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The Who? The fucking Who! in der Wiener Stadthalle

The Who? The fucking Who! in der Wiener Stadthalle

Die britischen Rock-Legenden, Idole einer Bewegung, einer Generation, The Who, haben gestern die Wiener Stadthalle in eine Rockoper verwandelt. Auch noch 51 Jahre später können die Jungs, mittlerweile Herren, Onkel, Opas, Gas geben. Wenn auch leiser und gediegener als früher.

Beim Erreichen der Stadthalle: Die blau-weiß-rote Erleuchtung. Ein Kronen Zeitungs Würfel. Ein Kronen Zeitungs Tor. Und hunderte, nein tausende Royal Air Force Kokaden, Mod Targets oder The Who Logos. Auf Shirts, Jacken, Hosen, Kindergesichtern. Unser Fotograf durfte dieses Spektakel leider wieder nicht festhalten. Als Ersatz gibt es diesmal verwackelte Handyfotos.

The Who live in der Stadthalle 2016 / (c) Christian L.

The Who live in der Stadthalle 2016 / (c) Christian L.

Von der lautesten Band zur mittellauten Band

1976, vor genau 40 Jahren, haben The Who einen Rekord gebrochen. Sie sind die Band mit der lautesten Rockshow, die es jemals auf diesem Planeten gegeben hat. Normal werden Rekorde mit der Zeit gebrochen – denn es geht ja immer noch lauter, höher, schneller. Diesem Rekord macht jedoch unsere verweichlichte Gesellschaft einen Strich durch die Rechnung, denn wir müssen ja aufpassen, dass unsere Ohren nicht kaputt werden. Sei es die von der EU festgesetzte „unbedenkliche Lautstärke“ (Neben der „geringen Menge“ ein weiterer Wischi-Waschi Ausdruck, auf den sich The Who Fans sicher nicht einlassen), die Nachbarn, die morgen arbeiten müssen oder der Beton, der plötzlich weicher ist und deshalb nicht mehr so laute Musik verträgt.

The Who live in der Stadthalle 2016 / (c) Christian L.

The Who live in der Stadthalle 2016 / (c) Christian L.

 

Hin oder her: The Who hätten am Mittwoch ruhig noch eine Spur aufdrehen können. Aber Who am I to judge? Oder besser gesagt: Who are you? Mit diesem Klassiker eröffnen Pete Townshend, Roger Daltry und alle anderen The Whos ihr Set. Die Menge versucht sich im Chorgesang. Hinter der Band eine große Leinwand. Es gibt alte Aufnahmen, Animationen und The Who Shit zu sehen. Links und rechts von der Bühne zwei Leinwände. Sie zeigen die Band – doch meistens Pete Townshend oder Roger Daltry. Wenn man so klein ist wie ich, ist ein Konzert in der Stadthalle teilweise wie ein Public Viewing über drei Leinwände. In dem Fall vielleicht sogar wie ein Public Viewing aller CSI Vorspänne. Immerhin sollten die anderen drei Theme-Songs auch noch im Set sein.

Langsam wird’s lauter

Nachdem die ersten Songs, Who Are You, The Kids Are Alright und I Can See For Miles vorbei waren und die Grinser im Publikum immer größer wurden, sollte einer ihrer größten Hits folgen: My Generation. Klassisch, gut – jedoch gerade bei dem Song fehlt etwas die Wucht. Die Wut. Der Schrei nach Veränderung. Dann wird’s kuschelig. Nach Relay spielen sie diesen einen Limp Bizkit Song. Die ganze Halle grölt. Die Alten, die Jungen, die Kleinen, die Großen. Auch wir. Manche wundern sich, wo das Gescratche des DJs ist oder was dieser härterer Mittelteil soll – aber nur wenige. Und spätestens bei den Zeilen

If you swallow anything evil, put your finger down my throat

haben The Who mein Herz erobert. Und dann wurde es irgendwie lauter. Plötzlich gibt es mehr Wucht. Wenn Pete Townshend seine Hand im Kreis schwingt und ausholt um einen Akkord zu fetzen, sieht es nicht mehr wie Playback aus. The Who sind angekommen. Join Together mit sensationellem Einsatz an der Maultrommel, You Better You Bet, I’m One – das volle Programm.

Eines meiner persönlichen Highlights war die Instrumentalnummer The Rock. Sechs bis Acht Minuten Emocore, Emotionen, Nostalgie. Auf allen Leinwänden läuft nun ein Video – eine Art Querschnitt der letzten 50, vielleicht 51 Jahre. Weltgeschichte. ‚Nam, 9/11, Flüchtlingskrise. Zwischendurch junge Kids, als sie noch frei von Sorgen waren, auf ihren Rollern durch die Suburbs Großbritanniens gefahren sind und einfach gelebt haben. Der Wille in dieser Zeit gelebt zu haben wird größer – doch dann eine Nahaufnahme von Richard Nixxon.

The Who live in der Stadthalle 2016 / (c) Christian L.

The Who live in der Stadthalle 2016 / (c) Christian L.

Klimax im Teenage Wasteland

Das Set geht konstant gut weiter, vielleicht ein Durchhänger. Love, Reign O’er me, Amazing Journey, Acid Queen. Langsam sollte das Ende kommen. Und das war stark. Pinball Wizard, See Me, Feel Me, Baba O’Riley. Und die Menge grölt:

Teenage Wasteland, oh Yeah. It’s only Teenage Wasteland!

Aber ohne Won’t Get Fooled Again endet wohl kein The Who Konzert. Auch nicht dieses. Satte zwei Stunden spielen sich Pete Townshend, Roger Daltry und die anderen The Whos die Finger wund und träumen von mehr Flexibilität. Um es in den Worten von Pete Townshend zu sagen:

Oh Man. I should be 16 again and play this fucking Song.

 

The Who live in der Stadthalle 2016 / (c) Christian L.

The Who live in der Stadthalle 2016 / (c) Christian L.

Dankesrede, Bandvorstellung, Verabschiedung, Ende. Bei einem zweistündigen Set darf sich auch keiner beschweren, dass es keine Zugabe mehr gibt. Die Impressionen reichen aus. Mein Kopf würde mich gern in einem grünen Nato-Parka mit Mod Target Aufnäher am linken Arm auf einem Moped im Süden Englands 1976 sehen. Da hätte ich mich beim Konzert auch sicher so gefühlt, als würden wir gerade gemeinsam Geschichte schreiben. Die Welt verändern. Eine Revolution starten. Gestern fühlte ich mich jedoch nur als einer von Tausend in einer kalten, grauen, Mehrzweckhalle. Bei Musik, die so viel Liebe versprüht, bedarf es normal einen Hyde Park, eine Black Rock Desert oder eine White Lake Gemeinde. Aber immerhin hat die Lichtshow von The Who der Stadthalle etwas Romantik und Revolution einverleibt. Denn die Scheinwerfer leuchteten natürlich in blau-weiß-rot Kokarden.

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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