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Beatsteaks: „Die Beastie Boys haben mich sozialisiert!“

Beatsteaks: „Die Beastie Boys haben mich sozialisiert!“

Letzte Woche haben wir uns mit Arnim und Torsten von den Beatsteaks getroffen, um mit ihnen über ihr neues Album Yours zu quatschen. Also nicht nur wir. Magazine, Radio, Zeitungen, Fernsehen… Schlagabfertigung im 20-Minuten-Takt. Die zwei saßen schon den ganzen Tag dort. Trotzdem noch geredet wie ein Wasserfall. Aber lest selbst.

So Promotage sind ja fast wie Speeddating. Ihr sitzt jetzt hier schon recht lang. Macht das überhaupt noch Spaß?
Arnim:
Wir sind fertig mit etwas, an dem wir lange gearbeitet haben und jetzt bekommt man zum ersten Mal Feedback von den verschiedensten Leuten. Das ist total interessant.

Ihr wart ja schon das eine oder andere Mal in Wien. Unter anderem der Arena…
Torsten:
Ja das ist eigentlich unsere Lieblingslocation. Es gibt wenig Läden, auch in Deutschland, in denen wir so oft gespielt haben wie in der Arena.

Wisst ihr eigentlich, dass ihr in der Arena einen Rekord haltet? Ihr seid die einzige Band, die jemals alle Räume der Arena durchgespielt hat. Maximal Danko Jones hat das vielleicht auch geschafft.
Torsten:
Danko Jones stiehlt uns jetzt sicher nicht diesen Rekord. Außerdem, Alter, Who the fuck is Danko Jones? Aber jetzt mal im Ernst. Danko wer?
Arnim: Ich kann mich gut erinnern, dass wir als Vorband von Lagwagon dort waren, die Deconstruction Touren,… Einmal standen wir nach einem Konzert in einem der kleinen Räume, oder dem Beisl, so genau weiß ich das nicht mehr, im Winter im Innenhof, schauten auf die Bühne und haben gesagt: „Alter, stell dir vor, hier mal zu spielen.“ Und kurz später haben wir das auch.

Beatsteaks (c) Mario Baumgartner

Beatsteaks (c) Mario Baumgartner

 

Aber jetzt mal zu eurer neuen Platte, oder besser gesagt, eurem neuen Sampler. Die Tracks sind doch ganz schön unterschiedlich.
Arnim:
Naja wenn ne Band ne 8. Platte macht… Wir haben uns überlegt, ob wir nicht ein paar Dinge verändern wollen, vielleicht ein langes Album. Vielleicht können wir diese Demos der letzten Zeit, die immer sehr vielfältig klingen, den Leuten zeigen. Wir haben bis Januar nicht gewusst, dass es ein Doppelalbum wird, weil wir immer nur an den Songs gearbeitet haben. Und dann puzzelte es sich so langsam zusammen. Das war sehr intensiv. Doch umso mehr kann ich es abfeiern. Ich hab noch nie ein so befriedigendes Gefühl gehabt nach ner Platte.
Torsten: Ich finde diese Konsequenz toll, mit der wir das gemacht haben. Zu sagen, wir sind die Produzenten, wir entscheiden am Ende ob der Song fertig ist oder nicht. Klar ist das anstrengend, weil irgendwem fällt doch immer noch etwas ein. Toll war auch, wenn ein Song mal nach Club riecht oder schmeckt, dass man sagt, lass doch den Song auch mal einem Produzenten machen, der schon Banger gemacht hat, die im Club rauf und runter laufen. Oder das Lied Sucker Punch. Das muss einfach so klingen wie aus dem Proberaum und aus der Küche bei Arnim und das tut es jetzt auch.
Arnim: Ja der rote Faden war uns komplett egal. Also irgendeine Farbe oder Thema zu finden, darum ging es gar nicht. Eher so frei wie möglich. Tür und Fenster offen im Studio. Gäste? Go bring it in. Lass uns ein paar Sachen erleben. Wir haben doch schon sieben straighte Alben gemacht. Es war mal Zeit für so ein Experiment.

