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Joey Cape: „I got fucking old, man!“

Joey Cape: „I got fucking old, man!“

Wir haben uns letztens mit Lagwagon-Mastermind Joey Cape in der Arena getroffen und mit ihm geplaudert. Dabei ist so einiges schief gegangen.

Allen Anfangs dürfte es eine anstrengende Tour gewesen sein. Zu unserem Termin um 19:10 war Joey Cape noch im Hotel. Interview verschoben. Und noch mal verschoben. Bis wir letzten Endes im Backstage waren, war es 20:45. Der Tourmanager räumte uns nur mehr zehn Minuten ein. Fotografen gab es keinen, also drückte ich meiner Konzertbegleitung kurz vorher eine Kamera in die Hand. Das Mikrofon des Aufnahmegeräts hat nach ein paar Minuten den Geist aufgegeben. Und obendrein haben wir nahezu alle Vorbands verpasst. Die verwackelten Fotos zeigen aber, dass wir anscheinend recht viel Spaß mit Joey hatten.

Mehr: Joey Cape Live in der Arena „Sympathische Eintönigkeit“

Fünf Fragen an Joey Cape

Als wir mit Joey Cape einen der Räume im Backstage der Arena betreten, fällt ihm sofort ein Plakat seiner Band Scorpios auf. Im ersten Moment sticht ihm das gemalte Herz und der Schriftzug „R.I.P.“ neben dem Foto von Tony Sly auf. Danach ein Klebestreifen über Brian Wahlstroms Oberlippe. Ein geklebter Hitlerbart. Er ärgert sich und entfernt den Streifen. Wir setzen uns und beginnen zu plaudern. Die Frage, ob wir uns nicht kennen, fasste ich als Floskel auf. Wir haben uns zwar schon einmal getroffen, aber nach fünf Minuten sprechen, würde ich nicht denken, dass er sich an mich erinnert. Ich erzähle ihm, wo wir uns getroffen haben. Mittlerweile sind schon drei der zehn Minuten verstrichen. Bleiben sieben über.

Beginnen wir mal mit einer nostalgischen Frage: Wie bist du zum Punk gekommen?
Joey Cape: Mentoren. Als ich 13 oder 14, war lernte ich Matt Davis kennen. Er zeigte mir alles über Punk. Wir saßen nach der Schule bei ihm zu Hause und hörten Platten. Irgendwann auf einer Party kamen dann mal Freunde von ihm auf mich zu. Sie wussten, dass ich Schlagzeug spiele. Sie schüchterten mich ein. Es war weniger eine Frage, ob ich bei ihnen mitspielen würde, als dass sie mir gar keine Wahl ließen. In der Band spielte ich dann ein Jahr. Irgendwann flog ich aus der Schule, es kamen weitere Projekte und irgendwann Lagwagon. Scheiße, bin ich alt geworden. Irgendwann wendete sich das Blatt und ich war dann für Matt so etwas wie ein Mentor. Er ist leider vor ein paar Jahren gestorben. Ich habe einen Song darüber geschrieben.

Und was wäre aus dir geworden, wenn du Matt nie getroffen hättest?
Joey Cape: Ich denke, es wäre nur eine Frage der Zeit gewesen. Früher oder später wäre ich zum Punkrock gekommen. Die Interessen waren ja da. Die erste Platte, die ich mir kaufte, war Never Mind The Bollocks von den Sex Pistols. Oder war es doch Rocket to Russia von den Ramones? Das weiß ich jetzt gar nicht mehr. Mann, bin ich alt geworden. Aber früher oder später wäre ich wohl den Weg gegangen, den mir Matt geebnet hat.

Die Tür geht auf. Ben, der Tourmanager, blickt herein, tippt mit seiner rechten Hand auf seine nicht vorhandene Armbanduhr und schaut fragend in Joey’s Richtung. Die zehn Minuten sind um. Joey nickt nur. Wir reden weiter.

Jetzt bist du ja ein Mentor. Mit deinen One Week Records holst du immer interessante Künstler ins Boot. Was suchst du genau?
Joey Cape: Es sind großteils Freunde oder Menschen, die ich auf Tour kennengelernt habe. Mit Brian habe ich ja schon jahrelang gemeinsam gespielt. Zach von den Pears kenne ich von Konzerten, so wie Donald Spence. Manchmal sehe ich auch jemanden auf einem Konzert, wo ich mir denke, mit dem oder der könnte ich mal etwas starten. Und dann will ich mit denen halt gemeinsam Musik machen. Eigentlich ist mir die Idee gekommen, da ich oftmals die Demos meiner eigenen Veröffentlichungen besser fand als die fertigen Platten. Man muss nicht alles immer überproduzieren, aber trotzdem alles aus den Musikern rausholen, was geht. Eine Woche, zehn Songs. Die wohnen dann bei mir, essen bei mir, schlafen bei mir und nehmen in meinem Studio zehn Songs auf.

Weil du es gerade ansprichst: Schaffst du es überhaupt noch auf Konzerte, außer auf deine eigenen?
Joey Cape: Naja, wenn du im Jahr bis zu 280 Konzerte spielst, bist du sowieso nur auf Konzerten. Ich habe eine Frau und ein Kind, die sehe ich dadurch manchmal auch sehr selten. Die Zeit will ich dann mit ihnen verbringen. Außerdem bin ich alt geworden. Aber manchmal, wenn meine Tochter schon im Bett ist und ein gutes Konzert ist, dann schleiche ich mich raus und schaue mir noch die letzte Band an.

Auf dieser Tour spielt ja jeden Tag ein Local Artists einen seiner Songs auf euren Konzerten. Wie ist es dazu gekommen?
Joey Cape: Ich habe übers Internet dazu aufgerufen, dass mir Musiker Songs schicken sollen. Manchmal waren es bis zu 30 in einer Stadt, dann klickst du alles durch, hörst alles an und hast die Qual der Wahl. Manchmal war es nur einer. In einer Stadt, ich sage jetzt nicht wo, musste ich der Person sogar absagen, weil mir die Musik gar nicht gefallen hat. Es gab aber keine anderen Bewerber. Aber generell waren schon gute Musiker dabei, ein paar Talente und viele, die einfach ihr Ding gemacht haben. Das Schöne ist halt, dass es so viele gute Musiker gibt, die können noch so gut sein, wenn die immer nur vor vier Leuten spielen, weil sie keiner kennt, wird sie auch nachher niemand kennen. Das war so der Hintergedanke, dass man sagt…

Ab hier ist auf der Aufnahme nur mehr ein leises Rauschen zu hören. Joey Cape hat uns noch davon erzählt, was er an Bands gut findet. Aktuelle Empfehlungen konnte er uns nicht aussprechen, es gäbe zu viel gute Sachen. Österreichische Bands kenne er auch, aber nicht beim Namen. Als ich das Tonaufnahmegerät abgeschaltet habe, richtete sich sein Blick auf die Wand und er staunte über die ganzen Plakate. Ich fragte ihn, ob er nicht eh schon all diese Bands live gesehen hätte. Und immer wieder kam dieser einer Satz:

I got fucking old.

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Robert Ziffer-Teschenbruck
"Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen" (Marcus Wiebusch)
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