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Melt! Festival 2016 – My Heart Belongs To You

Melt! Festival 2016 – My Heart Belongs To You

Es gibt Festivals, da ist man schnell wieder fit. Und es gibt Festivals, da dauert die Regenerationsphase etwas länger. Das Melt! Festival in Ferropolis im sonst verschlafenen Dörfchen Gräfenhainichen zählt zu den Letzteren. Ob sich die Reise nach Deutschland gelohnt hat, wie unser Trip mit Tame Impala war und warum wir seit dem Festival Albträume vor weiblichen Geschlechtsteilen haben, lest ihr hier.

An Austrian’s Guide to Melt! Festival

Flair: Die Stadt aus Eisen

Schon beim Eingang wurde klar, dass sich die Veranstalter einiges für die Besucher überlegt haben: Für die Anreise aus Amsterdam konnte man sich so etwa im Vorfeld einen Platz im MiXery Melt! Train reservieren. Zwischenstopps gab es unter anderem in Köln, Düsseldorf, Hannover oder Magdeburg. Der am Campingplatz abgestellte Zug diente für die Reisenden gleichzeitig auch als Schlafplatz. Für uns ging es etwas umständlicher per Bus/Flug/Autostopp/Taxi (in dieser Reihenfolge) über Berlin aufs Gelände. Dort angekommen schlug einem die Internationalität des Festivals entgegen: Angesprochen wurde man oft aus Englisch, da viele Besucher aus Holland, England oder Irland angepilgert kamen.

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(c) Markus Füxl

 

Obwohl die Pforten zum Bühnengelände erst am Freitag geöffnet wurden, bespielten schon am Donnerstag die ersten DJs den Sleepless Floor direkt vor dem Eingang. Der Name ist Programm: Ohne Pause konnten Partywütige rund um die Uhr für drei Tage der Dauerbeschallung frönen. Dass dabei gerade an den letzten zwei Tagen in den Vormittagsstunden einige Zombies verirrten, ist keine Überraschung. Die Legenden um diese Bühne bezeugten etliche Shirts der Besucher. Besonderes Schmankerl: „Ferropolis hat angerufen. Du sollst deine Mutter vom Sleepless Floor holen.“

Wenn man sich die Besucher etwas genauer ansah, ist der oft gängige Vergleich des Melt! Festivals mit dem Coachella nicht ganz falsch: Genau nach dem Vorbild im amerikanischen Coachella Valley haben hier einige Besucher den Weg: Zelt <-> Bühnen mit dem Laufsteg in Mailand verwechselt. Es gab aber auch modische Fehltritte: So fielen uns überdurchschnittlich oft Besucher im UdoJürgens-Style (weißer Bademantel) oder ganze Gruppen mit bunten Propeller-Kappen auf.

Die Bands: Überragende Disclosure, grottige Peaches

Wichtiger als modische Unzulänglichkeiten war uns aber natürlich das Line-up. Und das zog auf voller Linie. Erstes Highlight an Tag eins waren die französischen M83 („eighty-three“ oder „quatre-vingt-trois“?). Vor einer gut gefüllten Melt! Stage bekam man in der Menge bei Hymnen wie Midnight City oder Outro Gänsehaut am ganzen Körper. Ebenfalls am ersten Tag spielten uns Tame Impala in ein psychedelisches Delirium. Musikalisch und optisch fand sich die Band um Sänger Kevin Parker ausgezeichnet zwischen die bunt beleuchteten Bagger ein. Parker selbst trippte beim Anblick einer der beiden Absetzer ein wenig:

This dark sleeping giant is beautiful.

Es fehlte uns nur mehr ein „woah“ und „double rainbow all the way“. Bis auf einen kleinen Durchhänger gegen Mitte des Sets und einem unnötig überlangen Gitarrensolo waren an diesem Abend aber auch Tame Impala zum Staunen schön.

Tame Impala

Tame Impala
(c) Markus Füxl

 

Der zweite Tag stand musikalisch ganz im Zeichen von nostalgischen Jugenderinnerungen. Dazu zählte etwa der Auftritt der ewig jung gebliebene Indieband Two Door Cinema Club, die aktuell mit neuem Album in den Startlöchern stehen. Mehr als das neue Material wurden allerdings ihre zuckersüßen Evergreens, wie Undercover Martyn, Sun oder Something Good Can Work, gefeiert. Die Band beschränkte sich in ihren Ansagen und Zwischenreden sehr, was zu einer übervollen Setlist (19 Songs!) führte. Was sich Sänger Alex Trimble allerdings mit seiner neuen Frisur à la Thom Yorke gedacht hat, wissen wir leider auch nicht.