Wie kam es zur Zusammenarbeit mit Jamie T bei dem Song Hate To Love?
Arnim:
Alle Songs sind so weit gekommen, so wie wir sie machen konnten. Und dann haben die Songs nach Fertigstellung gerufen. Und dann brauchten wir Hilfe. Wir hatten diese Strophen, aber keinen Chorus. Dann hat es uns immer an The Clash oder The Jam erinnert und dann haben wir gedacht, fragen wir doch mal Jamie und haben uns mit ihm auf ein Bier getroffen.

Funktioniert das? Sich auf nur ein Bier treffen?
Torsten:
Oja ja, das funktioniert. Geht bei uns. Wir sind da echt eine sehr disziplinierte Band. Wir haben Kernarbeitszeiten von zehn bis neunzehn Uhr. Peter trinkt neuerdings ab und an mal ein Cola Whiskey. Aber das ist eine Dose manchmal und da ist er schon der, der am Meisten im Proberaum trinkt. Saufen, das kommt eigentlich so gut wie nie vor. Fast schon ein wenig langweilig.

Wie hat es Yours zum Titeltrack geschafft?
Arnim:
Der Song Yours hieß immer Yours. Dann kamen langsam die Todesdeadlines näher und das Baby muss ja dann auch irgendwie heißen. Titelfavoriten waren nie da. Und Thomas maulte zum Feierabend einfach: „Ja ich würde es ja Yours nennen“. Dann haben alle eine Nacht drüber geschlafen und dann haben alle gefunden, dass Yours gut ist. Das klingt so wieder nach diesem Mixtape und so nach: Hier, das ist für dich. Man hat ja früher Mixtapes für jemanden gemacht, den man mag, dem man etwas mitteilen will und das war dann perfekt.
Torsten: Yours hat auch als Lied so lange gedauert, dass es auch eigentlich gut passt zu dem Album. Bei den letzten Alben hätten wir sicher gesagt: Wir können das nicht Yours nennen, der Song heißt ja so. Aber Wir haben da aber mehr ausprobiert als vorher. Uns mehr getraut.

Wie wichtig ist euch der österreichische Markt?
Torsten:
Der Markt ist uns nicht wichtig. Das Publikum. Die Konzerte, weil die halt richtig viel Spaß machen. Natürlich sind es hier weniger Konzerte als in Deutschland, aber es sind die geilen Konzerte. Deshalb kommen wir auch immer wieder her. Deswegen spielt man halt auch tausendmal in der Arena. Es gibt andere Städte und Länder, wo wir halt nicht so oft sind. Es soll uns halt auch Spaß machen. Wenn ich so zurückdenke, Graz, Linz oder auch Salzburg, Rockhaus. Das war immer cool.
Arnim: Und das Wort Markt, außer vielleicht in Flohmarkt, nimmt von uns keiner in den Mund. Das sind erst mal Bühnen, die man spielen kann. Leute, die man treffen kann.
Torsten: Oder hast du mal ne Mark.

Schafft ihr es dann eigentlich auch noch selbst auf Konzerte zu gehen?
Arnim:
Ich muss sagen, das funktioniert viel zu selten. Wir fliegen heut Abend wieder nach Berlin, da kann ich endlich wieder auf ein Konzert gehen. Rocket From The Crypt spielen heute Abend. Die kuck ich mir auf jeden Fall an. Das ist eine meiner Lieblingsrockbands aller Zeiten. Aber mein letztes Konzert, Bruce Springsteen, ist schon ein halbes Jahr her. Wir haben ja jetzt die Platte gemacht, da hab ich sowieso nicht so viel Zeit und Familie schränkt halt auch ein. Man will ja auch zu Hause sein, wenn man so viel arbeitet. Aber ich vermisse das.

