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Was los Wiesen, Ahnma – HipHop Open 2016

Was los Wiesen, Ahnma – HipHop Open 2016

Das HipHop Open wanderte dieses Jahr von der Arena Wien in die Erdbeergemeinde Wiesen im Burgenland. Zusammen mit einer Handvoll Tausend Leuten, die es zu verstehen wissen, wie man Party macht. Für jemanden, der normalerweise bei subkultureller Stromgitarrenmusik abgeht wie Schmidts Katze, hab ich mich schnell akklimatisiert und schon beim ersten Act dabei ertappt, wie ich 2 Hände am Bouncen war. Aber wie jede gute Festival-Geschichte beginnt auch diese hier am Anfang – mit einem vollgestopften Auto, einem Wurfzelt und zwei Kühlboxen voller halbkühler Überraschungen.

Seit 40 Jahren ist Wiesen nun eine Festivalgemeinde – seit diesem Jahr ist die Geschichte wieder in neuer Hand – man ist skeptisch was einen erwartet. Schon beim Empfang ist das Personal superfreundlich (oder ur nais, wie man in Wiesen zu sagen pflegt). Liegt vielleicht daran, dass es größtenteils unbezahlte, junge, hippe Volunteers sind, die ihr Herzblut für wen Anderen in eine Sache stecken – die ihr Herzblut in das große Privileg stecken, endlich „hinter die Kulissen großer Festivals blicken zu dürfen“. Auf gut Deutsch: Bänder kontrollieren, gut ausschauen, freundlich sein.

(c) Dave Bitzan

(c) Dave Bitzan

Gezeltet werden darf so gut wie überall. Leine ziehen und Wurfzelt an eine freie Stelle im Wald werfen. Manche zelten auf den Parkplätzen, manche am Straßenrand – manche schlafen im Auto. Die Straße, die zum Festivalgelände führt, ist für die Uhrzeit schon richtig belebt. Das Buffet hat noch geschlossen, dafür gibt es grandiose Samosas gleich daneben.

Der letzte Abschnitt der Wiesen-Allee ist links mit diversen Foodtrucks bestückt – einer hipper als der andere. Wraps, Smoothies, Pastrami, weiß der Teufel was. Bei der Pastrami-Crew haben wir auch mal schnell hinter die Kulissen geblickt, um zu schauen, wie die Curry-Sauce so zubereitet wird. Mit viel Liebe. Auf der anderen Seite eine große Chillout-Area mit Möbeln aus Paletten, eine Art Dj-Pult, Schatten spendende Zelte. Verpflegung gibt es in einem größeren Getränketruck von Achtundzwanzig und der Mary und ihren Polkadots. Der erste Gemütszustand also positiv – Zeit für derbe Beats, oder so.

Ihr seid 80 Millionen, die man abschlachten muss

Nachdem Huhnmensch & Böser Wolf und Chefket die Main-Stage eröffneten, ging es auch schon los mit Punkrap. Die Antilopen Gang in gewohnt guter Manier – auch wenn sie nicht ganz ins Line-up passen. Gutes Set mit vielen Hits. Die Leute im Publikum ficken laut die Universität – die Antilopen kapitalisieren Antikapitalismusattitüden. Schließlich haben sie ja ihre Seele an den Teufel verkauft. „Campino„, fügt Panik Panzer lächelnd hinzu. Pit, Pogo, Wall of Death. Ein guter Start. Odisee wurde leider verschoben – es wurde geraten zum Rap Battle auf die Second Stage zu gehen. Und dann wurds tiaf.

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(c) Dave Bitzan

Muschi, Beidl, Hure, -nsohn

Auf der Bühne stehen vier Menschen. Sie rappen und zerficken sich lyrisch. Falls man hier von lyrisch reden kann. Aber nun gut, es ist auch ein Battle. Sie selber sehen sich als drei Männer und eine Frau, die sich gleich voran als Quotenfrau geoutet hat. Hat sie ja auch recht. Leider hatte sie gar keine Skills, hat nur von den Beidln ihrer Konkurrenz gerappt und wie klein und verschrumpelt sie nicht wären. Das Problem an der Sache – die Typen machten ihr es gleich und rappten darüber, wie unterfickt ihre weibliche Konkurrenz nicht wäre, weil „ich zensiere das hier mal“. Ja es ist ein Battle aber auch ein Kulturschock.

