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Mein erstes und letztes Mal: Black Sabbath in der Stadthalle

Mein erstes und letztes Mal: Black Sabbath in der Stadthalle

Einmal in 47 Jahren muss man da wohl durch, damit man seinen Kindern nachher erzählen kann: „Ja natürlich habe ich Black Sabbath gesehen. Ja natürlich waren sie da gerade in ihrer Blütephase. Ja natürlich war das das legendäre Konzert ausm 16-Jahr. Ja natürlich war es super! Und ja natürlich haben wir damals noch mit Euro gezahlt!“ Einen anderen Grund, wieso ich gestern das Black Sabbath Konzert in der Stadthalle besucht habe, will mir einfach nicht einfallen. Aber eins nach dem anderen… Es hat sich folgendermaßen zugetragen.

Lesehinweis: Für uns, enemy.at, ein kleines Onlinemagazin am Magazinen-Sternehimmel, ist es manchmal nicht so einfach, auf Konzerte zu kommen. Also auf die von den ganz Großen. Unser Fotograf musste diesmal leider draußen bleiben. Als Ersatz gibt es Handyfotos. Sind nur leider „etwas“ unterbelichtet.

Währing, 18:30, 28 Grad. Stau am Gürtel. Keine fünf Meter gefahren und wir stehen. Ich sitze alleine im Auto. Es ist ein kirschrotfarbener Peugeot 1007. Er gehört eigentlich meiner Mutter, aber ich hab in den letzten paar Wochen immer brav aufgepasst in der Schule und durfte es somit ausborgen, um mir Black Sabbath anzuschauen.  Aus den Boxen dröhnt laut „Ooooh! One more time with feelings“. Ich merke – Ich bin großer Regina Spektor Fan.

Rudolfsheim-Fünfhaus, 19:30, noch immer 28 Grad. Ich brauchte nur eine Stunde über den Gürtel, um jetzt endgültig im Verkehrschaos zu stecken. Eine Szene für Götter. Zehn Polizisten, 20 Autos, eine Rettung, die sich über den Gehsteig durchzwängt. Ich parke mich an einen Randstein und gehe durch den Park vor der Stadthalle. Tausend Menschen sitzen hier, stehen, trinken Bier und pissen in die Büsche. 997 davon sind schwarz angezogen. Sie haben Bärte, keine Bärte, große, kleine Brüste, Röcke wie Gürtel, Stiefel wie Elefantenrüssel. Die restlichen drei Menschen sind drei kleine Mädchen, die auf rosa Kinderfahrrädern durch die Heavy Metal-Hochburg fahren. Auf ihrer Fahrt durch die Menge aus (für Kindersicht) düstere Gestalten, bleibt jedoch eines auf der Strecke: Vorurteile.

Alle amüsieren sich köstlich. Dort dröhnt es AC/DC aus den Boxen, daneben Black Sabbath. Die dritte Bose-Box bietet Machinehead. Ein leichter Geruch von Leder liegt in der Luft. An der Vorband Rival Sons dürften sich nicht all zu viele Leute ergötzen. Ich schließe mich ihnen an.

Tausend Metal-Fans vor der Stadthalle Wien am Feiern. (c) Robert Ziffer-Teschenbruck

Tausend Metal-Fans vor der Stadthalle Wien am Feiern. (c) Robert Ziffer-Teschenbruck

 

Stadthalle, 20:30, gefühlte 45 Grad. Ich betrete das Parterre Nord. Überall schwimmt es. Schon vor Konzertbeginn können viele Leute nicht mehr ihr Bier halten. Ein Blick durch die Menge: Das Publikum ist gemischt. Von alt bis jung, männlich, weiblich. Glatze, Haare bis zum Arsch. Eines haben sie gemeinsam: Sie wollen Black Sabbath sehen. Nachdem ich mir noch eine Käsebrezel of Death reingestellt habe, geht es auch schon los. Ozzys Stimme ertönt aus dem Off.

I can’t fucking hear you!

Naja. Sein halbes Leben bei Black Sabbath zu spielen ist sicherlich nicht fördernd für das Gehör. Auf einer großen Leinwand startet ein Film. Man sieht die Geburt des Antichrists. Des Teufels. Oder irgendeinem anderen Fabelwesen, das in dieser Szene hohes Ansehen hat. Es ist vorbei. Die Leinwand verschwindet in der Decke und Black Sabbath stehen auf der Bühne. Fucking Black Sabbath! Jetzt merke ich erst, was das bedeutet. Hier. Legenden. Die Begründer des Heavy Metals. Und ich bin einer von wenigen (einer von Tausend, Hunderttausend, Millionen, Multimillionen), die das jemals miterleben durften. Zumindest ein letztes, erstes Mal.

