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Turbostaat: „Zukunft? Schlimm. Ganz schlimm.“

Turbostaat: „Zukunft? Schlimm. Ganz schlimm.“

Die Norddeutschen Melancholie-Punks von Turbostaat waren am 30.03.2016 endlich wieder in Wien. Zwei Stunden vor Einlass habe ich mich mit Tobert, Bassist der Band, im Innenhof der Arena getroffen um ein wenig zu plaudern.

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Hallo Tobert. Steht ihr an oder entwickelt sich Turbostaat immer weiter?
Tobert:
Es muss immer eine Entwicklung stattfinden. Irgendeine. Beim Machen des Albums und Aufnehmen gab es schon viele neue und spannende Dinge. Beim Liederschreiben hat sich Marten [Ebsen] auch weiter aus dem Fenster gelehnt und die ganze Band ist mitgegangen. Und das dann in ein Gewand zu bekommen, dass es trotzdem noch Turbostaat ist, das ist das Ziel. Das man sich ein bisschen bewegen kann innerhalb von dem, was man ist.

Wenn man sich jetzt Deutschland und Österreich anschaut. Was füllt ihr dort für Säle, was füllt ihr hier für Säle?
Tobert:
Das kann ich schwer sagen, weil wir jetzt länger nicht hier waren. Ich weiß jetzt auch nicht, was hier [Arena kleine Halle] reinpasst (Ich falle ihm ins Wort: 250). Ja die dürfen gerne alle kommen. In Berlin ist es jetzt das größte Konzert mit 1600 Leuten – ausverkauft. Da hat sich etwas entwickelt und der Rest der Tour, wo nicht ganz klar war, ob die Tür jetzt dicht sein wird oder nicht – das hat dann bis jetzt auch immer geklappt. Wir spielen dann auch schon in 400er Läden oder auch mal kleiner. Es kommt immer drauf an, wo man ist.

In puncto Texten: Ihr singt ja schon immer zwischen den Zeilen oder in Metaphern…
Tobert:
Auch.

Ist es euch wichtig, einen gewissen Spielraum für die eigene Interpretation zu lassen?
Tobert:
Ich kann ja jetzt quasi auch nur als Fan reden, weil ja Marten die Texte schreibt. Wir unterhalten uns schon mittlerweile viel drüber und werfen uns Ideen gegenseitig an den Kopf. Wir spinnen dann auch gemeinsam Ideen. Diesmal habe ich einen direkteren Einblick in die Texte bekommen, wo die Texte herkommen. Als Fan dessen, was einer schreibt, finde ich es schön, dass inhaltlich alles vorhanden ist – man kann in dem Texten lesen und hören, was gemeint ist. Ich finde es schön, dass wir als Band eine Sprache haben und dass wir diese über Jahre hinweg durchziehen.

turbostaat-interview-2016

(c) Robert Reischütz

 

Ich werfe jetzt ein paar Begriffe in den Hof und du sagst mir einfach, was sie dir bedeuten.
Backpfeilchensalat:
Ne, das heißt Backpfeiffensalat. ‚Ne Backpfeiffe ist in Norddeutschland eine Bezeichnung für eine Ohrfeige. Also wenn man eine geklatscht kriegt. Und Backpfeiffensalat? Ich würde mal behaupten, dass man da bisschen mehr eine geklatscht kriegt.

Eisenmann: Es scheint sich um eine männliche Person aus Eisen zu handeln. Aus dem Kontext gerissen, ist das eher schwer zu beantworten. Aber ich würde es jetzt auch gern bei dem belassen, weil wenn ich jetzt allen erkläre, worum es dabei geht – das wäre ja doof.

