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Simple Plan: „Unser Vermächtnis soll mehr sein, als nur Musik!“

Simple Plan: „Unser Vermächtnis soll mehr sein, als nur Musik!“

Einige Stunden vor ihrem Konzert im Gasometer durften wir Simple Plan – oder zumindest zwei Bandmitglieder – zum Interview treffen. Das hätten eigentlich Leadgitarrist Jeff Stinco und Bassist David Desrosiers sein sollen, doch wie so oft bei solchen Promogeschichten läuft meist alles irgendwie anders, anders geplant. Vor Ort erfuhren wir, dass es den kanadischen Musikern an diesem Tag nicht sonderlich gut ging und besonders David nicht, weshalb umdisponiert wurde und stattdessen Schlagzeuger Chuck Comeau seinen Platz einnahm. Wir sind ja flexibel – und nachdem wir erst noch eine halbe Stunde warten mussten, bis wir endlich loslegen konnten, hatten wir lange genug Zeit, uns darauf einzustellen.

Da saßen mein Fotograf David und ich also im Gang Backstage und warteten. Gitarrist Sébastien Lefebvre ging einige Male an uns vorbei und nickte uns stets ganz höflich zu – er sah tatsächlich etwas abgeschlagen aus. Davon konnte bei Sänger Pierre Bouvier allerdings nicht die Rede sein: Er schien als einziger ausreichend Schlaf bekommen zu haben und lief fröhlich pfeifend umher. Trotz ihrer Müdigkeit zeigten sich Jeff und Chuck dann aber sehr herzlich und redegewandt, als ich ihnen auch endlich meine Fragen zum neuen Album Taking One For The Team oder ihrer Stiftung stellen durfte.

Hallo ihr beiden! Nach fünf Jahren haben Simple Plan wieder ein Album draußen, das ist in Österreich auf Platz 18 der Charts eingestiegen. Ich denke, das ist nicht schlecht – Gratulation!
Chuck:
Ja das ist toll, danke! Es wurde wirklich Zeit. Wir haben uns für dieses Album sehr lange gebraucht, aber jetzt sind wir sehr glücklich, dass es endlich draußen ist. Es fühlt sich gut an. Die Fans hören es und wir wissen endlich, was sie denken. Bisher war alles sehr positiv. Es ist schön, wieder unterwegs zu sein und die neuen Songs zu spielen!

Wie seid ihr auf das Sportthema gekommen, das sich im Titel Taking One For The Team und dem Booklet durchzieht?
Chuck:
Wir mögen diese typischen ‚die Band steht vor einer Mauer und versucht, cool auszusehen‘-Fotos nicht. Wir machen gerne etwas, dass unsere Fans zum Lachen bringt und zeigt, dass wir einen guten Humor haben und uns selber nicht zu ernst nehmen. Ich bin großer Sportsfan, ich liebe Hockey und Tennis und vieles mehr. Ich habe an Coverideen gedacht und ich finde, dass es viele Parallelen zwischen einer Band und einer Mannschaft gibt! Gemeinsam erlebt man große Erfolge, aber man geht auch durch harte Zeiten. Man hält zusammen und die Chemie untereinander muss stimmen. Alle Spieler muss man auf die richtige Weise einsetzen. In einer Band muss man auch mal etwas aufgeben, für das Wohlergehen der Gemeinschaft – wie in einer Mannschaft. Das hat alles gut zusammengepasst, auch mit dem Titel. Es symbolisiert irgendwie, wo Simple Plan gerade steht. Wir alle glauben an diese Einheit, an das, was wir gemeinsam kreiert haben – und wir wollen gewinnen! Wir wollen weitermachen und eine lange Karriere haben.

Simple Plan Interview

Ihr habt einige Gastmusiker auf dem Album – war das von Anfang an geplant oder gab es erst die Songs?
Jeff: Man muss immer mit Lied beginnen. Es ist die Prinzessin, weißt du, es ist das absolut Wichtigste. Schon auf dem ersten Album hatten wir I’d Do Anything lange bevor Mark Hoppus mitgewirkt hat. Damals wollten wir unbedingt jemanden dabei haben, den wir liebten. Blink-182 waren ein großer Einfluss auf unsere Musik und deshalb wollten wir das Feature, es war sehr egoistisch. Mit I Don’t Wanna Go To Bed hatten wir beispielsweise eine ganz andere Perspektive: Die Idee war es, den Track ein wenig anders klingen zu lassen, einen neuen Sound reinzubringen. Es war eine Art, neue Würze in das zu bringen, was wir tun. Gemeinsam machen wir einen typischen Simple Plan Song und peppt jemand ihn auf und macht ihn interessanter. Also braucht man erst den Song und dann die Würze.

