Home   /   Live Reviews  /  Musik  /   Noel Gallagher’s High Flying Birds- Gasometer Wien

Noel Gallagher’s High Flying Birds- Gasometer Wien

Noel Gallagher’s High Flying Birds- Gasometer Wien

Schon beim Ausstieg der U3 Station Gasometer wurde schnell klar, für wen die Wiener Massen zu den ehemaligen Gasbehältern pilgerten. Ganz alleine stand er da und spielte eine reduzierte Grunge-Version von Champagne Supernova. Ein paar Fans warfen ihm sogar einige Euro in den Beutel. Vielleicht fühlte sich der namenlose Straßenmusiker in dem Moment sogar wie Noel Gallagher vor über 25 Jahren. Vorfreude auf das Original bereitete er den vorbeiziehenden Fans auf alle Fälle.

In der Halle angekommen musste man erst einmal mit der amerikanischen Vorband Augustines Vorlieb nehmen. Beziehungsweise „durfte“, denn das was die drei Herren aus Brooklyn fabrizierten, war sehr ordentlich. Man merkte der Band ihre Passion für treibende Rockhymnen an, Sänger und Gitarristen Billy McCarthy war die Freude über die eingefleischten Fans am Bühnenrand deutlich anzusehen. Die ambitionierte Performance forderte relativ schnell ihren Preis, und so rann ihm der Schweiß nach den ersten Nummern in Bächen von der Stirn. Leid tun durfte einem McCarthy allerdings nicht. Wenn man Indie-Matte, Vollbart und Mantel trägt, fordert man unnötige Transpiration förmlich heraus. Was man nicht alles für die Rock-Credibility auf sich nimmt… #nohatejustsaying

augustines-live-gasometer-wien-2016

Augustines
(c) Mario Baumgartner

 

Während der Umbauarbeiten blieb Zeit für einen kurzen Rundumblick auf das versammelte Publikum. Wenig überraschend war der Altersdurchschnitt relativ hoch. Neue und jüngere Fans dürfte Noel Gallagher, für den die Jugendkultur in den letzten Zügen liegt, nur sehr schwer finden. Beim modischen Spektrum herrschte dabei mehr Vielfalt. Natürlich durfte das obligatorische Oasis-Shirt nicht fehlen, andere gingen es mit Polos und Jacken samt Union Jack dezenter an.

Beim Haupthaar sind die meisten dann allerdings glücklicherweise im 21. Jahrhundert angekommen. So musste bei den Männern die Britpop-Frisur à la Noel oder Liam Gallagher dann doch vermehrt dem Undercut weichen. Einige Augenweiden, die mit Inbrunst ihre Caesar Bangs zur Schau stellten, waren aber doch dabei. You gotta roll with it!

B-Seiten statt Megahits

Pünktlich um 21 Uhr war es dann so weit: Zur psychedelischen B-Seite Shoot A Hole Into The Sun betrat der Großmeister des Britpop mit seinen Vögelchen die Bühne. Den Start machte Everybody’s On The Run vom ersten Album. Beim ruhigen Opener fielen einem sofort die etwas unglücklichen Visuals im Hintergrund auf. In Zeiten von Muse, die auf ihren Konzerten mittlerweile Drohnen einsetzen, muss auch ein Noel Gallagher etwas mit der Zeit gehen. Zufallsgenerierte Windows-Bildschirmschoner plus Schwarz-Weiß-Aufnahmen der Performance reichen 2016 leider nicht mehr. Hier wäre auch weniger mehr gewesen.

noelgallagher-live-gasometer-wien-2016

Noel Gallagher’s High Flying Birds
(c) Mario Baumgartner

 

So, genug gemotzt! Musikalisch ließen Noel Gallagher’s High Flying Birds nämlich den Britpop vergangener Tage mühelos aufleben. Die ersten Nummern waren dabei eine Auswahl seiner besseren Songs der beiden Soloalben, die live ausgesprochen gut funktionieren. Lock All The Doors fetzte gekonnt und das Weglassen des nervigen „Na-Na-Na“-Teils bei In The Heat Of The Moment (der auf Platte ungemein an Die Ärzte erinnert) wurde auch vom Publikum goutiert. Nach seinem persönlichen Liebling der aktuellen Platte, Riverman, streute Noel mit Talk Tonight den ersten Oasis Song ins Set.

Insgesamt war sogar die Hälfte der Setlist aus Oasis-Zeiten, allerdings wurde dabei relativ tief in der Raritätenkiste gekramt. Mit Listen Up oder D’Yer Wanna Be A Spaceman? wurden zwar die Hardcore-Fans belohnt, wer aber auf Live Forever oder Fade Away gewartet hat, steht heute noch im Gasometer. Es wirkte, als hätte Noel Spaß daran, seine Fans zu necken. Das wurde auch bei einer kurzen Konversation mit dem Publikum deutlich, in der Noel auf Songvorschläge eines Fans wartete. Als Folge spielte er dann aber doch The Mexican von einem seiner Soloalben.

Noel in Ewigkeit, Amen

Auch bei den Zugaben merkte man, dass Noel Gallagher nicht mehr wirklich Bock auf die großen Oasis-Songs hat. Wonderwall legte er rhythmisch etwas anders als das Original an und bei Don’t Look Back In Anger ließ er gleich zwei Refrains vollständig vom Publikum singen. Der ausgelassenen Stimmung tat dies aber keinen Abbruch. Grüße an dieser Stelle an den Mittfünfziger mit Halbglatze, Brille und Hemd, der mit seinen Jagger-Moves alles und jeden in den Schatten stellte.

Nach über 90 Minuten verabschiedete sich Noel Gallagher mit einem knappen

See you soon

vom begeisterten Publikum. Wahrscheinlich wird er mit seinen High Flying Birds wiederkehren. Der Glaube an eine Versöhnung der Gallagher-Brüder hat mittlerweile zwar etwas Religiöses unter den Fans, allerdings darf man so bald auf keine Reunion von Oasis hoffen: Erst beim Lollapalooza 2016 hat Noel das bezeichnende Lied You Know We Can’t Go Back allen Oasis-Fans gewidmet.

Die Tatsache, dass Noel vermutlich nie mehr Lieder für Liam schreiben wird, ist schmerzhaft, aber verkraftbar. Ja, früher war alles besser. Aber heute ist auch nicht alles schlecht. Schon gar nicht, wenn man gemeinsam mit Noel Gallagher’s High Flying Birds den letzten Refrain von Don’t Look Back In Anger gröhlen darf.

Photos: (c) Mario Baumgartner

Home   /   Live Reviews  /  Musik  /   Noel Gallagher’s High Flying Birds- Gasometer Wien

Tags

Related Article