Abalonia – ist das ein Ort, mit dem du dich identifizieren kannst? Mhm, ne ja. Ich finde die Reise interessanter. Ich glaube schon sehr lange begriffen zu haben, dass wir als Mensch kein Ziel haben. Wir haben auch damals einfach eine Band gemacht. Dann haben wir Konzerte klar gemacht und sind losgefahren, ganz ohne Hintergedanken. Und das ist uns auch irgendwie erhalten geblieben, also diese Reise, dieser Weg. Ich setze mich gerne in den Tourbus und fahre rum. Ich mag das einfach. Ich glaube Orte können auch sehr viele Punkte verschiedener Orte gleichzeitig sein.

Peter Schmidt hat sich da unheimlich Mühe gegeben. Ich meine, der hat Depeche Mode gemischt. Den haben wir gar nicht verdient.

(Tobert über die neue Platte Abalonia)

Zukunft: Ja… schlimm. Ganz schlimm. Nein, wir wachsen immer. Das Management, Franklin, der den Bus jetzt auch öfters fahrt, der Friese, Humberto… das ist jetzt schon so ein Gang-Ding geworden. Und Zukunft ist oft natürlich ein Thema. Weil Punk und Zukunft ist immer so ein Ding. Zum Großteil haben wir Familien und Kinder. Und ich glaube, dass viele Leute, die nicht unterwegs sind und nicht auf Tour gehen oder in ’ner Band spielen, sich schwer vorstellen können, wenn man dann mit dem bisschen Geld nach Hause kommt und seinem Kind sagt: „Haha – keine Turnschuhe für dich“. So ist es ja aber auch nicht. Wir sind schon sehr sparsam und gleichzeitig geht es uns auch ganz gut. Wir haben uns daran gewöhnt.

Ist Turbostaat das, was du bis an dein Lebensende machen willst?
Tobert:
Du könntest mich morgen noch mal fragen und dann sag ich dir: ‚Frag mich noch mal am Tag drauf.‘ Ich kann es dir nicht sagen. Ich lerne jetzt gerade den vermeintlichen Nicht-Anspruch, es ein bisschen flexibler zu sehen. Der Komfort vom Reisen wird von Jahr zu Jahr besser. Dazu kommt in meinem Fall: Ich kann auch nichts anderes. Ich habe mit 19 meine Schule geschmissen, kein Abi gemacht und bin einfach auf Tour gegangen. Ich kann mir ehrlich gesagt auch nichts anderes vorstellen.

turbostaat-interview-2016

(c) Robert Reischütz

 

Die neue Platte Abalonia wurde groß diskutiert. Ich hab ein paar Interviews gelesen – jeder schreibt über das Flüchtlingsthema, das ihr auch auf der Platte behandelt. Ich sehe auch diese Parallelen, jedoch war bei jedem Magazin derselbe Aufmacher.
Tobert:
Wenn du auch ganz viele andere Sachen darin siehst, dann ist das gut. Die sind da nämlich auch mit drinnen. Es ist prinzipiell in mehreren Liedern das Thema Flucht drinnen, aber nicht dezidiert das Thema Flüchtige. Es geht eher um den Vorgang Flucht, diese Bewegung. Und da sind eben ganz viele andere Sachen auch drinnen. Es gab halt einen Pressetext, der das Thema auch behandelt hab. Und ja, wenn jetzt in dem Pressetext stehen würde, dass ich das ganze Album mit einer Hand eingespielt habe, dann würde das wohl auch in jedem Magazin stehen. Wär sicher auch eine Spur geiler gewesen.

Was ist das für ein Chaos? Was spielen die da eigentlich? Ich kann das gar nicht mehr so krumm machen.

(Tobert über das Debütalbum Flamingo)

