Home   /   Interviews  /  Musik  /  Top!  /   Panic! At The Disco: „Manchmal nehme ich Songs nackt auf.“

Panic! At The Disco: „Manchmal nehme ich Songs nackt auf.“

Panic! At The Disco: „Manchmal nehme ich Songs nackt auf.“

Vor dem Wien-Konzert von Panic! At The Disco durften wir ein Interview mit Brendon Urie führen. Wir sprachen unter anderem darüber, wie sein ADHS seine Musik beeinflusst, warum er sich so gerne streamt – und was er über Donald Trump denkt. Zum Schluss gab es noch ein Speeddate.

Panic! At The Disco – was früher der Name einer vierköpfigen Band war, ist heute nur noch der Künstlername vom einzigen Mitglied Brendon Urie. Einige Stunden vor seinem Auftritt im Gasometer trafen wir den Frauenschwarm im winzigen Backstageraum, der jede Gefängniszelle gemütlich erscheinen lässt. Meine Fotografin Nati und ich hatten schon Tage vorher mächtig Herzklopfen – und wurden nicht enttäuscht.

Als besonderes Schmankerl hab ich beschlossen, euch ein paar der Antworten zum Anhören zu geben. Bitte verzeiht den mittelmäßigen Ton, ich hatte das nicht geplant. Aber im Nachhinein dachte ich, dass ihr euch drüber freuen könntet. 🙂

Hi Brendon! Das aktuelle Album war ein großer Erfolg, deine ganze Europatour ist ausverkauft – für das Konzert heute gibt es schon seit Wochen keine Tickets mehr – und gestern hattest du einen freien Tag. Ich muss nicht fragen, wie es dir geht, oder?
Brendon: Ja, das ist verrückt! Mir geht es super, ich habe eine tolle Zeit!

Lass uns kurz zurückblicken: Vor über einem Jahrzehnt kam das Debütalbum von Panic! At The Disco raus, seitdem ist viel passiert. Mitglieder sind neu dazugekommen oder gegangen und jetzt bist du als Einziger übrig. Ist das für dich nicht merkwürdig, dass du jetzt die Band bist, obwohl du sie damals nicht gegründet hast?
Brendon: Ja, das ist schon merkwürdig! Ich kam als Ersatzgitarrist zu Panic!, um einen Typen für ein paar Shows zu ersetzen. Dann machten sie mich zum Sänger und von da an entwickelten sich die Dinge. Die anderen sind gegangen, weil sie etwas anderes machen wollten, aber so ging es mir nie. Ich liebe Panic! At The Disco. Als wir Panic! gegründet haben gab es keine Regeln, wir konnte machen, was wir wollten. So wollte ich weitermachen, deshalb war es leicht für mich, den Namen beizubehalten. Ein Solokünstler zu sein ist aber nicht komisch für mich, weil ich schon die letzte LP mehr oder weniger allein aufgenommen habe. Es macht Spaß und ich mag das, alleine im Studio herumzuprobieren. Das mache ich sowieso, bevor alle anderen aufnehmen. Und anstatt sie die Instrumente neu einspielen zu lassen, die ich schon aufgenommen hatte, hab ich sie einfach behalten. Also hat es einiges auch erleichtert. Es ist schon gefährlich, weil ich jetzt wie ein Diktator bin, und ein wenig gruselig. Aber es macht Spaß, ich liebe es. (lacht)

 

Du hast deine Karriere in einer Band begonnen und bist jetzt Soloartist. Das hat dich als Musiker sicher herausgefordert und dich weiterentwickeln lassen. Was kannst du heute besser als damals?
Brendon: Oh ja! Ich kann jetzt vieles besser. Ich finde, ich bin besser im Performen – als ich als Sänger angefangen habe, konnte ich nicht mal singen, ich habe das nur vorgetäuscht! Die Burschen damals so: „Hey du könntest Sänger sein“ Und ich dachte nur: „Oh, das ist eine miese Idee.“ Aber im Lauf der Zeit habe ich neue Tricks gelernt und mich verbessert. Ich denke, das ist bei der ganzen Band so, sie sind auch bessere Performer geworden. Im Touren bin ich jetzt auch besser. Man gewöhnt sich an gewisse Dinge, findet seine Nische und merkt, was für einen funktioniert und was nicht. Ich hab jetzt auch mehr Spaß dabei, es ist nicht mehr so beängstigend. Ich erinner mich, die ersten beiden Jahre in der Band waren Furcht einflößend! Ich hab immer neue Pillen ausprobiert um mich zu beruhigen, weil ich die ganze Zeit so viel Schiss hatte. Jetzt liebe ich es!