Die Menge schreit. Tausende Hände strecken sich in die Höhe. Sie zeigen die Hörner des Teufels. Oder das internationale Zeichen für „Einen Wodka bitte. Zwei Fingerbreit“. Die Show beginnt mit dem Song Black Sabbath. Ein wenig ein Downer. Der Menge gefällt’s. Auf einem riesigen Bildschirm hinter der Band sieht man die Band etwas größer. Darüber gelegt: Witzige Videoeffekte. Ich speichere es als „bröckelnde Sinnesüberreizung“ ab und schaue, ob ich mit meinen 1,72 nicht doch Ozzy in die Augen blicken kann. Jedoch sehe ich vor allem nur eins: Hinterköpfe. Und eine süße, rothaarige Dame neben mir. Ich verbringe das halbe Set damit, zu überlegen, ob ich sie anspreche. Es reißt mich. Scheiße. Habe ich gerade das halbe Konzert verpasst. War Pigs ertönt. Es ist alles gut.

Ozzy Osbourne schreit sich sichtlich die Seele aus dem Leib. (c) Robert Ziffer-Teschenbruck

Ozzy Osbourne schreit sich sichtlich die Seele aus dem Leib. (c) Robert Ziffer-Teschenbruck

 

Black Sabbath machen einem die Hölle warm. Also es ist warm. Sogar heiß. Aber eins muss man sagen. Der Sound ist perfekt. Ich war selten auf Konzerten in der Stadthalle. Aber es ist perfekt. Das Bassspiel von Geezer Butler (der in „Echt“ noch mehr wie Sexmachine aus From Dusk Till Dawn aussieht) slappt einem richtig ins Herz, so das sich alle verstopften Arterien wieder öffnen. Tony Iommi reißt ein paar Solis runter, als wäre er gerade erst 28. Dass ich das mit 28 noch miterleben darf, großartig. Der Sound ist sogar so perfekt, dass man hört, wie Ozzy sich die Seele aus dem Leib schreit und ab und an sogar einen richtigen Ton trifft. Metal, oida! Scheißegal. Es rockt. So richtig mitgerissen sind die Leute aber nicht. Sie wandeln von einem Fuß zum Anderen. Links von mir gibt es zwei Headbanger. Das war’s.

Wir nähern uns langsam dem Ende des zweiten Drittels zu. Ozzy braucht eine Pause. Tony und Geezer auch. Nur Tommy Clufetos, der etwas jüngere Schlagzeuger, bleibt und unterhaltet die Meute mit einem acht-minütigen Schlagzeugsolo. Ich bin begeistert. So wie alle anderen. Die Stimmung ist jetzt plötzlich am Brodeln. Die restlichen Bandmitglieder kommen zurück und versuchen die Stimmung zu halten. Es gelingt. Dem Teufel sei dank haben sie nämlich gleich Iron Man nachgeworfen. Es wird langsam getanzt.

Geezer Buttler, wie er gerade das größte Bass-Solo seiner Karriere spielt. (c) Robert Ziffer-Teschenbruck

Geezer Buttler, wie er gerade das größte Bass-Solo seiner Karriere spielt. (c) Robert Ziffer-Teschenbruck

 

Es folgen Dirty Woman und Children of the Grave, der vorerst letzte Song des Abends. Ich würde jetzt nicht von einem Grande Finale reden. Es ist vorbei. Applaus. Schreie. Gestampfe. Wie lang werden sie sich bitten lassen. Langsam beginnt die Meute mit den „Sabbath“-Rufen. Plötzlich hört man Ozzy aus dem Off

Let me hear you scream „one more song“!

Yes, Sir. Dann machen wir halt das. Black Sabbath kommen zurück und peitschen uns Paranoid ins Genick. Links von mir entsteht das erste Pogo des Abends. Zumindest in meinem Umkreis. Drei Typen mit langen Bärten, Glatze und einem Grinser von hier bis zur Sleeping Village. Die meiste Zeit liegen sie am Boden und suhlen sich im Biermatsch. Aber ich sehe an der Freude in ihren Gesichtern, dass sie, die drei die sich trauten ein Pit zu eröffnen, heute mit einem anderen Gefühl aus dem Saal gehen, als ich. Mit diesem Gefühl, das ich gern meinen Kindern geben würde, wenn sie mich über das damalige legendäre Black Sabbath Konzert im 16er-Jahr fragen. Das Gefühl, dass man „das war eins der besten Konzerte, die ich je gesehen habe, YOLO“ nicht sagen muss, sondern es ihnen mein Gesichtsausdruck sagen würde.

Das Konzert von Black Sabbath ist zu Ende. Nur eine Zugabe. Insgesamt 14 Lieder, alle aus den 70ern. Kein Sabbath, Bloody Sabbath. Das quasi perfekte Ende für das Ende. Nun gut. Ich zwänge mich durch die Menschenmassen. Ich schwimme mit dem Strom Richtung Ausgang. Am Weg dorthin schießen jedoch nur zwei Fragen in meinen Kopf. Soll ich mir noch eine Brezel reinstellen? Nein. Wieso gehe ich eigentlich nicht öfters auf Metal oder Hardrock Konzerte? Aja stimmt. Es ist mir schlichtweg zu langsam für harte Musik.

Photos: (c) Robert Ziffer-Teschenbruck | enemy.at

 

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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