Home   /   Interviews  /  Musik  /  Top!  /   Talco: „Ich habe nie darüber nachgedacht, mein Leben zu ändern.“

Talco: „Ich habe nie darüber nachgedacht, mein Leben zu ändern.“

Talco: „Ich habe nie darüber nachgedacht, mein Leben zu ändern.“

Vor dem Konzert der italienischen Ska-Punker Talco haben wir Sänger Dema in der Arena Wien getroffen. Mama sagte, wir dürfen nur 15 Minuten reden. Also machten wir uns auf und spazierten durch die Arena. Und was dann passiert ist, werdet ihr nicht fassen können!!!!1!!11! (Anmerkung des Lektorats: „ha – kleiner Scherz“. Rückanmerkung des Autors: „na no na ned“)

Hi Dema! Wir haben für das Interview genau 15 Minuten Zeit bekommen. Also schau brav auf die Uhr. Was würdest du machen, wenn du heute nur 15 Minuten spielen dürftest?
Dema:
Wow, das wäre echt schwierig. Wir stellen immer eine 90-minütige Setlist auf die Beine und noch dazu sind wir hier um unser neues Album Silent Town zu promoten. Das wäre echt schwierig. Am Besten einfach schnell Songs runterklopfen ohne Performance und Ansagen. Und am Besten ein bunter Mix aus allen Alben. Also vermutlich ein Song pro Album.

Du hast es schon erwähnt, ihr habt ein neues Album: Silent Town. Auf Silent Town sind 12 Songs oben. Wenn es jetzt doch 15 wären, wovon würden die letzten drei Songs handeln?
Dema:
Das ist eine sehr interessante Frage. Silent Town ist eine Story. Eigentlich eine abgeschlossene Story. Also nicht ganz. Ich kann es nicht sagen, weil ich schreibe gerade ein Buch darüber. Wenn ich jetzt das Ende verrate – das wäre blöd. Wahrscheinlich würden die drei Songs von einem Neubeginn handeln. Neue Themen aufgreifen aber auch die anderen Themen reflektieren. Es ist wie ein Kreislauf. Aber wie gesagt – das Ende kann ich dir leider nicht verraten.

Wir wollen niemanden mit unseren Texten erziehen oder etwas beibringen – Wir sind keine Populisten.

Ist Venedig eine Silent Town?
Dema:
Silent Towns sind mehr oder weniger alle Städte in Italien und aber auch keine davon. Aber beim Album habe ich mich nicht an Venedig orientiert. Eher an Städten im Süden von Italien.

(c) Mario Baumgartner

(c) Mario Baumgartner

 

Mehr von Talco: Talco – Live in der Arena Wien

Eure Musik regt ja vor allem zu tanzen und auszucken an. Schnell, hart, fetzige Bläser. Aber in deinen Texten transportierst du auch Botschaften. Was ist dir wichtiger?
Dema:
Wir sind Musiker. Klar reden wir in den Texten auch über Politik. Aber wir sind keine Politiker. Wenn ich einer werden wollen würde, dann würde ich aber einiges falsch machen. Für uns ist es naheliegend und selbstredend, dass wir uns mit diesen Themen befassen. Wir wollen niemanden mit unseren Texten erziehen oder etwas beibringen – Wir sind keine Populisten. Es sind nur Botschaften. Aber eigentlich sehe ich uns als Musiker.

Ihr habt vor allem in Deutschland eine sehr große Fanbase. Ausverkaufte Konzerte vor mehr als 1000 Leuten, Zusatzkonzerte in Berlin und Hamburg. Wie kommt das?
Dema:
Deutschland hat eine gute Szene. So eine Szene gibt es nicht in Italien. Wir hatten auch schon mal überlegt, alle nach Deutschland zu ziehen. Deutschland war das erste Land, das uns aufgenommen hat. Das uns spielen hat lassen ohne großartige Kontakte oder Mafiosisystem. Angefangen haben wir halt vor 15 Personen, dann wurde es immer größer, jetzt kaufen sie uns die Hallen aus. Und das war nur der Anfang. Wir touren jetzt in Spanien, Russland, Japan, USA, und so weiter. Wenn wir unser Glück nur in Italien probiert hätten, dann würde es Talco schon längst nicht mehr geben.

Talco ist ein Teil meines Lebens, der mir die besten Erlebnisse und Erfahrung brachte. Der Teil meines Lebens, der mich erwachsen gemacht hat.

