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The 1975: „Ich lebe mein Leben nicht wie eine offene Wunde“

The 1975: „Ich lebe mein Leben nicht wie eine offene Wunde“

Bereits am Hinweg zur frühen Nachmittagsstunde wurde mir angesichts der schon wartenden Menschentraube vor den Eingängen des Wiener Gasometers klar, dass die Tage in denen solche Etablissements wie Flex und Arena bespielt wurden, für The 1975 längst passé sind. Backstage angekommen begegnete ich einem überaus freundlichen, wenn auch ziemlich verschlafenen Matty Healy, der mich noch bevor ich mein Diktiergerät herausholen konnte, schon dreimal gefragt hatte, wie es mir ging. Bei 15-minütiger Interviewzeit auf einem Ledersofa – das auch schon bessere Zeiten gesehen hatte – kam ein erfreulich offenes und ehrliches Gespräch zustande, das sich rund um die Themen Musik, Selbstzensur und das Popstar-Dasein drehte.

Mehr: The 1975 – Gasometer Wien

Hallo Matty! Lass uns zu Beginn einmal ein bisschen über das neue Album I Like It When You Sleep, For You Are So Beautiful, Yet So Unaware Of It sprechen. Ihr seid für euren vielschichtigen Sound bekannt, allerdings scheint das neue Album dies noch weiter auf die Spitze zu treiben. War dies eure Absicht?
Matty:
Ich muss dir zustimmen. Ich denke, in erster Linie ging es uns darum, unsere musikalische Identität weiter auszubauen. Das erste Album war ein bisschen naiver, kindlicher und hatte etwas mehr 80er Pop in sich. Was wir mit diesem Album versucht haben, war all die Ideen und Einflüsse vom letzten Album zu nehmen und diese zu erweitern, ohne uns dabei um Genre oder Style zu kümmern.

Habt ihr euch nach eurem Erfolg etwas “freier“ gefühlt zu tun und lassen, was ihr wollt?
Matty:
Ja, absolut! Freier auch einfach einmal wieder Musik zu schreiben um der Musik willen. Wir hatten schon ziemlich lange keine Platte mehr herausgebracht; also hatten wir das fast schon wieder ein bisschen vergessen, wie viel Freude uns das Musikschreiben an sich eigentlich macht.

Es ist interessant, dass du das ansprichst, denn das neue Album hat mich auch etwas an eure alten EPs erinnert.
Matty:
Ja, du hast vollkommen recht! Das ist eine sehr gute Beobachtung! Denn die EPs hatten wir ja eigentlich auch erst nach dem ersten Album geschrieben aber davor veröffentlicht. Genau genommen geht die Reihenfolge also: erstes Album, EPs, zweites Album! Somit macht das also absolut Sinn!

Du hast euer erstes Album oft als eine Art „Liebesbrief an eure Jugend“ beschrieben. Wenn das neue Album ein Brief wäre, an wen wäre er adressiert und was würde er aussagen?
Matty:
Ich denke, dieses Album ist ein Liebesbrief an mein jetziges Künstlerleben und die Erfahrungen, die ich damit mache. Ich schreibe hauptsächlich über das Erwachsenwerden und insbesondere darüber wie es ist, dabei im Rampenlicht zu stehen. Die Perspektive, die dieses Album wiedergibt, ist nicht nur mehr die von „Matt Healy“, sondern viel mehr die von „Matt Healy, dem Popstar“. Ich bin mir ja schließlich meiner Position und wie die Leute mich sehen bewusst. Auf dieselbe Art wie ich versucht habe meine eigene Jugend auf dem ersten Album zu idealisieren und zusammenzufassen, habe ich versucht die letzten vier Jahren einzufangen. Also das Bekanntwerden, der Tod meiner Großmutter, das Scheitern von Beziehungen; all diese Dinge sind auf diesem Album vertreten. Ich weiß nun nicht, wie ich diese Zeit meines Lebens nennen soll, weil meine Jugend ja im Gegensatz dazu eine sehr definierte Sache ist. Meine Post-Jugend vielleicht?