 

Das aktuelle Album heißt Death Of A Bachelor. Wie war der Entstehungsprozess so?
Brendon: Also der Titel kam ganz zum Schluss, weil ich gar nicht wusste, wie das Album überhaupt klingen würde. Ich habe hier mal einen Song geschrieben und dann da wieder einen und sie alle klangen so unterschiedlich. Dann habe ich einfach elf meiner Lieblinge genommen und gesagt: Das ist das Album. Ich hab es dann so genannt, weil es mein Lieblingslied ist und das genau nach dem klang, wie ich mich die letzten fünf Jahre gefühlt habe. Es hat Spaß gemacht, mein altes Selbst zu vernichten. Ich hab mich wie ein neuer Mensch gefühlt, also wollte ich mein Alter Ego loswerden und es hat Spaß gemacht.

 

Du sagst über das Album selbst, es ist ein Partyalbum. Es ist viel los, es ist sehr laut und energetisch. Würdest du sagen das hat etwas mit deinem ADHS zu tun und dass niemand mehr da ist, um dich zu stoppen?
Brendon: Ja vermutlich. (grinst) Ich meine, ADHS habe ich schon mein ganzes Leben lang. Aber ich glaube, dabei hilft es mir sogar. Ich versuche es als Stärke zu nutzen und es nicht zu so einem Nachteil werden zu lassen, wie es sein könnte. Es lässt mich schon von Sound zu Sound hüpfen, deshalb klingt das Album so sonderbar. Erst so „Oh, weißt du was ich machen will?“ und dann „Oh, das ist cool!“ Ich bin manchmal verrückt, aber ich finde es ist gesund, ein bisschen verrückt zu sein! (lacht)

 

Welche ist deine Lieblingszeile aus einem der Songs?
Brendon: Ich mag die Zeile „promise me a place in your house of memories„. Die gefällt mir sehr, weil ich mich so fühlen würde als Fan einer Band und so fühle ich mich mit meinen Fans auch. Niemand möchte vergessen werden, ich denke, jeder möchte ein Vermächtnis zurücklassen. Und das war meins. Ich will einfach sagen: „Hey, versprich mir, dich an mich zu erinnern, wenn ich nicht mehr da bin.“

 

panic-at-the-disco-interview-wien-2016-017

(c) Natascha Siebenhandl

 

Was ist der ungewöhnlichste Ort, an dem du je ein Lied geschrieben hast?
Brendon: Ich glaube, es gibt keine ungewöhnlichen Orte… (überlegt) Ich hab schon unter der Dusche Songs geschrieben! So beim Haare waschen, schießt mir eine Melodie in den Kopf. Wenn ich begeistert davon bin davon, springe ich schon mal aus der Dusche, renne nackt ins Studio [er hat eines in seinem Haus, Anm.] und nehme es kurz auf. Und dann geh ich wieder duschen. Das kommt vor. (lacht)

 

Du interagierst viel mit deinen Fans; du machst Livestreams, während du zu Hause auf der Couch sitzt und du bist auch sehr ehrlich, was Persönliches angeht, wie dein ADHS oder deine Angststörung. Hattest du jemals das Gefühl, dass du zu viel preisgibst und lieber aufhören solltest?
Brendon: Das ist etwas sehr Wichtiges, dass einem klar sein sollte, wenn man Dinge teilt, besonders mit den Fans. Das Gute an Periscope oder Facebook Livestreams ist, dass es so aussieht, als würde man viel preisgeben – aber ich kann entscheiden, was ich zeige. Also wenn es meinen Fans ein besonderes Gefühl gibt, wenn sie mich beim Frühstück machen sehen können, cool! Ich teile da ja nichts Verrücktes, das sind keine superprivaten Geheimnisse. Es ist ein Geben und Nehmen und ich kann entscheiden, was ich teile, das ist schön. Aber es kann schon unheimlich werden, schätze ich. Ich weiß nicht, ich war immer eine sehr ehrliche Person. Meist teile ich zu viel, damit kann ich wohl nie aufhören. (lacht)