Es ist nicht so, dass ich das neue Album nicht gehört habe. Ich spare mir jetzt trotzdem die Fragen über Abalonia – das kann man in zig anderen Magazinen nachlesen. Ich frage dich jetzt lieber: Wenn du ein Album neu aufnehmen könntest, welches wäre das?
Tobert:
Powerslave von Iron Maiden. Du hast ja nicht von meiner Band gesprochen! (lacht) Keines. Wir haben ja vor ca. 1,5 Jahren diese 16 Jahre Turbostaat Tour gespielt und haben alle Alben chronologisch durchgespielt. Da haben wir halt auch Lieder gespielt, die wir sonst nie spielen. Man merkt schon, dass man gewisse Sachen besser kann. Aber gewisse Dinge zu replizieren ist nicht so einfach. Flamingo nachzuspielen ist in gewissen Teilen gar nicht so einfach. Du hörst dir das auf Platte an und denkst dir: Was ist das für ein Chaos? Was spielen die da eigentlich? Ich kann das gar nicht mehr so krumm machen. Deshalb glaube ich, egal welches Album man nehmen würde – es würde das Ganze zu toll verzehren, wenn wir das neu aufnehmen.

Kennst du österreichische Musiker und findest du welche gut?
Tobert:
Ich kenne kaum Sachen aus Österreich. Ich glaube so Bands von früher, mit denen Marten zusammen Platten rausgebracht hat, die gibt es alle nicht mehr. Strahler80 zum Beispiel. Bilderbuch war doch ’ne große Sache, das hat mir mal wer gezeigt. Aber das ist auch an mir vorbeigegangen. Ich lese seit fast fünf Jahren keine Musikpresse mehr. Ich gehe in den Plattenladen und hol mir eine Platte, die mich anspricht. Ich finde diesen Ansatz ganz wichtig und gut für mein Leben. Ich möchte das nicht mehr haben, dass mir Leute sagen, was ich gut finden soll und was nicht.

Da denke ich mir: Ganz ehrlich, lassen wir das und google den Scheiß.

(Tobert über Interviews, wo immer dieselben Fragen gestellt werden.)

turbostaat-interview-2016

(c) Robert Reischütz

 

Das hat vermutlich schon vorher jemand mal gesagt. Aber ich zitiere jetzt mal Marcus Wiebusch aus seiner …But Alive Zeit: „Über Musik schreiben ist, wie zu Architektur tanzen“. Du sagst mir, dass dich Musikpresse eigentlich gar nicht interessiert. Wie wichtig ist dir dann das, was wir zwei hier gerade machen?
Tobert:
Ich finde, das ist schon ganz nett. Das ist ja auch eines der angenehmeren Interviews. Wir unterhalten uns ja tatsächlich. Und du fragst nicht nur, wann wir uns gegründet haben oder wie viele Songs auf allen Alben zusammen sind. Minus 12. Das ist so das normale Spiel. Ich finde interessanten und guten Musikjournalismus voll wichtig und bereichernd. Ich finde es langweilig, wenn dich Leute immer dieselben Fragen fragen. Da denke ich mir: Ganz ehrlich, lassen wir das und google den Scheiß. Das ist eh alles schon einmal beantwortet worden. Das mein ich jetzt gar nicht böse. Eher so: Bitte klaue mir nicht meine Zeit. Aber ich finde es generell ganz wichtig, dass eine außenstehende Person sagt: Mir gefällt das oder mir gefällt das. Ich persönlich kann mir aber ziemlich gut vorstellen, über Architektur zu tanzen. Wenn du vor so einem richtig guten Gebäude stehst und dir denkst, das fetzt ganz schön unten rum. Da kann man dann auch ein bisschen seine Füße bewegen.

Das heißt, solange es wer anderer liest, ist es gut.
Tobert:
Ja! (lacht) Das sind halt so Sachen. Ich habe mal das Intro Magazin aufgemacht und jemand hat mir erzählt, dass diese Band die da drinnen ist, der absolute Hammer ist. Und dann hab ich mir das angehört und gesagt: Ja, das stimmt! Und dann hab ich mich so ein bisschen meiner Zeit geraubt gefühlt. Ich habe ja auch meinen eigenen Geschmack und da habe ich gemerkt, dass es mir einfacher fällt, wenn mir davor niemand erzählt, ob mir das gefällt oder nicht.

Danke für das Gespräch. Hast du noch eine letzte Weisheit für eure österreichischen Fans?

Photos: (c) Robert Reischütz

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"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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