Home   /   Live Reviews  /  Musik  /   Überraschend und intim: James Morrison im Gasometer

Überraschend und intim: James Morrison im Gasometer

Überraschend und intim: James Morrison im Gasometer

An einem Sonntagabend gastierte der Brite James Morrison für ein Konzert im Wiener Gasometer. Auf dem Weg dorthin hatte ich schon eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie sich der Abend gestalten würde. Doch wie sagt man so schön: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt! Und so hielt das Konzert einige Überraschungen für mich bereit.

Überraschung 1: das Publikum

Als ich das erste Mal die Halle betrat – nicht wie üblich durch den seitlichen Eingang, sondern durch die Mitte – musste ich erst mal stehen bleiben und mich umsehen. Noch ein prüfender Blick auf die Uhr; ja, kurz vor acht Uhr, jede Minute beginnt der Support Act. Ich bin also nicht zu früh, es sind einfach sauwenig Leute im Gasometer. Und leider übertreibe ich nicht, es war wirklich ziemlich leer! Da hat sich der Veranstalter (Arcadia Live) wohl ordentlich verpokert, immerhin war das Konzert zuerst für die Wiener Stadthalle geplant. Alles in allem hätte das Publikum wohl auch in die Arena gepasst, doch die war besetzt (dort spielten Juliette and the Licks). Das war eine echt unschöne Überraschung.

Positiv überrascht wurde ich hingegen vom Alter der Anwesenden. Ich hatte mit einer Teenieparade in den ersten Reihen gerechnet, wie es bei einem Schnulzenpopsänger wie James Morrison üblich ist. Doch das war nicht der Fall, der Altersdurchschnitt lag an diesem Abend bei (mindestens) 30 Jahren! Den Grund dafür findet man ziemlich sicher im Ticketpreis: Stolze 45€ sollte man blechen – was für ein Konzert in der Stadthalle eher normal, für eines im Gasometer aber geradezu Wucher ist.

Nicht zuletzt hatte ich zugegebenermaßen mit einem höheren Frauenanteil gerechnet, doch das Verhältnis von Weiblein und Männlein war in der Tat ausgeglichen. Wie viele Herren nur von ihren Frauen mitgeschleppt wurden, weiß ich natürlich nicht – müsste ich schätzen, würde ich sagen; die meisten. Aber mit meinen Prognosen lag ich an diesem Abend ja immer daneben, also wer weiß das schon! Es lag jedenfalls ganz viel Liebe in der Luft. So viel, dass es gereicht hätte, jemanden zu schwängern. (Und wer weiß, was nach der Überdosis Romantik in den heimischen Betten noch so passiert ist…)

kelvin-jones-live-wien-gasometer-2016-by-robert-reischuetz 001

Kelvin Jones
(c) Robert Reischütz

Überraschung 2: Kelvin Jones

Schon wurde es dunkel in der Halle und Support Kelvin Jones betrat die Bühne – und das ganz alleine, nur bewaffnet mit seiner Gitarre. Das sieht man auch nicht so oft, auch wenn Passenger das mittlerweile salonfähig gemacht hat. Und gerade von einem Newcomer erfordert es doch irgendwie besonderen Mut, sich ohne Rückendeckung einer Band auf die Bühne zu stellen. Also Hut ab dafür, Kelvin Jones!

Etwa eine halbe Stunde lang spielte der in Zimbabwe geborene und nun in London lebende Sänger eine Mischung aus gelungenen Covern (wie beispielsweise einem Can’t Feel My Face/Shine Mashup) und eigenen Songs – wie seinem Hit Call you Home, das vielen aus dem Radio bekannt sein sollte. An dieser Stelle sei gesagt: Der Typ hat Talent, der Typ hat Charisma, der Typ hat es verdient gehört zu werden. Seine Songs kamen gut an und auch den Umgang mit dem Publikum meisterte er wie ein Profi. Sein Debütalbum Stop the Moment erschien schon im Oktober letzten Jahres – das könnte man sich ruhig noch zulegen!