Kommt man doch gerade von den Antilopen, die gerade noch Anti-Sexismus, Anti-Faschismus und weiß der Teufel was öffentlich gutheißen und dann stößt man auf einen Schwanz-Kitzler Vergleich. Die Rapperin ist dann auch recht bald ausgeschieden – dann ging es wieder mit Anstand zu – dann wurden nur mehr die nicht anwesenden Mütter lyrisch gefickt. Soll nicht heißen, dass die restlichen Battles gleich verliefen. Keineswegs. Die Ösi-Quote stieg jedenfalls durch die Nachwuchszerfleischer. Danach kamen noch Kreiml & Samurai – gekonnt fresh. Ab zur Hauptbühne.

Jeder, den du kennst, kennt eine meiner Lines

Fünf Sterne Deluxe sollten die erste Überraschung des Abends sein. Also überraschend langweilig. Natürlich gingen alle bei Jaja deine Mudda, Türlich Türlich oder Die Leude ab. Nostalgie und so. Der Rest war dann eher doch zum Kopfnicken. Blumentopf haben wir uns eher aus dem Off angehört – war aber ganz ok. Ich bin halt doch nicht so HipHop, dass ich immer Jo sagen muss.

Außerdem haben sich Blumentopf wenig mit Neonschwarz überschnitten, die auf der Second Stage ihren Zeckenrap dropten. Die Stimmung war gut, die Bühnenpräsenz sowieso. Neonschwarz sind einfach eine Combo, die es zu verstehen weiß, wie man Stimmung macht und Inhalte rüberbringt, ohne den moralischen Mittelfinger zu erheben.

(c) Dave Bitzan

(c) Dave Bitzan

 

Schnell zurück zur Hauptstage und das Grande Finale begutachten. Stimmung ausgelassen, tausend Hände am Himmel – alle sind gekommen um die Beginner zu sehen. Endlich. Jahrhunderte später. Eizi Eißfeldt (Jan Delay), Denyo und DJ Mad betreten die Bühne. Der Bass von ihrer neuen Single Ahnma erdröhnt. Die Menge kocht. Eizi hätte das Mikrofon gar nicht benötigt: Obwohl man ja eigentlich auf „die alten Sachen“ schwört, schrien tausend Leute seine Zeilen. Nicht ohne Grund heißt es

Jeder, den du kennst, kennt eine meiner Lines.

Zwischen doch mehreren unbekannten Songs des neuen Albums hauen die Beginner genügend Klassiker raus. Füchse, Liebeslied, Hammerhart und wie sie nicht alle heißen. Das Publikum geht ab, man merkt trotzdem eine gewisse Gespaltenheit. Manche haben das gewisse Funkeln in den Augen, manche die gewisse Enttäuschung. Meine funkelten. Es war großartig. Doch etwas kurz – dann aber noch haufenweise Zugaben – man könnte doch zufrieden sein.

Die Show ist aus. Erst jetzt merken viele, dass es eigentlich aus Schaffeln schifft. Im Eilmarsch zurück zum Zelt – welch Freude, es ist durchnässt. Ab ins Auto erst mal eine Runde Let’s get it on von Marvin Gaye hören, dann zur After-Show Party ins Trockene. Ach was, kann ja eh keiner mehr stehen, gute Nacht.

1000 Liebe für ein Mittagsrauscherl

Tag 2 beginnt gleich mal mit einem meiner persönlichen Highlights: Yasmo & Die Klangkantine. Ich finde Yasmos Shows ja immer echt sympathisch und tight, doch mit Band gleich noch mal viel tighter. Diese Frau hat Bühnenpräsenz, ist witzig, hat Inhalt und die Band hat Skills. Dj Bacchus an den Turntables, Gitarre, Bass, vier Bläser (mit abwechselnden Soli-Einlagen), Schlagzeug und allen voran Yasmo. Es war zwar erst 13:30 – aber gute Laune macht sich breit. Das lag sicher nicht nur am Festival-Mittagsrauscherl. Ein würdiger Auftakt für den zweiten Tag HipHop Open 2016.