Die Songs mit R. City und Juliet Simms klingen gar nicht nach Simple Plan. War es anders, die im Studio aufzunehmen, wegen der ungewohnten Genres?
Chuck: Ja, aber darum geht es doch! Wir möchten nicht ein und dasselbe Album fünf mal machen. Es ist wichtig, die klassischen Elemente beizubehalten, die die Leute an Simple Plan lieben. Aber gleichzeitig ist es cool, herauszufinden, welche Musik wir entstehen lassen können. Wie bei Singing In The Rain. Reggae ist natürlich nicht unser Kernstil, aber schon mit Summer Paradise hatten wir großen Erfolg. Ein anderes Genre erzeugt eine andere Stimmung, einen anderen Vibe auf dem Album und macht es interessanter. Unsere Alben sind mittlerweile wie eine Reise, die einen an verschiedene Orte bringt. So auch mit I Dream About You. Den haben Pierre und ich zusammen geschrieben. Wir dachten: „Das ist so ein merkwürdiger Song, er klingt gar nicht nach Simple Plan!“ Aber unsere Freunde und auch das Label liebten ihn. Als wir Juliets Vocals einfügten, erwachte der Track zu neuem Leben. Er wurde zu einer Geschichte, zu einem Dialog zwischen zwei Menschen. Das hat ihn viel interessanter gemacht und sehr speziell.

Auf YouTube konnte man schon länger einige neue Lieder von euch hören – unter anderem Saturday, der es nicht auf’s Album geschafft hat, weil ihr nicht mehr so happy damit wart. Ist es komisch für euch, dass ein Song herumgeistert, hinter dem ihr nicht zu 100 % steht?
Jeff: Das ist nicht ganz so, wie wir an die Sache herangegangen sind. Wir waren damals aufgeregt, neue Musik veröffentlichen zu können und haben Saturday ausgewählt, weil wir fanden, dass es ein cooler Track ist. Wir haben nicht übermäßig darüber nachgedacht. Im Mai 2015 dachten wir, wir hätten ein fertiges Album. Im Dezember haben wir es und angehört und gemerkt, dass es das nicht ist. Also haben wir daran gearbeitet, um einen Mittelweg zu finden zwischen dem Sound, für den man uns kennt und Simple Plan im Jahr 2016. Also mit den modernen Einflüssen, die wir jetzt als Musiker und Hörer lieben. Irgendwann haben wir realisiert, dass Saturday nicht so stark war, wie andere Tracks. Und wenn das so ist, sollte man so einen Song nicht auf sein Album geben, da muss man demütig genug sein.

Simple Plan Interview

Welcher Song hat sich am meisten verändert, von der Demo bis zur Albumversion?
Jeff: Gute Frage… (überlegt) Die Lieder haben sich nicht viel verändert, um ehrlich zu sein. Ich denke, wir hatten eine Vision und diese zusammen ausgearbeitet. Jeder hat seinen Teil dazu beigetragen. Aber bei I Don’t Wanna Go To Bed gab es im Arrangement eine große Veränderung.
Chuck: Ja, das wollte ich auch gerade sagen! Die Demo war wirklich anders, aber sonst… Wenn wir jetzt Songs schreiben, haben wir eine ziemlich klare Vorstellung, was am Ende rauskommen soll. Pierre ist sehr viel besser dabei geworden, Demos zu machen. Mittlerweile könnte er sicher als Produzent arbeiten, er hat viele gute Ideen. Wenn wir jetzt Tracks präsentieren, geht es meiner Meinung nach nur noch darum, sie neu aufzunehmen. Die besten Töne und Einstellungen zu finden und sicherzugehen, dass jede Performance so gut ist, wie es nur geht. Aber das Skelett, der Kern und das Arrangement der Lieder, ist schon fertig, wenn wir ins Studio gehen. Man verschwendet weniger Zeit, wenn man weiß, was man tut – und natürlich auch Geld!

Mehr: Simple Plan – Taking One For The Team – CD Review

Vor eurer Studiozeit wart ihr fast zweieinhalb Jahre auf Tour. Das kann sehr unbequem und anstrengend sein. Was ist so eine Art Luxus, auf die ihr nicht verzichten könnt?
Jeff: Ich sag dir, was ich auf Tour am meisten vermisse, ist, eine Dusche nahe an meinem Bett zu haben. (lacht) Oder einen Kühlschrank vollgepackt mit gesunden Lebensmitteln! Ohne mein Telefon kann ich aber nicht leben. Es ist wichtig, mit den Menschen zu Hause die du liebst Kontakt zu haben. FaceTime ist dafür ein großartiges Programm.
Chuck: Ja, das Telefon ist wichtig, auch der Computer, einfach Kontakt halten können, wie Jeff gesagt hat. Und eine Art von Entertainment zu haben, zum Beispiel Fernsehen zu können, um mal abzuschalten. Aber natürlich steht das Kommunizieren mit den Lieben zu Hause, die man vermisst, an erster Stelle.