Ebenfalls fett gefeiert wurde Deichkinds überbordende Bühnenshow. Gleich zu Beginn nahm es zu Denken Sie Groß die Electropunk-Formation wörtlich und tanzten mit übergroßen Gehirnen auf den Köpfen durch die Reihen. Leider Geil!

Deichkind

Deichkind
(c) Markus Füxl

 

Absoluter Headliner auf dem Festival war am letzten Tag das Brüderpaar Disclosure. Die Fläche vor der Melt! Stage war brechend voll, selbst im VIP-Zelt war zu dem Zeitpunkt fast kein Durchkommen mehr. Mit ausgeklügelten Visuals und einer überragenden Inszenierung begeisterten die Brüder aus Großbritannien mit ihrem Mix aus vorproduzierter Musik und live gespielten Instrumenten. Schade, dass der letzte Act des Abends der beiden Hauptbühnen, Tiga, im Anschluss die Massen in diesem Umfang nicht vor die Medusa Stage locken konnte.

Als große Enttäuschung stellten sich die Auftritte von Chvrches und Peaches heraus: Obwohl Chvrches auf Platte hervorragend klingen, hatten wir live nach einer guten halben Stunde genug von Lauren Mayberrys zuckersüßen Stimme, die uns hier und da dann doch zu zerbrechlich war.

Peaches

Peaches
(c) Markus Füxl

 

An alle Peaches-Fans, bitte versteht mich nicht falsch! Ich will sie ja gut finden, aber es geht beim besten Willen einfach nicht. Die knallbunte Stripteaseinszenierung mit „Crowdwalking“-Einlage („Jesus walked on water. Peaches is going to walk on you“) geht ja noch in Ordnung, aber bei den tanzenden Vaginen wurde es uns dann doch etwas zu viel und wir verzogen uns nach hinten zum Bierstand.

Mit etwas mehr Fingerspitzengefühl für das Bunte-Hund-Image ging da noch der Newcomer Drangsal an den Start. Max Gruber, der hinter dem Künstlernamen steckt, war sich seiner musikalischen Außenseiterrolle in dem doch elektronisch dominierten Festival bewusst und kokettierte keck mit gängigen Klischees der EDM-Szene:

Raver tragen doch Windeln, damit sie länger durchtanzen können, oder? Das probieren wir jetzt auch.

Die Coverversionen von Lady Gagas Paparazzi und Metallicas For Whom The Bell Tolls waren dann so absurd komisch, dass Drangsal unsere Herzen im Sturm eroberte.

Drangsal

Drangsal
(c) Markus Füxl

Pornos als Rahmenprogramm

Abseits der ganzen Musik bot das Melt! Festival viele Facetten. Auf der #wearemeltstage am Campinggelände konnte man etwa am Vormittag Yoga machen. Entspannter konnte man seinen Restalkohol zu einer Comedy- und Zaubershow verdauen, diese beiden Punkte waren aber dann doch eher ein Griff ins Klo, denn der Comedian wollte eigentlich Vexillologe, und der Zauberer eher Comedian sein. Zum Zeit totschlagen taten es die beiden aber allemal.

Auch am Bühnengelände selbst gab es einiges zu bestaunen: Beim Bowie-Talk war David Bowies Toningenieur Eduard Meyer zu Gast und erzählte aus seiner Zeit mit dem Musikgenie. Im neu errichteten Forest wurde außerdem ein Freiluftkino errichtet, das mit Kurzfilmen aus dem Pornfilm Festival bespielt wurde.

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(c) Markus Füxl

Fazit

Wer keinen Bock mehr auf die Toten Hosen am Nova Rock hat oder wer jederzeit zwischen elektrischer Musik und Indiemusik wechseln möchte, anders als es auf dem Frequency Festival mit Day- und Nightpark der Fall ist, der findet vielleicht am deutschen Melt! Festival sein eigenes musikalisches Valhalla. Glück auf, Ferropolis!

Photos: (c) Markus Füxl

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