future-Jugend des Spielplatzes Groß-Enzersdorf, rauf und runter gehört haben. Der ist gar nicht von WTZ. Der ist von Outsiders Joy. Man lernt nie aus.

Deutschland muss sterben

Slime starten mit dem längsten Intro, dass ich seit langem erlebt habe. Radio-Snippets, ein paar Gitarren, Durchsagen. Man versteht eigentlich kaum etwas. Eigentlich egal, denn sobald Dirk, Elf und die anderen Slimes die Bühne betreten ist Stimmung da. Was folgt: Ein eindreiviertel-stündiges Set mit fast nur Höhen. Den Anfang macht Schweineherbst – beim ersten Riff entwickelt sich ein Pogo. Sound Top, Band motiviert.

Das Set lässt wirklich wenig Wünsche offen. Alle gegen Alle, Untergang, Religion, Deutschland, Wenn der Himmel brennt, Störtebeker und was weiß ich. Nur recht wenig Songs von ihrem letzten Album. Da ist aber keiner böse. Irgendwann verließ Dirk die Bühne und Elf übernahm die Hauptstimme. Sie spielten einen Song von KFC. Großartig. Eine weitere Überraschung: Ein kleines Acoustic-Set im Set. Zwei Akustikgitarren und Dirk am Gesang. Sie spielen Zu kalt, Zweifel und Gewalt. Bei letzterem betritt die Band wieder die Bühne. Ein fließender Übergang von Altpunk-Romantik zur Pogo-Schlacht.

Leute mit tiefergelegten Autos und tiefergelegten Gehirnen.

Auch noch fast 40 Jahre nach Gründung von Slime sind sie dagegen. Immer wieder kommt das Thema auf, dass viele der Songs auch heute noch aktuell sind. Dirk richtet sich vor allem gegen die AFP aber auch gegen die FPÖ. Vor dem Song Linke Spießer bekritelt er ehemalige Genossen, Rebellen, die einmal etwas bewegen wollte und jetzt nur mehr in der Maschinerie des Systems gefangen sind. Sie seien eh noch auf der richtigen Seite, aber trotzdem zu konform.

Zum Beispiel euer Professor. Der ist so einer. Den muss man halt jetzt wählen, damit das andere Schwein nicht Präsident wird.

Auch englische Songs, abseits von der Schlachthymne A.C.A.B., haben es ins Set geschafft. Mit We Don’t Need The Army und Artificial spielen Slime zwei Songs der englischen Seite ihrer erster LP, die sehr an britischen Streetpunk der Siebziger à la Cockney Rejects oder Cock Sparrer orientiert ist. Slime sind mittlerweile schon in den ersten Zugaben, wo sie noch mal richtig schnelle Nummern raushauen. Während des ganzen Sets gabs Pogo, aber mit Maß und Ziel. Manchmal härter, manchmal softer. Blutpogo war es keins. Außer Atem war man trotzdem danach. Und irgendwann, dann war es auch schon wieder vorbei. Oder doch nicht?

In Deutschland wär’s jetzt vorbei. In Österreich und der Schweiz können wir jetzt noch einen spielen.

Ein klassischer letzter Slime-Song: Bullenschweine. Der Song wurde ist, wenn auch reichlich spät, in Deutschland verboten worden. Kurz danach wurde auch der Song Polizei SA/SS indiziert. Dafür feierten Bullenschweine in der Arena um so mehr Leute ab. Und dann war es endgültig vorbei. Während die Band die Bühne verlässt, dröhnt aus den Boxen Heidi Kabels In Hamburg sagt man Tschüss – Dutzende schunkelnde Punks im Publikum. In diesem Sinne, Tschüss.

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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