james-morrison-live-wien-gasometer-2016-by-robert-reischuetz 011

James Morrison
(c) Robert Reischütz

Überraschung 3: James Morrison

Um Punkt 21 Uhr wurde es dann Zeit für den Hauptact James Morrison. Er und seine siebenköpfige Band betraten die Bühne und die ersten Töne von Under the Influence erklungen unter einem Wechselblitzen der Scheinwerfer. Ich konnte quasi hören, wie die Fotografen im Bühnengraben mit den Füßen scharrten und es nicht abwarten konnten, endlich Bilder machen zu können. Doch schließlich ging doch das Licht ganz an und gab den Blick frei für die liebevoll gestaltete Bühne. Nix Visuals und High Tech und so – passend zu den fast nur akustischen Instrumenten (E-Gitarre und Keyboard bildeten die Ausnahme) bestand das Bühnenbild aus Lichterketten und Scheinwerfern, die vor einem roten Hintergrund angeordnet waren.

Es wirkte wie die Bühne eines kleinen Jazzclubs und irgendwie kam es einem auch so vor, als würde hier nicht der bekannte James Morrison spielen, sondern unbekannte Musiker in einer Bar für Unterhaltung sorgen. Das passte auch zu der Publikumsstimmung: Es waren kurzes Klatschen und wenige „Woos“ statt völligen Ausrastens angesagt – hier machte sich die Abwesenheit von jungen Fans bemerkbar. Für die gefühlt intime Baratmosphäre war das vollkommen okay, doch in der großen Location mit riesiger Decke klang der Applaus recht leise, denn der Ton ging im Raum verloren. Ich hoffe, von der Bühne aus hörte es sich ein wenig lauter an!

james-morrison-live-wien-gasometer-2016-by-robert-reischuetz

James Morrison
(c) Robert Reischütz

 

Trotz seiner jahrelangen Erfahrung (vor zehn Jahren erschien sein Debüthit You Give Me Something) gab sich James Morrison zwischen den Songs oft schweigsam, was ich nicht ganz erwartet hätte – es war mein erstes Konzert von ihm. Womit ich aber definitiv nicht gerechnet habe, ist, an diesem Abend das Wort „Sperma“ aus seinem Mund zu hören! Aber doch, als er von der Geburt seiner Tochter Elsie (mittlerweile 7 Jahre alt) erzählte und das Publikum Beifall klatschte, scherzte er darüber, bejubelt zu werden, sein Sperma untergebracht zu haben. Ich traute meinen Ohren kaum..!

Gar nicht wundern musste ich mich über den musikalischen Teil des Abends. Hier wurde ich nur durchaus positiv überrascht. Was er sich an Energie in den Ansagen sparte, packte James Morrison vollkommen in seinen Gesang. Ganz ehrlich, es sah aus, als würde er um sein Leben singen. Er hat einfach alles gegeben – und dabei zuzusehen, machten die Show wirklich besonders.

So was ist ein Grund, warum man mich nie auf einem Konzert von Madonna und Co. sehen wird! Denn auch wenn natürlich jedes Konzert durchgeplant ist, ist es so schön zu sehen, dass es eben nicht nur runtergebetet wird. Danke dafür, James Morrison! Bei ihm würde ich sogar drauf wetten, dass es ihn wirklich nicht störte, dass die Halle verhältnismäßig leer war. Er lebt für die Musik, ganz offensichtlich.

Bleibt nur noch eine Frage zu klären:

Ist das eigentlich Mädchenmusik?

Denn das hörte ich sie neben mir ihren Partner fragen. Was er dazu sagte, konnte ich jedoch nicht mehr hören …

James Morrison – Setlist:

  1. Under the Influence
  2. Nothing Ever Hurt Like You
  3. I Won’t Let You Go
  4. Stay Like This
  5. Something Right
  6. Wonderful World
  7. Person I Should Have Been
  8. Demons
  9. Slave to the Music
  10. Easy Love
  11. If You Don’t Wanna Love Me
  12. Broken Strings
  13. I Need You Tonight
  14. Call the Police

    Zugaben:

  15. Undiscovered
  16. You Give Me Something
  17. Higher Than Here

Photos: (c) Robert Reischütz

Home   /   Live Reviews  /  Musik  /   Überraschend und intim: James Morrison im Gasometer

Tags

Related Article