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Kurzer Prozess: Flag & Negative Approach in der Arena

Kurzer Prozess: Flag & Negative Approach in der Arena

Wenn der Schweiß von der Decke tropft, zwei Bands in knappen zwei Stunden den Großteil ihrer Diskografie runterklopfen und auch noch mit 60 Jahren abgehen wie weiß der Teufel was. Ja dann liebe Leute sind 80s Hardcore-Bands in der Stadt. Nämlich niemand geringerer als Flag (die sich aus rechtlichen Gründen nicht Black Flag nennen) und Negative Approach. Und wo könnten diese Formationen besser auftreten als in der Arena. Immerhin haben sich Black Flag im selben Jahr gegründet, wie die Arena besetzt wurde. Am 08.08.16 war es so weit.

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Empörung: Was ist das für 1 Punk?

Ein paar Tage vor dem Spektakel: Empörung. Anscheinend wurden zu wenig Tickets verkauft – und das bei der Hardcore-Punk Legende schlechthin. Vielleicht lag es daran, dass die Formation ums einzige konstante Black Flag-Mitglied Greg Ginn, die vor 2-3 Jahren in der Arena war, eher mittelmäßig war. Es wirkte eher wie eine Promo für seine eigentliche Band, die sich von seiner Black Flag Reunion nur um eine Person unterschied. Vielleicht auch, weil es Montag war. Oder aber, vielmals im Internet gelesen, die Entsetzung: Was ist das für 1 Punk? 25 Euro für ein Flag Konzert. Naja kommt schon. Das könnte eine Once In A Lifetime Geschichte sein – das sollte den Fans schon wert sein.

Es ist 21:00 Uhr, draußen knappe 30 Grad. Beim Betreten der kleinen Halle: eine Watsche. 40 Grad. Die Halle ist gut gefüllt – Negative Approach starten. Sie klopfen ihr Set im wahrsten Sinne des Wortes runter. Ein Lied nach dem anderen – meist nicht mal genug Pause um zu applaudieren. Sänger John Brannon steht die Wut ins Gesicht geschrieben. Ein richtig bierernster Gesichtsausdruck. Aber es klopft. Und zwar zackig. Brannon zerschreit im wahrsten Sinne des Wortes das Mikrofon. Kein Ausblick auf Clean Vocals. In knappen 50 Minuten ist das Spektakel auch schon wieder vorbei. Für meinen Geschmack etwas zu viel Geschrei. Ich erinnere mich an die Negative Approach Debüt CD und bilde mir ein, dass es mit dem Alter schon rauer geworden ist.

Reichlich durchnässt startet die Meute nach draußen. Es wurde zwar nicht viel getanzt und geschlagen, aber geschwitzt. Man plaudert im Hof. Was die Arena in Sachen Old Skool Punk und Hardcore dieses Jahr schon einfangen konnte, ist grandios. Gorilla Biscuits im März. Dag Nasty im April. Adolescents und T.S.O.L. im Juli. Flag im August.

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Die fünf Flags betreten die Bühne. Kurz zur Aufklärung für all jene, die noch vor Ort waren. Die Band Flag besteht derzeit aus Keith Morris (Gesang, Dreads), Chuck Dukowski (Bass), Bill Stevenson (Schlagzeug), Dez Cadena (Gitarre & Gesang) sowie Descendants-Freund Stephen Egerton. Alle zusammen schon einiges auf dem Buckel. Sowohl musiktechnisch als auch alterstechnisch. Keith Morris‚ Dreads streifen fast am Boden. Flag starten mit Revenge.

It’s not my imagination! I’ve got a gun on my back!

Und schon wird draufgeposcht. Gleich im Anschluss Fix Me. Eins kann man sagen, die Herren wissen, wie man Stimmung macht. Denn im Endeffekt waren es 60 Minuten Hits, Hits, Hits. Es wird leicht getanzt. Spätestens bei Depression geht es aber rund. Flag haben Power. Richtig Power. Die Musiker sind teilweise 60 Jahre alt, geben jedoch Gas wie wenn es 1979 wäre und sie gerade mit der EP Nervous Breakdown Hardcore-Geschichte schrieben. Das Set ist großartig. Wasted, Gimme Gimme Gimme, Police Story, Rise Above und und und. Man spürt wahrlich die Liebe im Raum. Die Liebe und die Wut, die man bei der Musik von Flag entwickelt. Auch Keith Morris hat selten einen Grinser im Gesicht. Viel mehr springen ihm vor Wut die Augen raus. Es wird getanzt, gesprungen, geschlagen, auf der Crowd gesurft – alles was es für ein gutes Pit braucht.

 

Für ein paar Lieder übernimmt Dez Cadena das Mikrofon. Der Kehlkopf-Krebs-Survivor schreit sich alles aus dem Hals, was er hat. Erst bei den Ansagen hört man die Angeschlagenheit seiner Stimme. Mittlerweile tropft es Kondenswasser von der Decke der kleinen Halle. Der Boden ist rutschig, die Menschen verschwitzt – viele haben bereits ihre Shirts und Hemden ausgezogen. Man klebt, klebt, klebt – egal, in welche Richtung man sich bewegt.

Es geht langsam dem Ende zu: Nervous Breakdown. Louie Louie. Sie verlassen die Bühne. Die „One more Song“-Chöre des Publikums lassen sie kalt. Sie kommen nämlich zurück und Keith Morris sagt, dass er auf „One more Song“ scheißt und gleich „three more songs“ spielt. Oder waren es zwei. Es war schon spät. Zum Schluss gibt es noch eine kurze Ansprache:

Fuck Greg Ginn. Fuck Greg Ginn. I mean. You don’t get it? He is accountable for this Shit. For Black Flag. You get it?

Keith Morris ist bekanntlich kein Fan von Greg Ginn. Mitunter ein Grund: Der Streit um die Rechte von Black Flag. Er ergänzt:

You know what we are doing? What you are doing? Keeping the legacy of Black Flag alive.

Fazit

Die Show von Greg Ginns Black Flag und Flag kann man einfach nicht vergleichen. Aber wenn man müsste, würde ich mir noch 100 mal Flag anschauen, bevor ich mir noch einmal Black Flag anschaue. I don’t care.

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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