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Deutschland muss immer noch sterben: Slime in der Arena

Deutschland muss immer noch sterben: Slime in der Arena

Fast 40 Jahre ist es her, als sich die Hamburger Punkband Slime zum ersten Mal die Ehre gab. Auch 2017 singen sie noch über Faschismus, Grenzschutz und über die Schöne Neue Welt. Dabei sind sie keineswegs nostalgisch. Nein. Sie treffen die aktuelle Lage auf den Punkt, so wie sie es auch schon in den Achtziger taten. Beim Konzert in der Wiener Arena zeigten sie jedoch, dass nicht nur ihre neuen Lieder von Aktualität zeugen.

Holpriger Start

Den Abend eröffneten Freak Temple, Stonerpunk aus Wien. Leider schaffen wir es nur mehr zum letzten Lied. Ein Slime Cover. Guter Start in den Abend. Die zweite Band hatte einen etwas holprigen Start, einen holprigen Mittelteil, ein holpriges Ende. DefektDefekt sind ein englisch/deutsches Trio, bei dem sich den Gesang, die Gitarre und den Bass zwei Leute teilen. Schon beim ersten Lied traf es die Halle unerwartet. Punk mit 80er-New-Wave Einfluss. Die Songs sind teilweise schnell, teilweise recht tanzbar. So richtig Anklang fand die Band jedoch nicht.

Das lag vielleicht daran, dass man nie genau wusste, wann ein Song vorbei ist, wann sie kurz Pause machen und ob der Instrumentenwechsel geplant war oder nicht. Auf der großen freien Fläche vor der Bühne tanzt jemand. Nach gut 45 Minuten verlassen die meisten Menschen ein wenig verwirrt die Halle. So auch DefektDefekt.

40 Jahre später

2012 veröffentlichten Slime ihr erstes Album seit 1994: Sich fügen heißt Lügen. Dabei nahmen sie Texte des Dichters Erich Mühsam und vertonten diese. Jetzt, 2017, veröffentlichten sie das Album Hier & Jetzt. Die ersten neuen Slime Songs seit dem Album Schweineherbst. Und die wollten sie natürlich spielen. Begonnen haben sie ihr Set mit Sie wollen wieder schießen (dürfen), gefolgt von Unsere Lieder.

Schnell wird klar: Slime sind auch 2017 noch aktuell. Slime sind ihrem Stil treu geblieben, verpacken ihre antifaschistischen Inhalte aber in einem neuen Gewand. Auf dem Punkt bleiben sie trotzdem. Kein wenig altbacken, nicht hängengeblieben in längst vergessenen Zeiten. Selbst wenn sie ihre alten Songs spielen. Es folgt Schweineherbst und Alle gegen Alle.

Das neue Zeug muss raus. Slime spielen ganze 12 ihrer 16 neuen Songs. Dass sie bei ihrem Besuch aber nicht auf alte Klassiker verzichten, war klar. Sie greifen bis auf ihr erstes Album zurück (We Don’t Need The Army), geben in der Mitte des Konzerts ein kurzes Akustikset (Zu Kalt, Gewalt) und werfen gegen Ende ihre größten Klassiker raus (Deutschland, A.C.A.B., Religon). Der letzte Song des Abends ist eine internationale Hymne ihres neuen Albums: Let’s Get United. Und natürlich darf beim Gang von der Bühne Heidi Kabels In Hamburg sagt man Tschüss nicht fehlen.

Fazit

Slime sind eine der wichtigsten (wenn nicht die wichtigste) Band der deutschen, antifaschistischen Punkszene. Dass sie das auch 2017 noch sind, beweisen sie mit ihrem neuen Album. Mit ihren Inhalten, die auch heute noch so aktuell erscheinen. In ihrem Song Unsere Lieder behandeln sie dieses Thema punktgenau.

Mir wär es lieber, unsere Lieder, wären nicht mehr aktuell und niemand würde sie noch singen. Sie wären nur ein Zeugnis, einer längst vergessenen Welt und keine Zeile würde heut noch stimmen.

In Zeiten, in denen die Afd im Bundestag sitzt, in Österreich eine schwarz-blaue Koalition vor der Tür steht, sind sie das aber einfach nicht. Heute sind es halt nicht die Bullen und die NPD, die Slime den Input für ihre Songs geben. Heute sind es die Afd, der NSU, der Grenzschutz. Deutschland muss anscheinend immer noch sterben, damit wir leben können.

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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