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Alles andere als altmodisch: die elektrische Drehleier

Alles andere als altmodisch: die elektrische Drehleier

Es gibt Instrumente, die jeder kennt und liebt. Schlagzeug, Bass, Gitarre zum Beispiel – die kann selbst der größte Musiknoob zuordnen. Etwas exotischere wie das Theremin (Big Band Theory sei Dank) und etliche weitere gehen meist auch noch. Und dann gibt es noch Instrumente, die abseits bestimmter Genres weitgehend unbekannt sind, so wie die elektrische Drehleier. Zu Unrecht, wie ich finde! Denn das alte Instrument kann mehr, als altmodisch klingen!

Auch mir war bis vor Kurzem nicht wirklich bewusst, dass es dieses Instrument noch gibt. Mittelaltermusik (wo es vor allem vorkommt) ist nämlich nicht so meins. Und sollte ich doch mal eines gehört haben, konnte ich den Sound vermutlich nicht zuordnen. Vor allem aber hatte ich keinen Plan davon, wie verdammt cool und vielseitig diese Teile eigentlich sind! Nachdem ich eines im Rahmen einer fantastischen Zirkusshow in Italien live gesehen und gehört hab, kann ich sagen: Coolnessfaktor? It’s over 9000!

Auf Englisch heißt die elektrische Drehleier übrigens Electric Hurdy Gurdy – das klingt doch gleich noch sexyer. Sie gehört zu den Saiteninstrumenten, hat mit Violine oder Gitarre aber wenig am Hut: Meist ist eine elektrische Drehleier etwa 50 cm lang, oval geformt und aus Holz. (Es existieren allerdings viele Bauarten, bei denen sich vor allem Form und Material stark unterscheiden können.) Statt eines Bogens streicht hier ein Rad die unterschiedlichen Saiten. Dieses setzt der Spieler mit einer Kurbel in Bewegung – mit einer Hand wird also immer gedreht.

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Guilhem Desqs Elektrische Drehleier / electric Hurdy Gurdy

 

Die zwei bis vier Bordunsaiten ganz unten erzeugen den eher dumpfen Grundton, der durchgehend erklingt. Darüber liegt/liegen die Melodiesaite/n (ein bis drei Stück), die den helleren knatschigen Ton erzeugen. Sie können durch Tasten abgeteilt werden, was verschiedene Tonhöhen erzeugt. Ganz oben ist/sind eine oder zwei Schnarrsaiten angebracht, die Rhythmuseffekte möglich machen. (Super erklärt wird das auch in diesem Video.) Im Grunde hat der Hurdy Gurdy Spieler also ein kleines Orchester in der Hand!

Erfolgsfaktor Vielseitigkeit

Dass man mit dem Instrument nicht nur wahnsinnig viele Töne erzeugen, sondern auch erfolgreich sein kann, beweist Guilhem Desq aus Frankreich. (Eben der Typ, den ich beim Zirkus hab spielen sehen.) 10.000 Fans auf Facebook begeistert er mit seinem Hurdy Gurdy, seine Videos wurden über 2 Millionen Mal geklickt. Er spielt nicht nur regelmäßig Konzerte und auf Festivals aller Art in Frankreich und Europa, sondern wird auch mal nach Indien oder in die USA eingeladen oder gebucht, um für Filmsoundtracks zu komponieren.

Er hat mit acht Jahren begonnen zu spielen und liebt die endlosen Möglichkeiten, die die elektrische Drehleier mit sich bringt.

An einem Tag glaubst du, du hast nun alle Töne entdeckt, die möglich sind – und am nächsten Tag macht sie wieder einen neuen Sound! Mich fasziniert auch das Rad: Die Vorstellung, dass ich einen unendlichen Ton erzeugen könnte, würde ich es für immer drehen, ist doch verrückt!

 

Ja, das Hurdy Gurdy kann einfach alles: Melodie, Begleitung, Rhythmus. Arbeitet man dann auch noch mit Loops, sind die musikalischen Möglichkeiten geradezu unbegrenzt und man hat fast einen Synthesizer in der Hand. Das macht das Komponieren darauf so interessant und anders im Vergleich zu herkömmlichen Instrumenten.

Guilhems Tipps für jemanden, der nun auch die elektrische Drehleier spielen möchte? Kurse zu belegen ist – zumindest am Beginn – unerlässlich. Sich schlechte Handgriffe wieder abzugewöhnen ist schwierig und gerade bei der Hand, die permanent das Rad dreht, sollte man sich keinen Blödsinn angewöhnen. Und gebt so wie viel Geld für das Instrument aus, wie für euch geht. Erst ein günstiges Modell zu kaufen und später umzusteigen macht beim Hurdy Gurdy keinen Sinn. Viel gelernt hat er auch von berühmten Drehleierspielern wie Valentin Clastrier.

Für welche Bauart ihr euch entscheidet, dabei lasst ihr euch beim Kauf am Besten vom Profi beraten. Guilhem hat seines selbst gebaut – klar, denn sein Vater verdient mit dem Bau der Instrumente seinen Lebensunterhalt und hat eine voll ausgestattete Werkstatt zu Hause. Seine elektrische Drehleier ist in Altstimmung gebaut und hat daher mehr Tasten als der Standard. Außerdem hat er magnetische Tonabnehmer, so wie bei einer elektrischen Gitarre. So kann er Effekte auf jede Saite legen. Das Coolste an seiner Drehleier ist aber: Sie ist ein Drachenkopf!

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Guilhem Desqs Elektrische Drehleier / electric Hurdy Gurdy

 

Gerade hat Guilhem Desq sein erstes Soloalbum aufgenommen und ein Crowdfunding gestartet, um es im Herbst 2017 veröffentlichen zu können. Er plant gerade auch eine Europatour für 2018, die ihn möglicherweise auch nach Österreich führt:

Ich habe noch keine konkreten Pläne, aber ich würde liebend gerne bei euch spielen! Österreich steht auf jeden Fall auf meiner Wunschliste für die Tour!

Sollte sich das wirklich ergeben, lassen wir es euch garantiert wissen!

Photos: (c) Guilhem Desq

Guilhem Desq live, (c) Aylin Izci:

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