Dein „Jetzt“?
Matty
: Ja, es ist ein Liebesbrief an mein „Jetzt“.

Eure Lyrics tendieren, wie euer Sound, mit jedem Lied stark zu variieren. Einmal sind die Texte sehr kryptisch, ein anderes Mal ziemlich direkt und auf den Punkt gebracht, woran liegt das?
Matty:
Das hat mit Regeln zu tun, die außerhalb der Musik liegen. Das heißt, wenn ich Leute mit meinen Texten erreichen möchte, versuche ich mich von der Musik nicht all zu stark beeinflussen zu lassen. Das hört sich jetzt vielleicht ein bisschen „wanky“ an, aber ich mache es zum Beispiel gerne wie in der Stand-up-Comedy: Je weniger Wörter du als Komödiant brauchst, um jemanden zum Lachen zu bringen, desto besser. Also anstatt einen auf Keats zu machen und mir eine Million Metaphern für „Tod“ zu überlegen, bringe ich es lieber kurz und präzise auf den Punkt. Ich lege auch sehr viel Wert auf Subtext. Es gibt Zeilen auf diesem Album, die auf Lyrics vom Letzten verweisen. Das schafft Verbindungen, die man nur wahrnehmen kann, wenn man sich mit dem alten Material auseinandergesetzt hat. Das ist ähnlich wie bei einer richtig guten Serie. Je mehr Zeit du in sie investierst, desto mehr Zusammenhänge entdeckst du.

Hast du denn irgendwelche Vorbilder, wenn es ums Texten geht?
Matty:
Ja! Der Poet Seamus Heaney, Albert Camus, Mike Skinner von The Streets und Morrissey haben alle einen großen Einfluss auf mich.

Ihr seid für eure fast schon „brutale“ Ehrlichkeit in euren Texten bekannt. Hat dies schon jemals negative oder positive Auswirkungen auf euch persönlich  gehabt?
Matty:
Natürlich hat es das! Wenn du dafür bekannt bist über persönliche Dinge zu schreiben, dann kriegen das Menschen in deinem persönlichen Umfeld mit. Möge das nun deine Familie sein oder Exfreundinnen. Aber ich lebe mein Leben nicht, als wäre es eine „offene Wunde“. Ich habe nicht das Outlet oder den Kontext dafür. Ich bin nicht die Person, die aus Nachtklubs torkelt oder ein Interview über ihr Privatleben gibt. Alles existiert im Kontext mit der Musik; also bin ich quasi auf der sicheren Seite, wenn es um so etwas geht. Außerdem werde ich lieber als ehrlich und brutal oder leicht antagonistisch angesehen, als jemand der den Menschen egal ist und nichts anderes auslöst als Gleichgültigkeit.

Erreichst du jemals einen Punkt, bei dem du dir denkst, dass du dich selber zensieren musst?
Matty:
Ja, auf jeden Fall! Wenn es darum geht, verantwortlich zu handeln. Ich beschütze mein Publikum zwar nicht. Also ich würde etwas nicht nicht schreiben, nur weil ich weiß, dass mir jüngere Fans zuhören. Aber andererseits möchte ich auch nicht ein Botschafter für ungesunde Ideen sein. Es gibt sehr wohl Dinge, die ich getan habe, über die ich nicht schreibe.

Ein Lied auf dem neuen Album, dass besonders heraussticht, ist The Ballad Of Me & My Brain, in der jemand buchstäblich nach seinem weggelaufenen Hirn sucht. Hast du einen Weg gefunden bei all dem Rummel nicht dein Hirn zu verlieren?
Matty:
(lacht) Nicht wirklich! Aber ich denke, jeder kämpft doch mit diesen Gefühlen von Isolation oder des Verlorenseins hin und wieder. Dieses Lied bezieht sich in diesem Sinne nicht exklusiv auf mich. Ich denke, das ist auch der Grund, wieso so viele Leute sich davon angesprochen fühlen. Jeder dreht einmal durch, und wenn du dich in dieser Situation befindest, dann kann es sich auch schon einmal so anfühlen wie als müsstest du dein Hirn wie ein verloren gegangenes Paar Autoschlüssel suchen.

the-1975-live-2016

Matty Healy beim Konzert am 11.04.16 im Gasometer Wien
(c) Yavuz Odabas

 

Was ist das größte Fehlurteil über The 1975?
Matty:
Ich weiß es nicht. Sag du es mir, was denkst du?