Ihr macht nicht nur Musik, sondern habt auch eure eigene Simple Plan Stiftung. Die gibt es nun schon zehn Jahre. Seid ihr zufrieden mit dem, was ihr bisher erreichen konntet?
Jeff: Was wir mit der Stiftung erreicht haben ist tatsächlich unglaublich! Die Stiftung haben wir gegründet, um Bewusstsein zu schaffen – und natürlich auch Geld zu sammeln – aber wir arbeiten mit Organisationen zusammen, die tatsächlich direkt mit Armut und sozialen Problemen zu tun haben. Sie kümmern sich um Kinder, die Hilfe brauchen, die krank sind und so weiter. Diese Menschen, die wirklich inspirierend sind, treffen wir das ganze Jahr hindurch immer wieder, um mit ihnen darüber zu reden und das bereitet uns so viel Freude! Diese Leute, die die ganze harte Arbeit machen, sind Helden – und ich benutze dieses Wort nicht leichtfertig! Sie haben entschieden, dass sich ihr Leben nicht nur um sie selbst drehen sollte, sondern um andere und ich denke, die Stiftung ist unsere Art und Weise, das auch zu tun. So sind wir auf unsere eigene Art politisch, anstatt wild mit Fahnen zu schwenken oder Tätowierungen zu haben, die verrückte Dinge sagen, oder so was.
Chuck: Ja, ich finde, für uns als Band ist es schön, für mehr zu stehen als Lieder öffentlich zu haben und Konzerte zu spielen. Es ist Teil des Vermächtnisses, das wir hinterlassen, und zeigt, dass die Band mehr war als nur Musik. Es sind zehn Jahre, wie du gesagt hast, und ich glaube, dieses Jahr erreichen wir die 2 Millionen Dollar Spendenmarke..

Wow, das ist Wahnsinn!
Chuck: Das ist echt eine große Sache, ja! Wir hätten, glaube ich, nie gedacht, dass es so groß wird. Besonders cool daran ist, dass bei jeder Show, die wir spielen, ein Dollar oder Euro vom Ticketpreis in unsere Stiftung fließt. Wir haben also einen supereinfachen Weg gefunden, Geld zu sammeln, während wir unser Ding machen. Wenn wir vor 5000 Fans spielen, sind das gleich 5000 Dollar – und die Fans sind gleich involviert! Sie kaufen eine Konzertkarte und helfen gleichzeitig. Ich denke, das ist eine schöne Art, zu spenden.

Simple Plan Interview

Definitiv! Und nun meine letzte Frage jetzt passend im März: Hattet ihr Neujahrsvorsätze?
Jeff: Normalerweise mach ich das nicht, aber dieses Jahr schon. Ich hab mir vorgenommen, mehr im Moment zu leben – ich bin wirklich so kitschig. Ich hab entschieden, dass das eine wichtige Sache ist, denn wir reden über Handys, über Social Media et cetra. Die Realität sieht leider so aus, dass wir viel zu viel Zeit damit verbringen, woanders zu sein anstatt im Hier und Jetzt und da vergisst man leicht Kleinigkeiten wie persönlichen Kontakt. Wir waren vorher gemeinsam Mittagessen, aber anstatt miteinander zu essen, hing jeder an seinem Telefon. Ich bin mir dessen jetzt mehr bewusst. Ich sage nicht, dass ich mich gut mache, aber ich achte mehr darauf als vorher. (grinst)
Chuck: Mein Vorsatz war es, zuversichtlicher zu sein im Leben und zu vertrauen, dass alles gut wird. Ich war sehr nervös, ob das Album gut ankommen und ob es mit Simple Plan weiter gehen wird und so. Ich denke, es ist schon gut, so zu sein, denn so arbeitet man noch härter. Aber gleichzeitig sollte man schon darauf vertrauen, das alles funktionieren wird und sich weniger stressen. Ohne kitschig sein zu wollen, aber ich glaube, Dinge geschehen aus einem guten Grund. Viele Leute hätten nicht geglaubt, dass es eine Band wie uns so lange geben würde, dass wir auch nach 16 Jahren noch da wären. Das beweist mir, dass das Leben sich irgendwie um einen kümmert, wenn man hart arbeitet und die richtige Einstellung hat. Darin möchte ich mehr vertrauen haben.

Das klingt beides super! Dann wünsche ich euch viel Erfolg damit und natürlich auch weiterhin mit der Tour! Danke für eure Zeit!

Photos: (c) David Bitzan

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