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Alle Macht den Rezipienten: Spaceman Spiff im B72

Alle Macht den Rezipienten: Spaceman Spiff im B72

Die Songs von Hannes Wittmer, alias Spaceman Spiff sind auf viele Arten zu interpretieren. Er selbst findet: Alle Macht den Rezipienten. Seine Konzerte sind jedoch nur auf eine Art zu interpretieren. Auf eine ganz besondere, schöne, nette und sympathische Art.

Und alle rannten mit

Um kurz nach neun ertönt über die Lautsprecher im Vorraum das Lied Straßen. Die Show beginnt. Auf der Bühne sind Spaceman Spiff und Clara Jochum. Sie spielt das Cello. Mit Bravour. Mit Liebe. Vor fast vier Jahren war Spaceman Spiff das letzte Mal in Wien. Um genau zu sein im b72. Seitdem ist viel passiert. Oder auch nicht. Spaceman Spiff hat sein Album Endlich Nichts rausgebracht. Danach machte er knapp zwei Jahre Pause. Trotzdem kamen gestern ca. gleich viel Menschen wie vor vier Jahren ins b72. Sie sind jung, alt, männlich, weiblich, Pärchen, Singles.

Spaceman, nennen wir ihn nur Spaceman, ist ein netter, ehrlicher Typ. Zwischen den Songs erzählt er dir Sachen, die er die letzten vier Jahre schon woanders dauernd erzählt hat. Aber eben nicht hier. Es gibt viel Gelächter, jeder fühlt sich wohl. Wohnzimmeratmosphäre hoch zehn. So, wie wenn man seine Songs hört. Spaceman Spiff ist ein Poet der Neuzeit, der seine Gedichte mit Musik untermalt. Songs zum Reinlegen. Zum Losheulen/-grinsen, je nach Gefühlslage. In sein Set mischt er Lieder aus allen drei Alben. Und da er so lange nicht mehr da war, sagte er, nimmt er gern Wünsch entgegen. Ein paar könne er aber nicht erfüllen. Er habe so lange nicht gespielt, dass er teilweise seine eigenen Lieder vergessen hatte und sie sich über seine eigenen Youtube Videos wieder beibrachte. Es folgten Photonenkanonen, Egal und Teesatz. Clara verließ für drei Songs die Bühne. Schnee, welches Spacemans Angels sei. So endete er auch das Lied.

Drüben im Park kacken Vögel auf die Bänke

Immer wieder spielt sich Spaceman mit dem Loopingpedal und spielt so ein Strumming ein, das einem Drumbeat ähnelt. Eine klasse Lösung für manche seiner Songs. Clara und er harmonieren von Anfang bis Ende. Ab und zu wechselt sie ans Klavier oder ans Glockenspiel. Spaceman lässt so gut wie keinen Wunsch aus. Sie spielen Han Solo und Oh, Bartleby in einem Zweiermedley.

Zur Verwunderung hat Spaceman Spiff ein neues Lied im Gepäck. Working Title: Affen. Ein schöner, ruhiger Song in gewohnter Spaceman Manier. Der Song macht Lust auf mehr. Das Publikum gibt viel Applaus, quatscht zwischendurch mit ihm. Immer wieder betont er, wie nett es hier sei. Dass es sicher keine vier Jahre mehr dauern wird, bis er wieder kommen würde. Wir nehmen dich beim Wort, Junge.

Endlich hier zu Hause, aber immer noch nicht daheim

Das b72 ist wohl die perfekte Location für ein Spaceman Spiff Konzert. Vor allem aber für das Lied Mind The Gap. Immerhin kommt die U6 tatsächlich alle drei Minuten und hält, was sie verspricht. Das Set neigt sich dem Ende zu. Für die letzten zwei Lieder kommt Claras Schwester auf die Bühne und spielt Klavier. Mit Vorwärts ist keine Richtung beenden Hannes und Clara ihr Set. Tosender Applaus – kein Ausweg. Zwei Songs noch. Einer davon ist Nichtgeschwindigkeit. So jetzt aber. Das Publikum hört nicht auf zu klatschen. Niemand will Spaceman gehen lassen. Immerhin fehlte definitiv noch Hamburg im Set. Er betritt die Bühne. Hamburg.

Nach dem Konzert ist Spaceman Spiff am Merch. Die Schlange ist lang. Immerhin gibt es die limitierte Click Click Decker Split, die Jahre lang verloren gegangen gewesen sei. Nett zu sehen, dass bei so wenig Publikum doch so viel Menschen nach dem Konzert am Merch Schlange stehen. Spaceman ist sichtlich glücklich. Dankbar. Wir sind es auch. Denn so ein Konzert wie dieses erlebt man selten. Ein Konzert, bei dem man nicht zu Hause ist, sich aber wie zu Hause fühlt. Bei dem man nie auf die Uhr schaut, bei dem man nie möchte, dass es vorbei ist. Und dann noch diese Sympathie, dieses Gefühl von Geborgenheit. Sentimentale Scheiße eben. Danke.

 

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Robert Ziffer-Teschenbruck

„Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen“ (Marcus Wiebusch)

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