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Das Klettern in die Erinnerungskiste – Interview und Acoustic Session mit Paul Plut

Das Klettern in die Erinnerungskiste – Interview und Acoustic Session mit Paul Plut

Lieder vom Tanzen und Sterben

Ein kalter Keller im 8. Bezirk in Wien. Wir besuchen Paul Plut in seinem Wohnhaus, um eine Session mit ihm aufzunehmen und bewegen uns seit langem wieder einmal vom Dachboden in den Untergrund. Die Enge und die Dunkelheit passt zum Song, den Paul gemeinsam mit drei Mitgliedern des Schmusechors für uns spielt.

Trotz der Düsternis der Musik schwingt immer ein Funke Hoffnung mit. So ist es auch nur folgerichtig, dass wir uns nach der Aufnahme in Pauls Wohnzimmer wieder finden, Platten hören, Pizza essen und Bier trinken. Da man eine derartig private Platte aber doch nicht unkommentiert lassen kann, haben wir zum Video noch ein kleines Interview geführt.

„Es braucht schon ein wenig Überwindung, in diese alte Erinnerungskiste zu klettern.“ – Das Interview mit Paul Plut

Nach VIECH und MARTA schlägst du als Solo-Künstler nun eine ganz andere Richtung ein. Muss man älter werden, um sich seiner eigenen Geschichte zu stellen?
Paul:
Ich hab’ mich schon als Kind gern als alter Mann verkleidet. Es braucht schon ein wenig Überwindung, in diese alte Erinnerungskiste zu klettern. Die hat oft auch ein paar finstere Ecken. Und wenn man sich zu weit hineinlehnt, dann klappt womöglich der Deckel hinter dir zu. Eine gewisse Reife, die manchmal mit dem Alter kommt, schadet wahrscheinlich nicht, um sich immer wieder von diesen Gespenstern zu befreien.

Auf deiner Website steht: Düsterer Gospel im steirischen Dialekt. Die Pressebeschreibung spricht von einer Andacht. Der Song „Vota“ handelt direkt vom Verlassenwerden von Gott. Bist du gläubig?
Paul: Sehr – aber Gott wäre das allerletzte, an das ich glauben würde. Religion und Mystik werfen für mich einige spannende Parallelen zur Musik auf. Deshalb bezeichne ich meine Konzerte auch hin und wieder als “Andacht”. Man kommt zusammen, um gemeinsam etwas zu erschaffen bzw. zu erleben, das man weder anfassen noch sehen kann. Im Idealfall kippt man dabei gemeinsam in eine Art Trance. Auf den Liedern vom Tanzen und Sterben finden sich viele solcher Referenzen, vom Gesang des Muezzins über den Drehtanz der Derwische bis hin zum gemeinsamen Klatschen und Singen des Mantras in Vota.

Im Video zu Lärche greifst du ebenfalls religiöse Themen auf, inszenierst sie neu und setzt sie in den Kontext eines Bergmassivs. Das Video ist dunkel, verstörend, wiederholt sich. Es ist eigentlich ein Anti-Heimatvideo, das genau die Schönheit der Natur, die in Reiseführern immer angepriesen wird, verzerrt. Warum kann Schöne manchmal so hässlich sein?
Paul:
Lärche hat den Tod zum Thema, der ist ja nicht zwingend ein religiöses Motiv. Wenn ich an “daheim” denke, dann als allererstes an das Haus meiner Großmutter, eine Schlosserei in Ramsau am Dachstein. Wenn du aus dem einen Küchenfenster schaust, siehst du das gewaltige Bergmassiv. Mein Onkel und mein Großvater sind beide beim Bergsteigen sehr jung ums Leben gekommen. Wenn du aus dem anderen Fenster schaust, siehst du den Wald, die “Buachn”, wo meine Oma jeden Tag spazieren geht. Als ich noch klein war, haben ein paar Jugendliche aus der Nachbarschaft dort gefeiert und vergessen, vor dem Schlafengehen die Kerzen auszublasen. Unsere ganze Welt ist ein riesengroßer Friedhof. Das macht sie aber noch zu keinem Ort der Traurigkeit.

Diese Dichotomie von Tod und Tanz behandelst du schon im Albumtitel. 
Paul: Genau. Dabei betrachte ich diese zwei Begriffe nicht zwingend als inhaltliche Gegensätze, eher als zwei Pole derselben Achse. Hier Bewegung, Tanz, Ekstase, dort Ruhe, Stillstand, Tod. In Mexiko gibt es den “Día de los Muertos”. Dafür tanzen rund um Allerseelen die Lebenden auf der Straße um ihrer Toten zu gedenken. Ich mag diese Vorstellung.

Du hast also keine Angst vorm Ende?
Paul: Nein.

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