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Jennifer Rostock – Genau in diesem Ton

Jennifer Rostock – Genau in diesem Ton

Das mittlerweile fünfte Album Genau in diesem Ton von Jennifer Rostock wird am 9. September veröffentlicht. Gleich vorweg: Die Scheibe befasst sich mit feministischen und gesellschaftspolitischen Themen und die Band nimmt sich kein Blatt vor den Mund. Die momentane Situation in Europa und Sexismus werden sehr kritisiert. Wer das nicht aushält, sollte das Browserfenster gleich wieder schließen und das Album gar nicht erst anhören.

Darum steigen wir in die CD Review auch gleich mit Song Nummer 6 ein: Hengstin ist definitiv mein absoluter Favorit des Albums! Der Track befasst sich mit Sexismus und der Meinung, dass Frausein bedeutet, das schwächere Geschlecht zu sein. Jennifer Rostock setzen sich mit Stereotypen und typischen Frauenbildern auseinander. Vor allem wird darauf aufmerksam gemacht, dass im Musikbusiness hauptsächlich Männer dominieren und sehr wenige weibliche Künstlerinnen zu finden sind. Hengstin – eher von Rap/Hip Hop angehaucht – hat mich in einen ‘instant rage for 10 minutes straight’ über die ganze Ungerechtigkeit Frauen gegenüber versetzt und eine zwanzigminütige Diskussion zwischen meinem Freund und mir angeregt (positiv: er denkt wie ich).

Ich glaube nicht, dass mein Körper meine Waffe ist. Ich glaube nicht, dass mein Körper deine Sache ist!

, ist klar genug und sollte jedem zu verstehen geben: My body is not your fucking business also halt doch bitte die Fresse. Andauernd kann man sich als Frau anhören, wie man sich zu benehmen, zu kleiden, zu reden hat. Der Song spricht mir aus der Seele und wird sofort zu meiner Hymne erklärt (ich warte auf die “Feminazi”-Kommentare).

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CD Cover zu „Genau in diesem Ton“

 

Neben der Aussage geht der Song auch noch unheimlich schnell ins Ohr. Ein weiterer Ohrwurm, den viele Menschen anscheinend nicht verstanden haben, ist Irgendwas ist immer. Leute, in diesem Song geht’s um euch – um Personen, die ständig an jeder Kleinigkeit etwas auszusetzen haben und dauernd jammern. Aber egal, der Song ist auch geeignet zum Tanzen und Shaken bis zur Ekstase. Es folgt Baukräne, ein Lied im typischen Stil der Band. Sie erinnert mich ein bisschen an die Platte Mit Haut und Haar (3. Album).

Der Opener Uns gehört die Nacht ist ein KBAG 2.0 mit einem sehr verstörenden Video. Aber ich find es großartig! Ein weiterer Song, der mich wie verrückt tanzen und lauthals mitsingen lässt! Vom Video könnt ihr euch übrigens selbst ein Bild machen:

 

Wir sind alle nicht von hier (Lied 4) spricht endlich die Flüchtlingspolitik an. Wir sind doch alle nur Menschen, Pässe sagen nichts aus. Der momentane Rechtsruck in Europa ist furchtbar und eigentlich nicht tragbar. Jennifer Rostock vergleichen Europa mit einem Schrebergarten – eingezäunt, in einer eigenen Blase. Die Band sagt schon richtig: Wir teilen uns die Welt, teilen wir doch auch ein Bier; so schließt man doch schlussendlich die besten Freundschaften, oder?

Ah, und wieder ein Song, der mich total anspricht: Neider machen Leute (oh Gott ich liebe das Wortspiel!) erinnert stark an Kopf oder Zahl. Die Wahl-Berliner beschweren sich über Medienberichte, die sich immer irgendwie das Maul über die Band zerreißen (z. B. der Artikel der BILD über Jennifers Brüste). Dauernd bekommt die Band einen Shitstorm wegen Nichts. Am besten gefällt mir die Zeile

Kann man liken, kann man lassen.

Eben, wenn man nix Nettes zu sagen hat, einfach mal leise bleiben. Man kann sachlich diskutieren, keine Frage. Aber muss man sich wirklich beleidigen lassen? Ich denke nicht.

Eine weitere Perle bekommen wir mit Silikon gegen Sexismus (Nr. 9) vor den Latz geknallt. Nackte Haut bei Frauen ist verpönt, man wird schnell als Schlampe bezeichnet – andererseits wird man auch nur auf seinen Körper reduziert. Bei Jennifer ist man anscheinend der Meinung, sie könne nur ihre Titten zeigen und sonst nichts (again: Danke, BILD). Oder, wenn man sich teilweise die Kommentare auf Instagram oder Facebook durchliest, könnt einem das Kotzen kommen. Just in: Nur weil man sich freizügig gibt und seinen Körper gern hat (Hilfe, wie kann man nur?!), kann man erstens trotzdem intelligent sein und zweitens gibt das keinem das Recht, garstige oder beleidigende Kommentare abzulassen. Genau das sagt der Song aus. (Ich schwör: Meine Ohren sind schon ganz heiß und mein Gesicht gleicht dem Tomaten-Filter von Snapchat.)

 

Ab und an lassen es Jennifer Rostock auf Genau in diesem Ton auch ruhiger angehen: Deiche (Track 8) ist ein langsamer, träger Song, der einem aufs Herz drückt und einen sofort in den ersten, richtigen Herzschmerz zurückversetzt. So auch mit Jenga (Lied 12). Ihr kennt doch das Spiel mit den Holzblöcken, bei dem ein Spieler nach dem Anderen einen Block herausziehen und wieder oben drauflegen muss, ohne dass der Turm umfällt?! Jennifer Rostock machen daraus eine Metapher für eine zerbrochene Partnerschaft. Bei diesem Song will ich mich sofort in eine Decke einwickeln (einen Burrito aus mir machen), Rotwein trinken und Rotz und Wasser heulen. Man wird dabei einfach unheimlich traurig.

Fazit

Die Band hat sich mit Genau in diesem Ton auf ein heiß diskutiertes Terrain gewagt und wird damit für viele Diskussionen und Streitereien sorgen. Ich kann jetzt schon sagen, dass das bis jetzt mein Lieblingsalbum von 2016 und generell von immer ist. Endlich wieder mal Künstler, die das sagen, was sie sich denken und wie ihnen der Schnabel gewachsen ist! Man hört immer wieder, dass Politik und Musik sich nicht vereinen lassen, aber Jennifer Rostock beweisen mit der neuen Scheibe genau das Gegenteil. Mir gefällt vor allem die Tatsache, dass Personen mit einer großen Reichweite das aussprechen, was sich viele denken und vielleicht auch einige zum Nachdenken anregen.

Jennifer Rostock ist halt eine Gruppe reflektierter Menschen, die mit ihrer Musik Probleme aufgreifen und massentauglich präsentieren. Außerdem geht die Scheibe auch sehr gut ins Ohr und man kann zu den meisten Songs gut abgehen.

Jennifer Rostock – Genau in diesem Ton

Für Fans von: Großstadtgeflüster, Heisskalt
Four Music Productions
VÖ: 09.09.2016
Gesehen um € 17,9910punkte-cd-review_neu

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Doris Arnusch
Reps for Jesus!
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