Beatsteaks (c) Mario Baumgartner

Beatsteaks (c) Mario Baumgartner

 

Mittlerweile treibt ihr ja schon mehr als 20 Jahre euer Unwesen in der Musikszene. Wie hat sich die verändert?
Arnim:
Ach es kommt immer viel Quatsch, auch viel Gutes. Es gibt halt immer die Tokio Hotels. Aber es gibt auch immer tolle junge Bands. Ich weiß, dass Peter vor drei Jahren ganz aufgeregt von einem Pressetermin zurückkam und gesagt hat: „Ich habe da ne Band in Köln auf der Straße gesehen. Die fand ich ganz toll. Die heißen Annenmaykantereit. Die würde ich gerne mal auf Tour mitnehmen“. Und wie ich die das erste Mal gesehen habe, habe ich mir gedacht: „Ich kann zwar mit der Musik nicht viel anfangen, aber die werden sicher mal ganz ganz toll berühmt“. Und die sind ganz ganz toll berühmt geworden.

Ihr engagiert euch ja auch politisch, arbeitet das aber nicht so sehr in die Musik rein. Hat das dort keinen Platz?
Arnim:
Doch, doch. Bei uns liest man das eher zwischen den Zeilen. Also wenn du genau hinschaust, weißt du schon, wo sich die Band quasi politisch hinstellt. Bei uns gibt’s nicht den Joe Strummer. Doch wir haben fünf Joe Strummers in der Band, aber die müssen es nicht in Songs ausfertigen. Der hat gesagt: Liebeslieder gibt es genug. Ich singe jetzt mal über das oder das. Und das bewundern wir total, aber wir sind eigentlich mit anderer Musik groß geworden. The Clash habe ich dann eigentlich viel später erst entdeckt. Wie das die Beastie Boys immer gemacht haben, die waren durchaus eine politische Band, das hab ich immer bewundert. Die haben mich irgendwie sozialisiert. Und dann auch ganz viel Popmusik. Die Pet Shop Boys haben das auch immer ganz toll gemacht. Das gefällt mir gut.

Beatsteaks (c) Mario Baumgartner

Beatsteaks (c) Mario Baumgartner

 

Und welcher Musik bist du aufgewachsen, Torsten?
Torsten:
Ich war ein riesiger Pet Shop Boys und Nena Fan. Dann kam ziemlich schnell Depeche Mode. Wie es dann mit dem Hip-Hop losgegangen ist, hab ich mich in Beastie Boys, Run DMC, Public Enemy verschaut. Kurz nach der Wende kam dieses ganze Ska- & Reggaezeugs. Specials, Madness und dann war irgendwann Punkrock und Hardcore. Und jetzt ist es alles. Um noch mal zum Politischen zurückzukommen. Ich finde Bands wie Slime müssen ACAB und Deutschland muss sterben singen. Das passt so. Bei uns ist das halt eben anders. Man muss uns aber nichts erzählen. Wir machen das, was wir am Besten können: Musik, bei denen die Menschen gut drauf sein können, dabei nachdenken oder traurig sein können. Und wenn jemand von uns etwas Politisches gefragt wird, dann kriegt er ne knallharte, konkrete Antwort. Und wenn dann ein Song wie Summertime daherkommt, der auf den zweiten Blick eine Aussage hat, dann ist das so. Wenn das keiner erkennt und sagt: Klingt wie Manchester Rave, ist voll geil. Dann ist das auch ok. Solange er nicht sein scheiß Kreuz bei irgendeiner Hurensohnpartei macht, ist das alles egal. Das muss nicht immer so konkret werden in Songs und man kennt sich trotzdem aus. So wie bei Turbostaat. Oder den Beastie Boys.
Arnim: Über Beastie Boys kann man halt immer reden. Egal ob es um Politik, Klamotten, Sound oder Videos geht. Beastie Boys sind einfach die beste Band der Welt. Unsere Beatles.

Die Glocke läutet. Unsere 20 Minuten sind vorbei. Danke für das nette Gespräch. Habt ihr noch eine kleine Botschaft an euer Fans in Österreich?

Das neue Album der Beatsteaks erscheint am 1. September 2017. Bis zur nächsten Tour kann es dann bestimmt auch nicht mehr lang dauern.

Photos: (c) Mario Baumgartner

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Robert Ziffer-Teschenbruck

„Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen“ (Marcus Wiebusch)

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