 

Wo wir schon bei Fans sind: Ich habe kürzlich einen Artikel geschrieben über die schlimmsten Dinge, die Fans bei einem Konzert tun können. Was würdest du sagen, sind die schlimmsten Dinge, die Musiker tun können, während sie ein Konzert spielen?
Brendon: Das Schlimmste, was ein Künstler machen kann, ist von der Bühne verschwinden. Das habe ich nie verstanden! Da sind Leute, die dafür gezahlt haben deine Show zu sehen, und wenn du die nicht absagst und verlegst, dann gehst du da raus auf die Bühne und gibst ihnen 100 %. Du bist ein Performer! Es geht nicht um dich, das ist nicht dein Wohnzimmer. Biete ihnen eine Show! Lauf nicht einfach weg. Wenn ich einen Musiker sehe, wie er einen Aufstand macht und von der Bühne verschwindet denke ich mir immer, was tust du? Sei professionell! Das hat mich schon immer angekotzt.

 

Du bist also noch nie ausgerastet?
Brendon: Oh doch, das mache ich ständig – aber nicht auf der Bühne! (lacht)

Kommen wir zu etwas Ernsterem: Die Wahlen in den USA sind bald vorbei. Bist du nervös deshalb und findest du es wichtig, als Musiker über solche Thematiken zu sprechen?
Brendon: Musiker sollten auf jeden Fall darüber reden, absolut! Wir haben eine Plattform und Fans, die zuhören, also finde ich es wichtig, seine Ansichten zu teilen. Ich denke auch als Amerikaner und als Mensch ist es wichtig, seine Ansichten zu teilen. Mit der Wahl jetzt ist Amerika einfach todunglücklich. Wir sind verwirrt, weil wir nicht wissen, was zum Teufel abgeht..

 

Ich denke, die ganze Welt ist verwirrt!
Brendon: Absolut! Wie zum Teufel hat Donald Trump es so weit geschafft? Mir wird klar, dass Amerika nicht das ist, was ich dachte und ich bin echt irritiert von dem ganzen System, es ist sehr entmutigend. Da ist eine Person, die größenwahnsinnig ist und ein furchtbarer Mensch, der einfach nichts sagt, gar nichts! Immer nur: „Ich allein, es wird super, ich werde was bauen, es wird groß, groß, groß, es wird toll, super, super, super, Problem, Problem, Problem, ich werde es lösen.“ Und es gibt keine Lösung und Leute kämpfen für ihn, weil sie denken, es ist toll ein Rassist zu sein und Frauen sexuell zu belästigen und so was. Klar, so machen wir Amerika wieder groß, indem wir 100 Jahre zurückgehen – das ist echt schlau! Es ist so traurig und bricht mein Herz. Ich wähle Hillary, denn scheiß auf Trump! Ich kann nicht glauben, dass er so weit gekommen ist, aber ich denke nicht, dass er gewinnt. Ich glaube nicht, dass er das schafft. Es ist beängstigend, dass er so weit gekommen ist, aber ich glaube, das Gute siegt. Ich hoffe es, denn er ist das Letzte!

 

Wie wir wissen, kam es ja doch anders. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie angepisst er gewesen sein muss.

panic-at-the-disco-interview-wien-2016-017

Brendon bei seiner besten Donald Trump Imitation.

 

Du hast offensichtlich eine starke Meinung zum Thema. Warum singst du nicht über Politik?
Brendon: Ich könnte über Politik singen, aber ich bin darin nicht so bewandert. Ich singe über Religion, weil es so ein großer Teil meines Lebens war und es mir daher leichter fällt, mich darüber auszulassen. Aber ich hatte nie einen Grant auf die Politik, also müsste ich das vortäuschen… Das ist das erste Mal, dass ich wirklich frustriert bin. Ich bin jetzt alt genug, zu sehen, was mir wichtig ist. Als ich jünger war, war es leicht, das geringere Übel zu wählen. Diesmal war es schwerer, weil ich wirklich darüber nachgedacht habe, was ich als Amerikaner verlieren könnte. Ich habe mich nie als politisch gesehen. Aber ich sage es dir so: Scheiß auf Donald Trump! Das ist mir egal. Ich habe mich nie komisch dabei gefühlt, meine Meinung zu sagen. Aber es war nichts, worüber ich singen wollte. Ich singe gerne über Themen, die mir Freude machen, anstatt mich zu beschweren. Dafür gibt es genug Gelegenheit. Mit meiner Musik will ich Menschen lieber aufbauen.