Ganz in Rap hab ich ja noch nicht reingefunden. Fraglich vor allem wieso sich der nächste Act mal wieder hinter einer Maske vom Toys’r’us verstecken muss. Das Geheimnis lüftete sich nach den ersten paar Zeilen – das kann gar nix, besser sein Gesicht bewahren. Texta schließen an. Ja was soll man da sagen – Texta eben. Gut, witzig, Texta eben. Danach erst mal Frischluft schnappen – also anderswertig die Zeit vertreiben. Irgendwie verläuft auf so einem Festival dann doch die Zeit wie im Flug, so haben wir es erst wieder zu De La Soul geschafft. Hafti und Xatar, Nazar und Prinz Pi standen jetzt nicht zwingend auf unserer Itinerary, Fiva definitiv schon.

(c) Dave Bitzan

(c) Dave Bitzan

 

Me, myself & Sido

Die HipHop-Legenden De La Soul sind gekommen um ihre Old Skool Vibes zu verbreiten. Die Stimmung ist gut, die Typen witzig, Musik super. De La Soul kochten jedenfalls die Stimmung für Sido auf – der sie dann wieder zum Abkühlen brachte. Schon am Nachmittag merkte man, dass die Meinungen zu Sido sehr gespalten sind. Texta zählten mit dem Vorsatz „freut ihr euch schon auf …“ alle Artists auf, die noch nach ihnen spielen würden. Die Meute kreischte, warf die Hände in die Luft, klatschte. Alleinig bei Sido musste man die einzelnen Hände in der Meute suchen.

Zur Überraschung war die Area vor der Bühne dann doch gut voll. In Camouflage-Cargo und Weste betritt Sido die Bühne. Er gibt den Ton an – er macht uns klar, dass es zuerst seinen neueren Scheiß gibt, damit die Kiddies schlafen gehen können. Danach ginge es real zur Sache. So richtig Old Skool wurde es nicht. Na klar – Mein Block Medley, Straßenjunge, Schlechtes Vorbild, Mein Testament und Tausend Leute schreien „Mit Scheiße auf Klopapier“. Aber eigentlich wollten sie ja alle nur den Arschficksong hören.

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(c) Dave Bitzan

Sidos Ansagen strotzten vor Selbstüberzeugung und Halbwitz – mehr kann ich dazu nicht sagen, ohne einen Heinzl zu riskieren. Immerhin brüstet er sich auch Jahre später noch mit seiner Watsch’n. Auch in Wiesen. Zum Schluss des Sets noch eine schwere Entscheidung: Etwas Neues oder den Arschficksong. Dadadadaadaaa.

Der zweite Tag des Festivals geht zu Ende – kurz noch bei den Pastramis chillen, bevor die Waxos um zwei Uhr die After-Hour übernehmen. Ich setze jedoch aus und übernachte in der Lacke von Zelt. Der Rest ist nicht mehr rekonstruierbar.

Fazit

Zusammenfassend kann man sagen – sollte die Erde jemals gesprengt werden, um eine Hyperraum-Umfahrungsstraße zu errichten, sind es wohl die Rapper und Rapperin, die wohl am ehesten überleben. Denn sie wissen wohl immer, wo ihr Handtuch ist. Nämlich auf den Schultern, in der Hand, am Kopf – vor, nach und während der Show. Angeblich waren ca. 4500 – 5000 Menschen auf dem Gelände, das für ca. 8000 – 9000 zugelassen ist, und feierten – das merkte man. Die Stimmung war super, die Bewegungsfreiheit groß.

Ob wirklich jemand das etwas überteuerte Comfort Camping nutzte – bleibt offen. Und um es in Yasmos Worten zu sagen: 1000 Liebe geht an: das HipHop Open 2016 in Wiesen, den Host Joe Joe, Mc Letscho, die Pastrami Crew, die Erfindung des Wurfzelts und allen voran 1000 Liebe an das nächtliche Erdäpfelgulasch. Teuer aber unabdingbar – wenn mal wieder der genussmittelverursachte Heißhunger kommt.

Photos (c) Dave Bitzan

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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