Das heißt, eure Fanbase ist in Deutschland größer als in Italien?
Dema:
Ja. In Italien probieren wir es gerade wieder. Fast wie ein Comeback. (lacht) Aber die Szene ist nicht so vielseitig wie wo anders.

Selbst in eurer Heimat Marghera?
Dema:
Natürlich ist es dort anders. Wir haben hier begonnen, wir sind hier zu Hause und haben hier sehr viele Gigs gespielt. Viele Leute kennen uns, kommen auf unsere Konzerte. Aber trotzdem nicht so viele wie zum Beispiel in Hamburg oder Berlin.

(c) Mario Baumgartner

(c) Mario Baumgartner

 

Weil wir gerade von Marghera sprechen. Wie ist das Aufwachsen dort so? Sagen wir mit 15 Jahren?
Dema:
Sehr seltsam. Marghera ist ein Vorort von Venedig. Bei Venedig denken die Leute immer an eine schöne Stadt, Tourismus und Gondelfahrten. Hier im Vorort gibt es Fabriken, die so schlechte Arbeitsbedingungen haben, dass über hundert Leute Krebs bekommen haben. Es ist hier ganz anders als in Venedig. Allein die Mentalität.

Talco gibt es nun seit 15 Jahren. Hat sich in dieser Zeit viel verändert?
Dema:
Viele Sachen, ja. Wir sind älter geworden. Haben viele Erfahrungen gemacht. Im musikalischen Sinn hat sich viel geändert. Wir machen noch immer Punk mit Ska-Einflüssen, aber probieren trotzdem bei jedem Album einen neuen Stil. Wir sind viel auf Tour. Wir haben aber auch schon Familien gegründet. Talco ist ein Teil meines Lebens, der mir die besten Erlebnisse und Erfahrung brachte. Der Teil meines Lebens, der mich erwachsen gemacht hat. Und auf das bin ich sehr stolz. Auch noch nach 15 Jahren.

Ist Talco das, was du bis ans Ende deines Lebens machen willst?
Dema:
Ja, sicher! Ich habe nie darüber nachgedacht, mein Leben zu ändern.

Sie wollten mit Punk reich werden, und haben ihn damit getötet.

Du hast vorher die Szene in Italien angesprochen. Ist die nicht gut?
Dema:
In den Neunzigern hatten wir in Italien eine großartige (Punk-)Szene. Und die ist gefallen mit den Leuten, die die Szene ausbeuten wollten. Wir sind ein korruptes Land. Du weißt schon, Mafia und so. Und die Mentalität ist sehr egoistisch. Jeder versucht, für sich selbst das Beste rauszuholen. Diese Einstellung zieht sich durch alle Schichten und Szenen. Auch in der Independentszene. Ich denke, dass die alte Szene der Neunziger die jetzige Punkszene getötet hat. Jeder wollte nur Aufmerksamkeit für sich. Heranzuziehen wären Promoter und die alten Bands: Sie wollten mit Punk reich werden, und haben ihn damit getötet. Wir sind froh, dass wir die Möglichkeiten haben, in anderen Ländern zu touren.

Ist das auch mitunter ein Grund, wieso ihr immer versucht, ein Low Profile zu halten? Kleine Labels, kleine Clubs, wenig Promo…
Dema:
Nein. Ich denke, das ist eine Art zu arbeiten. Wir lieben es unabhängige Musik (Independent Music) in einem unabhängigen System zu machen. Wir sind frei von jeglichen Einflüssen von außen. Keiner sagt uns, wie wir unsere Lieder schreiben müssen, wo wir touren müssen oder sonst etwas. Wir haben alle die Freiheit, die wir wollen und brauchen, um als freie „Künstler“ zu arbeiten. Hier in der Independentszene können wir uns am Besten ausleben.

(c) Mario Baumgartner

(c) Mario Baumgartner

 

Als du Künstler gesagt hast, hast du mit deinen Händen Gänsefüßchen gemacht und gelacht. Siehst du dich nicht als Künstler?
Dema:
(lacht) Nein. Absolut nicht. Das, was wir machen ist für uns keine Kunst. Sicher haben wir mittlerweile schon einige Fans, die auf unsere Konzerte kommen und unsere Musik hören. Ich würde es aber eher als Leidenschaft anstatt als Kunst bezeichnen. Wir fühlen uns nicht wie Künstler, die von ihrer Kunst großartig leben können.

Grazie per la conversazione, Dema!

Photos: (c) Mario Baumgartner

Home   /   Interviews  /  Musik  /  Top!  /   Talco: „Ich habe nie darüber nachgedacht, mein Leben zu ändern.“

Tags

Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
Related Article