Dass ihr Arschlöcher seid?
Matty:
(lacht) Ja, höchstwahrscheinlich! Das ist die perfekte Antwort! Aber ich denke, wenn es um solche Missinterpretationen geht, hat das ziemlich viel mit unserer Selbstdarstellung zu tun. Nimm zum Beispiel unseren Saturday Night Life Auftritt: Ich hab’ mich da ziemlich unleidlich aufgeführt. Ich hatte versucht etwas post-modern zu sein und mit der Idee „Ich bin ein Rockstar im Fernsehen“ zu spielen. Wenn du mich kennst, dann weißt du, dass ich kein Arschloch bin. Wenn du es allerdings nicht tust, dann bin ich eines für dich, weil es keinen anderen Beweis dafür gibt. Aber mir gefällt das! Ich spiele gerne damit. Denn wenn du die Wahrheit herausfinden möchtest, musst du dich mit meiner Kunst auseinandersetzten. Das heißt natürlich nicht, dass ich herumrenne und mich absichtlich wie ein Arschloch aufführe. Dass dich die Leute so nennen, weil du berühmt bist, passiert sowieso. Haters are gonna hate!

Du trägst seit neuestem immer wieder Make-Up und High Heels, wie kommt es dazu? Ist das eine Art Gender Stereotypes entgegen zu wirken?
Matty:
Nein, absolut nicht! Wir sind, was das betrifft, doch schon längst darüber hinaus, wenn man sich David Bowie zum Beispiel ansieht. In keinster Weise denke ich, dass ich subversiv bin, in dem ich als Frontmann einer Band ein Paar High Heels anziehe! Ich denke, die Leute erwarten sich einfach von mir, dass ich irgendetwas damit aussagen möchte, aber für mich ist es wirklich nichts mehr als ein bisschen Kleidung.

Hast du dir jemals überlegt anderweitig kreativ tätig zu sein?
Matty
: Ja! Aber ich habe genügend Outlets dafür. Ich schreibe alle unsere Musikvideos und bin auch für unsere ganze Artwork verantwortlich. Alles was in irgendeiner Weise von oder für The 1975 existiert, kommt von mir. Das ist auch der Grund, weshalb ich so obsessiv bin, wenn es um diese Dinge geht. Weil ich andere Outlets außerhalb des Musikmachens brauche. Ich würde auch gerne bald wieder Regie führen bei einem unserer Musikvideos, aber ich finde einfach nicht die Zeit dafür.

Aber gäbe es sonst noch irgendetwas, dass dich reizen würde, wenn du die Zeit dafür hättest?
Matty:
(lacht) Ja, einen Bösewicht spielen!

Im Internet schwirren Gerüchte herum, dass du ein Buch schreibst und eine eigene Modelinie herausbringst, stimmt das?
Matty:
Ja, ich habe mit dem Gedanken gespielt ein Buch zu schreiben, aber ich wüsste nicht, wer es lesen würde. Und an dem mit der Modelinie arbeite ich auch. Ich mache schon so ziemlich all diese Dinge, aber sie existieren alle in Verbindung mit der Band.

Und dies wird immer so bleiben?
Matty:
Nein, nicht unbedingt! Aber man müsste mir etwas anbieten. Ich würde mich jetzt nicht extra bei einer Schauspielagentur anmelden. (lacht) Wir werden sehen was passiert. Ich bin für alles offen!

Vielen Dank für das Gespräch, Matty! Wir wünschen dir und The 1975 alles Gute für die Zukunft!

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