 

Ganz egal, wie die Wahl ausgeht, du wirst sicher einen Drink haben wollen.
Brendon: Oh ja, unbedingt!

Darum habe ich dir ein Bier mitgebracht, so für den Anfang.
Brendon: Oh, cool! Ich liebe es! (lacht) Danke!

Jetzt lass uns nicht mehr über Ernstes reden, wir haben nur noch ein paar Minuten miteinander. Also machen wir es uns ein bisschen gemütlicher.

Ich hole eine kleine Plastikpflanze und LED-Kerze aus meiner Handtasche und Brendon ist sichtlich begeistert.

Denn Brendon, willkommen, das ist ein Speeddate! Hast du das schon mal gemacht?
Brendon: Nein, das hab ich noch nie. Aber ich freue mich, es auszuprobieren.

Also, welches Buch hast du zuletzt gelesen?
Brendon: Die Autobiografie von Elvis Costello.

Welches Album hörst du momentan?
Brendon: Frank Sinatras Swing Along With Me, ein Klassiker. Das hab ich erst heute Morgen gehört.

Welche Sprache würdest du gerne sprechen?
Brendon: Ich wünschte, ich wäre besser in Deutsch! Das hab ich in der Schule gelernt, drei Jahre lang, aber das ist, als hätte ich es nie gehabt. Das amerikanische Schulsystem ist ein Witz! Ich kann nur ein paar Sätze.

Glaubst du an Geister oder andere übernatürliche Dinge?
Brendon: Ich glaube, dass es Dinge gibt, die wir nicht erklären können, aber ich glaube nicht an Geister. Ich wünschte, es wäre so, denn ich liebe diese Geistersendungen, wo Leute versuchen, Geister zu finden. Das ist so lustig und unterhaltsam, aber ich glaube nicht wirklich daran.

panic-at-the-disco-interview-wien-2016-017

(c) Natascha Siebenhandl

 

Nenne mir einen merkwürdigen Fakt über dich.
Brendon: (lacht) Etwas Merkwürdiges, okay. (überlegt) Ich rolle die ganze Zeit Papierschnipsel! Das ist eigenartig. Es ist wie ein Zwang. Du kannst in meine Jeans schauen, meine Hosentaschen sind voll davon!

Welche schlechte Angewohnheit würdest du dir gerne abgewöhnen?
Brendon: Hm… (überlegt) Ich hab das Gefühl, Kaffee ist eine schlechte Angewohnheit – ich trinke viel davon, obwohl ich es nicht sollte. Und das Rauchen habe ich mir vor dreieinhalb Jahren abgewöhnt… (überlegt) Das ist schwer. Ah, in der Nase popeln! Das ist eklig! (lacht)

Was willst du in deinem Leben unbedingt tun, bevor du stirbst?
Brendon: Ich will Fallschirm- und Bungeespringen. Und ich will unbedingt mit Haien schwimmen! In dem Käfig sitzen und wahrscheinlich heulen vor Angst, das wäre cool!

Was ist im Moment dein größtes Ziel im Leben?
Brendon: Ein Meisterstück zu schreiben! Ich will etwas schreiben, dass ich als mein Meisterwerk bezeichnen könnte.

Was machst du normalerweise, when it’s nine in the afternoon?
Brendon: (lacht) Gras rauchen.

Und meine letzte Frage an dich Brendon: Are you nasty?
Brendon: I’m very nasty! (grinst) Das ist eine tolle Frage!

Zum Abschluss machten Nati und ich noch ein lustiges Selfie mit Brendon, bevor wir uns verabschiedeten und den Gasometer verließen – glückselig und grinsend von einem Ohr zum anderen. Hoffentlich dauert es nicht wieder so lang, bis Panic! At The Disco Österreich wieder einen Besuch abstattet.

Photos: (c) Natascha Siebenhandl

Merken

Merken

Merken

Home   /   Interviews  /  Musik  /  Top!  /   Panic! At The Disco: „Manchmal nehme ich Songs nackt auf.“

Tags

Related Article